Genesis

Ray Wilson – Time & Distance (2017)

Ray Wilson – Time & Distance
Label: Jaggy D, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Künstler
Genre: Progressive Rock, Rock

Genesis – manchmal mutet diese Koryphäe des Progressive Rock ja wie ein Fluch an, denn selten löst sich ein Musiker komplett davon. Allerdings macht es auch mehr als Sinn, bei einer karriereübergreifenden Veröffentlichung diese Phase im Wirken zu berücksichtigen. Ray Wilson war nämlich nicht nur Frontmann beim letzten Genesis-Album, sondern auch heute noch grosser Fan dieser Truppe und deren Gründer. Bei seiner langen Europatour 2016 nutzte er also die Gelegenheit, seine eigene Musik mit Klassikern von Peter Gabriel, Phil Collins, Mike + The Mechanics und deren gemeinsamen Kompositionen zu durchmischen.

„Time & Distance“ ist nun das Endprodukt dieses gross angelegten Projektes und wurde an drei Konzertabenden in Hamburg, Zoetermeer und Heerlen aufgezeichnet. Ray Wilson und seine Band stürzen sich dabei in ein ausdruckstarkes Set, dass energiereich und voller Spielfreude dargeboten wird. Wenn man bei der ersten CD gleich mit „The Dividing Line“, „Carpet Crawlers“ und „Ripples“ umgarnt wird, dann wird hier alles richtig gemacht. Wilson präsentiert sich als wandelbaren Sänger, seine Mitmusiker verfügen über eine Dynamik und Tiefe, die solche Lieder brauchen. „Mama“ wird gar wuchtiger als im Original, „In Your Eyes“ von Gabriel schwingt perfekt.

Wenn sich „Time & Distance“ auf dem zweiten Silberling auf die persönlichen Lieder von Ray Wilson konzentriert fällt auf, wie starke Rocksongs dieser Mann schreiben kann. Emotional, perfekt ausbalanciert und auch gerne lange ausufernd wie bei „Makes Me Think Of Home“ – hier versammelt sich langjährige Erfahrung. Dieses Livealbum ist somit eine tolle Entdeckungsreise durch viele Jahre und Stationen, erweitert mit tollen Ansagen und einer gut aufgelegten Band. Da fuchst es einem gleich, wenn man Wilson 2016 selber nicht gesehen hatte.

Anspieltipps:
The Dividing Line, Mama, Take It Slow, Makes Me Think Of Home

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Steve Hackett – The Total Experience Live In Liverpool (2016)

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Steve Hackett – The Total Experience Live In Liverpool
Label: Inside Out, 2016
Format: Download
Links: Künstler, Facebook
Genre: Progressive Rock

Genesis, Genesis, Genesis – der liebe Steve Hackett versucht schon gar nicht mehr, von seiner Vergangenheit und den ewigen Verweisen auf seine Jugend loszukommen. Nachdem er während der letzten Jahre die Welt mit seiner Reanimation der Proglegenden durch „Genesis Revisited“ begeisterte, wurde auch die letzte Tour zu seinem Soloalbum „Wolflight“ von den Stücken aus den vergangenen Jahrzehnten gekapert. Eigentlich kein Grund zum Meckern, schliesslich sind die Lieder der wegweisenden Band immer noch vorzüglich anzuhören. Doch irgendwie wird alles etwas zu oft durchgekaut.

Fans von Progressive Rock gehören wohl noch stärker zu der Sorte Musikgeniesser, die ihre Lieblingskünstler damit ehren, dass sie alle Veröffentlichungen kaufen und ehrfürchtig in den Altar namens Sammlung stellen. Bei Steve Hackett muss man allerdings vermehrt nach Begründungen für diese Tat suchen. Jedes Album erhält mindest eine Liveaufnahme, gewisse Tourneen sogar zwei. Auch seine Konzertreihe zu „Wolflight“ wird nun auf CD und DVD präsentiert, hübsch aufgenommen in Liverpool. An diesem Abend setzte der Gitarrenvirtuose und sympathische Engländer auf eine Mischung aus brandneuen Stücken und vielen alten Klassikern. Wobei es vor allem spannend ist, Stücke wie „Love Song To A Vampire“ in diesem Gewand zu hören.

