Filmmusik

Hans Zimmer – Dunkirk OST (2017)

Band: Hans Zimmer
Album: Dunkirk
Genre: Soundtrack / Klassik

Label/Vertrieb: Watertower
VÖ: 28. Juli 2017
Webseite: hans-zimmer.com

Krieg ist ein schrecklicher, immerzu voranschreitender Moloch, der fast nicht gestoppt werden kann. Dies hat sich nicht nur unzählige Male in der Geschichte der Menschheit gezeigt, es wird uns auch immer wieder in den Medien und auch im Kino vor Augen geführt. Das kann ermüdend wirken; es gibt aber Augenblicke, die aus der Masse herausstechen und es schaffen, die wichtigen Punkte perfekt darzulegen. Dieses Jahr geschah dies mit „Dunkirk“, dem neusten Film von Christopher Nolan, musikalisch passend untermalt von Hans Zimmer.

Und mit seinem Score zu „Dunkirk“ hat er die extreme Spannung ohne wirkliche Erlösung auch gleich in klanglicher Form erfasst. Hans Zimmer, teilweise unter Begleitung von Benjamin Wallfisch, lässt die Filmmusik in sich wiederholenden Teilen und Kompositionen immer weiter anschwellen, nimmt Muster konstant neu auf und vermengt alles zu einer extremen Steigerung. Perfektes Beispiel ist das Lied „Supermarine“, dass sich wie eine tickende Bombe heranbewegt. Alleine „Home“ lässt eine Erleichterung zu, alle anderen Tracks sind brutal und ohne Luft.

Man könnte Hans Zimmer vorwerfen, hier keine eigentliche Filmmusik geschrieben zu haben, sondern faul eine simple Idee die gesamte Spielzeit hindurch auszuschlachten. Doch dies verfehlt den eigentlichen Sinn von „Dunkirk“, wollen doch der Score wie auch der Film die Schrecken der Taten ohne Gnade überliefern. Somit wird diese Stunde aus Orchester und Gewalt zu einer Filmmusik, die man so noch nie erlebt hat und nicht so schnell vergisst.

Anspieltipps:
Supermarine, Home, End Titles

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Interstellar, KKL Luzern, 16-11-05

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Interstellar Live
21st Century Symphony Orchestra
Samstag 05. November 2016
KKL, Luzern

Wenn die Welt stirbt, versucht der Mensch, um jeden Preis sein Fortbestehen zu sichern – egal ob man dazu Tausende opfern und die Zukunft gar in den Sternen suchen muss. Konzipiert um in einer fremden Galaxis eine neue Kolonie zu starten, dienen die Lazarus-Missionen genau diesem Zweck. Das Problem ist nur, einen passenden Planeten zu suchen und herauszufinden, wer das Wurmloch neben dem Saturn erschaffen hat. Ob der ehemalige NASA-Astronaut Cooper ahnt, auf was er sich hier eingelassen hat?

2014 begeisterte Meister-Regisseur Christopher Nolan mit seinem Sci-Fi-Epos „Interstellar“ Kritiker und Kinobesucher gleichermassen. Der Film ist bildgewaltig, intelligent und perfekt inszeniert. Dank dem grossartigen Drehbuch, korrekter Physik und fantastischen Schauspielern erregt der Streifen auf viele Weisen – unter anderem auch dank der wahrlich eindrücklichen und andersartigen Musik, komponiert von Hans Zimmer. Die kreativen Köpfe hinter der Produktion entschieden sich schon sehr früh dazu, dem Soundtrack eine zentrale Rolle im Film zuzuspielen. Nolan ging sogar soweit, dass der neo-klassische Score in vielen Szenen die Dialoge und Geräusche überlagerte.