Bei Steve Hackett gibt es selten etwas zu meckern, so ist auch dieses Konzert wieder wunderschön und fantastisch gespielt. Der Prog berührt den Folk-Rock, tanzt mit den Wirkungen der Renaissance und wirkt durchwegs erhaben. Rob Townsend und Roine Stolt wechseln meisterhaft zwischen den Instrumenten, Ned Sylvan lässt Peter Gabriel erscheinen. Hackett selber ist wie immer die Untertreibung in Person, dirigiert seine Band und Saiten aber königlich durch den Abend. „The Total Experience“ ist somit ein schönes Album, wegen der Veröffentlichungswut aber nur ein Muss für Fanatiker oder Menschen, die von Steve Hackett kein aktuelles Livealbum besitzen.

Anspieltipps:
Wolflight, Love Song to a Vampire, The Cinema Show, The Musical Box

Live: Night Of The Prog Festival X, Loreley, 15-07-17 bis 19

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Night Of The Prog Festival, Volume 10
Freitag 17. bis Sonntag 19.07.2015
Freiluftbühne Loreley, St. Goarshausen

Alle Jahre wieder? Nachdem mir der erste NotP-Besuch so gefallen hatte, hiess es auch dieses Jahr wieder: Ab auf die Loreley. Mit mehr Freunden, grösserem Auto und guter Laune ging die lange Fahrt los, untermalt aus einem interessanten Soundmix des Prog-Bereiches. Nach Stau, Wärme und Fähre durften wir uns auf dem Zeltplatz mit dem steinharten Boden und verkrümmten Heringen abmühen, aber hatten immerhin viel Platz und unsere letzt jährigen Bekanntschaften als Nachbarn. Darum ging es munter weiter zur Freilichtbühne und ab in die Konzertwelt.

Dieses Jahr feierte die Night Of The Prog ihr zehnjähriges Bestehen und wurde darum auf drei Tage ausgeweitet. Das hiess mehr Spass, Bier und Musik, in dieser Auflage eine bunte Mischung aus alten Helden und neuen Recken. Den Tagesstart durften natürlich die noch unbekannteren Bands wagen, obwohl es Neulinge beim diesjährigen Line Up nicht gab. Bereits am Freitag gaben sich LeSoir, Beardfish und Anneke Van Giersbergen die Mikrofone und Gitarren weiter. Wobei gerade die Sängerin auf viele Fans zählen kann, zeigte ihr Set schliesslich eine grosse Bandbreite mit Liedern von The Gentle Storm, Ayreon, Devin Townsend oder The Gathering. Da sie stimmlich leider etwas angeschlagen war, wurde sie von einer zweiten weiblichen Stimme unterstützt, die Haare schwangen alle Musiker/innen auf der Bühne. Was zum Teil etwas gar übertrieben darstellerisch rüberkam, hatte bei mir auch wegen dem Bombast zu kämpfen. Der Kitsch blieb danach zwar auf der Bühne, wurde aber in netten Neoprog verwandelt. Die alten Männer von Pendragon bestiegen die Bühne und spielten ein wunderbares Set aus alten Lieblingen und neuen „Hits“. Etwas merkwürdig überflüssig waren die zwei Background-Sängerinnen, die zwar in Steam-Punk Kopfbedeckung und Overalls hübsch rumtänzelten, aber eigentlich nie sangen. Ad absurdum wurde das Konzept dann mit dem weiblichen Gesang ab Band geführt. Sex sells?

Solche Mittel haben Neal Morse und seine Jungs schon lange nicht mehr nötig. Wieder einmal beehrte der Amerikaner den Felsen und zeigte sich in der neusten Inkarnation als „The Neal Morse Band„. Da der Name Programm ist, stand der Künstler im Mittelpunkt und präsentierte hart rockend die Stücke von „The Grand Experiment“. Im Gegensatz zum Konzert im Z7 fand ich diese Show hier rundum gelungen. Die Musiker hatten Spass am Spiel (Mike Portnoi stach wie immer heraus), die Lieder knallten rein und Spock’s Beard wurden auch geehrt. Der eigentliche Headliner Camel hatte es da schon schwerer für mich. Klar, die Müdigkeit war stark und ich kannte ihre Musik nicht, aber es holte mich nie ab. Egal wie wichtig sie für den Prog sind, egal wie viele Klassiker in ihrem Repertoire stecken, ich bewegte mich lieber frühzeitig auf den Zeltplatz zurück.

Der Samstag liess zuerst schlimmes vermuten, Luna Kiss waren aber doch keine Prog-Goth-Emo Truppe, sondern eine hart Rockende Band – von Blues über Prog zu Hard-Rock. IO Earth hingegen versauten sich vieles mit ihrem übersteuerten Sound, den unzähligen Samples und einer Musik, die scheinbar immer über die Synth geführt wird. Zu viel Pathos, zu viel Oper, zu viel Bombast – da half auch die blonde Schönheit am Mikrofon nichts. Dafür durfte ich endlich mal Sylvan live erleben. Die Hamburger spielten viel vom neuen Album Home und ein paar Klassiker wie „Artificial Suicide“. Stimmlich zwar nicht immer auf dem Punkt, aber doch professionell und manchmal berauschenden Art-Rock. Lazuli können das aber noch besser, zeigten die Franzosen doch von der ersten Sekunde an grosses Talent und viel Spielfreude. Ihre Musik hebt sich gekonnt vom Einheitsbrei der Progszene ab und weiss auch mit verrückten Instrumenten zu glänzen. Supertoll war auch, dass man die Bandmitglieder für die restliche Festivaldauer noch auf dem Gelände antreffend konnte und mit ihnen Bier trinken und schwatzen durfte.

Über The Enid schreibe ich lieber nicht zu viel, ich fand es grässlich. Aber die Pause tat gut, schliesslich wurde ich danach von Riverside regelrecht weggeblasen. Diese Lieder in ihrer vollen Pracht endlich auf einer Bühne zu erleben, das war unbeschreiblich. Die Gruppe ist unglaublich gut und kann mit ihrer eigenen Musik extrem viel Atmosphäre erschaffen. Als Krönung gab es sogar zwei Lieder vom im Herbst erscheinenden Album. Eigentlich wäre der Abend hier abgeschlossen, aber Fish stapfte auf die Bühne und zeigte zum allerletzten mal das komplette „Misplaced Childhood“ Album. Emotional, mitreissend und unter die Haut gehen. Ich war wie in Trance und verliess das Amphitheater fliegend.

Sonntag, letzter Tag nach einer nassen Gewitternacht, Regen zeigte sich auch während den Konzerten. Aber ein echter Progger versinkt in der Musik, nicht im Schlamm. Darum wurde bereits zu Special Providence laut geklatscht und gefeiert. Die instrumentale Musik war auch nur der Wahnsinn. Haken konnten auch viel, haben aber leider einen sehr theatralischen Frontmann dabei. Hier hiess es: Wegschauen und die Musik geniessen. Denn die wurde gegen Ende des Auftrittes nett komplex, mit Anleihen bei Gentle Giant. Kaipa Da Capo erreichten dann leider nie diese Sphären, auch wenn der schwedische Prog zum allerersten Mal in Deutschland gespielt wurde. Roine Stolt und seine Mannen mühten sich mit der Technik und etwas zusammenhangslosen Songs ab, die Spiellust schien ihnen auch zu fehlen – schade. Genau das Gegenteil gab es dann beim Auftritt von Steve Rothery und seiner Band. Nebst Material vom Album „The Ghost Of Pripyat“ gab es auch alte Marillionsongs und einen erneuten Ausschnitt aus „Misplaced Childhood“. Was will man mehr? Grendel? Tja, gab’s auch dieses Mal nicht.

Pain Of Salvation verzückten mich mit einem wilden Set aus alten Prog-Metal Songs, ich hatte ja schon Angst, die Gruppe versinkt im Retro-Rock. Auch den Stromausfall beim Konzertbeginn steckten sie mit Humor weg und wurden danach umso wilder. Aber ich wollte Energie sparen, schloss das Festival doch mit der letzten Vorstellung von „Genesis Revisited“ ab. Steve Hackett spielte sich mit seiner grossartigen Band durch ein Set voller Klassiker und geliebten Liedern. „Watcher Of The Skies“, „Musical Box“, „Supper’s Ready“, und und und. Zwei Stunden lang schwebte man im Genesis-Himmel und glaubte die echte Truppe auf der Bühne zu hören. Unfassbar wie frisch und druckvoll diese alten Stücke immer noch klingen. Und was für ein perfekter Abschluss für diese drei Tage.

Night Of The Prog: Wieder einmal international, gemütlich, wunderschön und ein tolles Fest. Toll, wurde das Essensangebot ausgebaut, gab es mehr Komfort auf dem Camping und noch mehr neue Freunde. So muss ein Festival sein.

Viele tolle und offizielle Bilder findet ihr auf Facebook.

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Steve Hackett – Wolflight (2015)

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Steve Hackett – Wolflight
Label: Inside Out, 2015
Format: Doppelvinyl im Gatefold, mit CD
Links: DiscogsKünstler
Genre: Progressive Rock, Folk Rock

Gitarre spielen viele Musiker, und noch mehr, die diesen Beruf erlernen wollen. Doch wirkliche Meister lassen sich an wenigen Fingern abzählen, Steve Hackett gehört auf jeden Fall dazu. Seit seinem Mitspiel bei den Prog-Urgesteinen Genesis ist er eine Legende und ein unglaublich facettenreicher Saitenzauberer. Nach diversen Aufarbeitungen von altem Material, kehrt er nun mit brandneuer Musik ins Rampenlicht zurück. Da heulen nicht nur die Wölfe, vor Freude natürlich.

Hackett gilt zu Recht als Meister, der seit Jahrzehnten alle Bereiche der Gitarre erforscht, Grenzen auslotet und sogar vor klassischen Gebieten nicht zurückschreckt. Auch mit „Wolflight“ lässt er sich stilistisch nicht so einfach festnageln, wobei das Album klar dem Progressive Rock zuzuordnen ist. Dieser Musikrichtung hat sich Hackett nie komplett abgewandt, mischt die typischen Zutaten aber mit viel Eigeninitiative. So findet man als Hörer in jedem Song Zitate und Hinweise auf ferne Kulturen, Traditionals oder andere Stile. Ob orientalisch gerockt, oder gezupft wie in der Renaissance, die Musik umfasst geschickt Jahrhunderte. Da passt es auch, dass mit „Love Song To A Vampire“ die textliche Ebene auf dieses Niveau befördert wird. Verspricht der Titel zuerst vor allem Klischees, weiss es Hackett mit seiner Band aber geschickt Platitüden zu umgehen und das Lied zu einem wuchtig schwelgenden Epos umzudichten. Eine Eigenschaft, die für das gesamte Album gilt. „Wolflight“ umgeht Stolperfallen und Tiefen, erlaubt sich zwar Zitate älterer Platten des Musikers, bleibt aber immer eigenständig. Die Fingerfertigkeiten des Künstlers sind unglaublich, jede Spielart scheint er zu beherrschen und verinnerlicht zu haben. Dass es aber nie zu einer Muskelschau ausartet, kann man dem großartigen Songwriting verdanken. Die Stücke bleiben im Bandsound, zähe Solis muss man nicht ertragen.

Mit „Wolflight“ wird der beachtlichen Diskografie von Steve Hackett ein weiteres, sehr grosses Album hinzugefügt. Gerne versinkt man in den vielfältigen Songs, die oft von abwechslungsreichen Gitarren beherrscht und geführt werden. Romantik und Nostalgie, gleichzeitig aber auch viel Wissensdurst und ein progressiver Geist, so ist’s recht.

Anspieltipps:
Love Song To A Vampire, Corycian Fire, Black Thunder

Beardfish – +4626-Comfortzone (2015)

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Beardfish – +4626-Comfortzone
Label: Insideout, 2015
Format: Doppelvinyl im Gatefold, mit CD
Links: Discogs, Band
Genre: Retro-Prog, Rock

Wo fühlst du dich wohl, was ist Heimat? Gibt es in der grossen und modernen Welt noch Möglichkeiten zu Rückzug und Ruhe? Die schwedischen Progressive Rocker Beardfish haben sich die Frage auch gestellt, und präsentieren ihr neustes Album als Lösung. Der Titel mit der Vorwahl des Geburtsortes des Sängers Rikard Sjöblom zeigt die Herkunft als Komfortzone, unterstrichen durch ihre Musik voller bekannter Elemente der Rockgeschichte. Beardfish haben ihre Musik für das Album nicht neu erfunden, sondern bewegen sich im konstanten Strom der sanften Entwicklung.

Was sicherlich gleich auffällt: Die Mannen beschränken sich immer mehr auf gitarrenbeherrschte Lieder. Sicherlich finden Klavier und Keyboards noch ihre Wege auf das Album, tonangebend ist aber das Saiteninstrument. Eine Veränderung, die so wohl nicht jedem gleich gut schmeckt. Bei gewissen Songs gehen die Schweden nun sogar so weit, dass der Metal Einzug hält (wie bei „King“ oder „Daughter/Whore“). Natürlich in sanften Gesten, aber die Botschaft ist klar: Es wird stark gerockt, und somit auch der Fokus auf knackige Songs und weniger Longtracks gelegt. Um diesen bunten Strauss aus Rock zusammen zu fügen, bedient sich die Gruppe in der gesamten Geschichte des härteren und progressiven Rock. Schon beim ersten Lied „Hold On“ denkt man an Gentle Giant oder King Crimson, um dann bei „Comfort Zone“ eine Gitarre zu erhaschen, die scheinbar Steve Hackett spielt. Mit all diesen netten Hommagen an die grossen Bands vergangener Jahrzehnte klingen Beardfish zwar niemals billig und wie eine schlechte Kopie, aber oft auch etwas uneigen. Die Band bewies schon immer ein gutes Gespür für das Destillat des Retro-Rock, aber schmückte diese Mahlzeit auch immer mit eigenem Topping. Genau diese Verzierung fehlt mir auf „+4626-Comfortzone“ bei gewissen Liedern doch zu sehr. Wenn ich alte Musik hören will, höre ich oben erwähnte Bands. Oder gleich Pain Of Salvation, denn mit der hier herrschenden Stimmung könnte es auch eine Platte der ebenfalls schwedischen Musiker sein.

Ich habe meine Mühen mit dem Album. Obwohl die Songs meist überzeugen und grossartig produziert und gespielt sind, fehlt mir das gewisse Etwas. Beardfish waren immer eine Band, die mir live sehr gefallen, aber auf Platte nicht abholen. Ihre Neigung zur Zitatensammlung der Musikgeschichte und der emotionellen Bindung an die Retro-Bewegung gefällt mir nicht immer. „+4626-Comfortzone“ ist zwar sehr zugänglich, aber auch ohne wirkliche Überraschungen. Für Fans und Befürworter dieser Strömung im Prog sicherlich ein Highlight, für mich leider etwas lustlos.

Anspieltipps:
Hold On, Comfort Zone, If We Must Be Apart (A Love Story Continued)

Das dazu passende Getränk:
Ein Glas Eistee ohne Zitronenschnitz.

Genesis – R-Kive (2014)

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Genesis – R-Kive
Label: Virgin, 2014
Format: Dreifach-CD mit Booklet im Digipak
Links: Discogs, Band
Genre: Progressive Rock, Art-Rock, Pop, Rock

Eine komplette Übersicht und Werkschau der Progrock-Legende Genesis und der Solokarrieren von jedem Mitglied? Auf drei CDs? Ein Projekt, das zum Scheitern verurteilt scheint – die Masse an Musik ist schliesslich gewaltig. Aber BBC, die Musiker und Virgin haben sich zusammengesetzt, um ein der Legende würdiges Produkt zu erschaffen und damit pünktlich zum Weihnachtsgeschäft und der Ausstrahlung der neuen Dokumentation „Sum Of The Parts“ eine stattliche Best Of kreiert. Verpackt in einem hübschen Digipak macht die Sammlung doch einiges her, besonders auch dank dem informativen Booklet, in dem jedes Albumcover abgebildet wird.

Die Musik von Genesis benötigt hoffentlich keine Einführung mehr. Die Band startete 1970 mit „Trespass“ einen bis heute schillernden Siegeszug durch die Welt des abenteuerlichen Prog Rock. Alben wie „Selling England By The Pound“ oder „The Lamb Lies Down On Broadway“ sind bis heute Referenzpunkte für viele Bands und gelten zu Recht als Meisterwerke. Die Band verstand es, solch grundverschiedene Menschen wie Peter Gabriel, Phil Collins oder Tony Banks auf eine Wellenlänge zu bringen und gemeinsam nicht nur Lieder, sondern Epen und Geschichten zu erschaffen. Nach den Ausstiegen von Gabriel und Steve Hackett bog die Band in Richtung Pop ab. Diese extreme Umstellung verärgerte nicht nur viele Altfans, die Neuausrichtung machte aus den Bandmitgliedern weltweit bekannte Stars und die Songs standen überall an der Spitze der Charts. „Mama“, „Invisible Touch“ oder „I Can’t Dance“ zeugen bis heute aber davon, dass es hier nicht um das schnelle Geld, sondern um die künstlerische Wandlung ging. „R-Kive“ gelingt es dabei gut, die interessanten und bedeutenden Lieder auszuwählen – das unvermeidliche „Hold On My Heart“ vergessen wir jetzt einfach mal. Und auch wenn viele Alben von Genesis besonders als Gesamtwerk ihre Wirkung entfalten, verfügen die Lieder auch separat präsentiert genügend Tiefgang um als Compilation zu überzeugen.

Der interessanteste Aspekt von „R-Kive“ ist aber die chronologische Integration der Lieder aus den Soloalben. Jeder Musiker durfte selber drei Songs auswählen, welche in seinen Augen die wichtigsten oder passendsten darstellen. Erstaunlich ist dabei, dass oft nicht die klassischen Hits sondern eher unbekanntere Lieder gewählt wurden. „The Living Years“ von Mike + The Mechanics, „Easy Lover“ von Phil Collins oder „Signal To Noise“ von Peter Gabriel hätte wohl nicht jeder erwartet, es gibt schliesslich einige erfolgreichere Lieder. Dadurch erhält die Sammlung aber einen Mehrwert und bietet einige überraschende Momente: So erstaunt es doch wie gut sich beispielsweise „Signal To Noise“ und „Calling All Stations“ (vom allerletzten, mit Ray Wilson am Mikrofon stehenden Genesis-Album) nebeneinander machen. Oder das Hackett schon immer seinen eigenen Weg mit der Musik ging.

Somit lohnt sich „R-Kive“ auch für Leute, die alle Alben der Band besitzen und sich gerne mal einen chronologischen Überblick verschaffen wollen. Perfekt funktioniert dieses Set vor allem für Neulinge, werden doch alle Facetten der Band abgebildet. Und Komplettisten greifen sowieso zu. Kritikpunkt meinerseits: Eine Best Of ist immer eine Best Of, ich mag dieses Format per se nicht wirklich da oft zu viele Aspekte und Wirkungen der Alben verloren gehen. Aber als Fan der Band und Vergötterer von Peter Gabriel habe ich natürlich trotzdem zugegriffen.

Anspieltipps:
I Know What I Like (In The Wardrobe), In The Air Tonight, Silent Running (On Dangerous Ground), Invisible Touch, Signal To Noise

Das passende Getränk dazu:
Ein altbewährtes Fuller’s, englisch und gereift.

Steve Hackett – Genesis Revisited: Live At The Royal Albert Hall (2014)

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Steve Hackett – Genesis Revisited: Live At The Royal Albert Hall
Label: Inside Out, 2014
Format: Doppel-CD, 2 DVDs und 1 Bluray im Mediabook
Links: Discogs, Band
Genre: Progressive Rock, Folk

Genesis, eine Band für die Ewigkeit. Ihre Lieder und Alben waren Wegbereiter und Meilensteine des klassischen Progressive Rock. Auch heute noch wird ihr Output auf der ganzen Welt angehört und Coverbands feiern grosse Erfolge. Braucht es aber von diese altbekannten Songs neue Auflagen, Versionen und Veröffentlichungen? Eine schwierige Frage die ich auch mit dem neusten Live-Album von Steve Hackett nicht klar beantworten kann.

Etwas erstaunt das Vorgehen schon. Der ehemalige Gitarrist der Prog-Giganten veröffentlichte vor nicht all zu langer Zeit das Album „Genesis Revisited II“ mit neuen Versionen und von ihm angepassten Stücke. Dieser Umbau ist im mehr als gelungen, erstrahlen die Klassiker doch in neuem Licht. Warum es zur dazugehörigen Tour aber gleich zwei Live-Aufnahmen zu kaufen gibt, ist etwas fraglich. Mit „Live At Royal Albert Hall“ wurde das Konzert von London in einem schmuck aufgemachten Mediabook im LP-Format in die Kaufhäuser gebracht. Darin befindet sich nicht nur das Konzert auf zwei CDs, sondern auch der Film dazu und Bonusmaterial auf DVDs und einer Bluray. Viel Material für wenig Geld, vorwerfen kann man dem Künstler hier nichts. Ebenfalls zu gefallen weiss die Setlist, finden sich darauf nicht nur „Carpet Crawlers“ oder „Watcher Of The Skies“, sondern auch „Supper’s Ready“ oder mein Favorit „Dancing With The Moonlit Knight“. Gerade dieses Lied gewinnt als Livedarbietung und erhält mehr Wucht durch die erhabenen Mellotron-Klänge sowie durch das erweiterte Klangvolumen von mehr Musiker. Es ist der Band somit möglich mehrere Gitarren erklingen zu lassen und bis zu drei Melodien gleichzeitig zu spielen. Somit wird kein Song langweilig, auch wenn man ihn schon hunderte Male gehört hat. Die Sänger machen ebenfalls einen starken Job um Peter Gabriel zu ersetzen, bei den Teppichkäfer darf sogar Ray Wilson ans Mikrofon. Allgemein ist es ein stimmiges Konzert, der Genesisfan kommt voll auf seine Kosten. Es ist doch immer wieder spannend altgeliebte Lieder in neuen Gewänder ond als neue Versionen zu hören. Klar, Sir Hackett bleibt möglichst nach beim Original und gibt den Stücken sogar noch einen grösseren Klassik-Beigeschmack. Dies stösst nicht sauer auf sondern erscheint logisch, der Meister kennt seine Kinder schliesslich in- und auswendig. Dabei zeigt er sich während dem Konzert aber von seiner lockeren Seite und macht bei den Ansagen auch gerne mal ein Witz. Sein Gitarrenspiel ist sowieso über alle Zweifel erhaben und lässt immer wieder staunen.

Das Konzert in der alten und edlen Royal Albert Hall lohnt sich somit in die Sammlung zu stellen, neben die Mediabooks von Peter Gabriel und als Genesis-Ergänzung. Denn die offiziellen Bandveröffentlichungen können kein solch langes und diversives Livealbum vorweisen, somit für Gabriel und Hackett Fans mehr als geeignet. Anderen fehlt hier wohl die Collins-Portion an Hits oder der markante Unterschied zu ähnlichen Veröffentlichungen. Vielleicht aber entdeckt durch diese neue Präsentation gar eine weitere Generation diese wertvollen Schmuckstücke in der Kiste der Musikgeschichte. Wünschenswert ist dies auf jeden Fall.

Anspieltipps:
Dancing With The Moonlit Knight, Carpet Crawlers, Supper’s Ready

Alle Jubeljahre wieder

Es ist vollbracht, die ersten 100 Beiträge im Blog sind geschrieben und publiziert. Zeit Musik als Lebensinhalt zu betrachten und dabei mir selbst die Frage zu stellen ob ein solches Onlinejournal sich positiv oder eher negativ auf den Musikkonsum auswirkt.

Jeden Tag, jede Woche, jedes Jahr, Musik ist ein zentraler Punkt in meinem Tun hier auf der blauen Kugel. Egal ob ich zu Hause bin, am arbeiten, unterwegs oder bei Freuden: Musik ist präsent und ein aktiver Beitrag. Verständlich, dass eine solche starke Beziehung zu einer Tätigkeit einem Wandel unterliegt, der Alltag unterliegt schliesslich auch steter Veränderung. Bei mir hat sich so der Fokus immer weiter in Richtung komplexe und innovative Musik verschoben. Es reicht nicht mehr aus mit interessanten Standardsongs ein Album zu füllen, es muss das gewisse Etwas beinhalten und vielleicht sogar Grenzen überschreiten. Somit werden auch abgefahrene Avantgarde-Alben gerne gehört, viele Musik muss und will ich mir erarbeiten. Die Zeiten des Radiopop oder Britpop / Indie sind mehr oder weniger komplett vorbei. Was aber für immer bleibt, sind gewisse Alben die mich verändert haben und seit Jahren wichtige Begleiter geblieben sind. Dabei ist es oft nicht die Machart oder Substanz die an erster Stelle steht, sondern den emotionalen Einfluss auf mein Leben. Auf dem Bild hier eine Auswahl oder besser gesagt der Kern. In den folgenden Monaten werde ich genauer auf diese Platten eingehen.

MBohli_Lieblingsalben

Durch den Blog höre ich die Musik nun wieder fokusierter. Ich will schneller etwas erfassen und heraushören, wieso nun dieser Song oder diese Platte gut oder eben schlecht ist. Dadurch wird es manchmal schwierig, Musik ohne Hintergedanken zu geniessen. Bei jeder Platte die ich auflege will ich sofort werten. Musik wird etwas mehr zu einer Arbeit, aber solange dies nicht Überhand nimmt gibt es hier kein Grund zur Aufregung. Natürlich wird der Konsum nicht kleiner, denn nun will ich möglichst über alle relevanten Alben schreiben. Aber das ist je nach Ansichtspunkt auch eine tolle Ausrede.

Abschliessend seid auch ihr gefragt. Was wollt ihr in Zukunft im Blog lesen? Welches Album muss besprochen werden, welchen Band vorgestellt? Kennt ihr selber Leute die musizieren und hier als Portrait reinpassen? Fehlen euch Themen, wie beispielsweise Musikvideos oder dergleichen? Meldet euch und macht mit. Musik ist Gemeinschaft, ist Leben.