„Interstellar“ ist somit perfekt geeignet, um live mit Orchester aufgeführt zu werden – ein ehrgeiziges Projekt für das Schweizer 21st Century Symphony Orchestra unter der Leitung von Gavin Greenaway. Denn die Musik wurde nicht nur für ein Orchester geschrieben, sondern beinhaltet auch Stücke für vier Pianos und als Hauptelement eine Kirchenorgel. Glücklicherweise existiert eine solche Orgel im Konzertsaal des KKL in Luzern, und mit Roger Sayer konnte der Organist für das Projekt begeistert werden, der das Instrument schon für den Film eingespielt hatte. Als Besucher erwartete einen während der drei Aufführungen somit eine klangliche Wucht, die das Filmerlebnis noch einmal intensiver gestaltete.

Im ehrwürdigen und akustisch atemberaubenden Saal einen solch mitreissenden Film wie „Insterstellar“ mit live gespielter Musik zu erleben, war eine komplett neue Erfahrung. Natürlich war der Streifen schon damals im Kino eine Wucht, jetzt aber die einleitenden Klänge von „Dreaming Of The Crash“ zu vernehmen, bei „Years Of Messages“ Tränen zu vergiessen und beim alles übertreffenden „Imperfect Lock“ mitzufiebern und die Musik im gesamten Körper zu spüren, war fantastisch. Für alle, die sich für Filmmusik interessieren, die etwas neben der Norm stattfindet, ist eine Live-Präsentation von „Interstellar“ bestimmt eine der grössten Erfahrungen. Etwas, das am Samstagabend im KKL auch mit stehender Ovation bedankt wurde und noch lange in Erinnerung bleiben wird. Schön, dass das Orchester auch fast 20 Jahre nach seiner Gründung immer noch mit solchen Perlen überraschen und überzeugen kann.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Kaada / Patton – Bacteria Cult (2016)

Kaada-Patton - Bacteria Cult

Kaada / Patton – Bacteria Cult
Label: Ipecac, 2016
Format: Download
Links: Discogs, Kaada, Patton
Genre: Soundtrack, Orchestral

Die Liebe von Künstlern zu bestimmter Musik trägt manchmal sehr eigene und interessant schmeckende Früchte. Und da die bewegten Bilder schon immer einen grossen Einfluss auf die instrumentale Musik ausübten – mit dieser sogar oft eine Symbiose eingehen – gibt es Stilrichtungen wie Epic Trailer Music. Künstler in diesem Bereich komponieren Stücke, die wie in Filmwerbungen funktionieren – meist für Streifen, die es noch nicht gibt. In diese Ecke springt auch die Kooperation von Kaada und Mike Patton, welche mit „Bacteria Cult“ bereits zum zweiten Mal die Fantasie beflügelt.

Ihre Musik ist zwar nicht reisserisch und elektronisch aufgezogen, dient aber doch als Soundtrack zu nicht existenten Western oder Dramen aus längst vergangenen Jahren. Während acht eher kurz gehaltenen Stücken umgarnt das Stavanger Symphony Orchestra mit betörenden Partituren und Arrangements den Hörer, geleitet von Kaada. Der Komponist hat zusammen mit dem Frontmann von Faith No More erneut Musik geschrieben, die extrem wirkungsvoll und mystisch ist. Lautgesang schlingt sich wie eine Pflanze um gezupfte Saiten und sanft bearbeitete Pauken. Und plötzlich hat man das Gefühl, von Ennio Morricone untermalt zu werden, auf dem Weg durch staubige Wüstenstädte und in die jungen und kräftigen Arme von Clint Eastwood. Der Crossover und die italienischen Schlagerausfälle von Mike Patton sind Welten entfernt, hier herrschen Tuba und Cello.

Erstaunlich ist dabei, dass die Musik extrem fesselt und alle Vorzüge von Filmmusik in wenigen Minuten auslebt. Und gerade in dieser Kompaktheit liegt die Genialität, denn es fehlen hier die Leerstellen und Wiederholungen von Soundtracks. „Bacteria Cult“ ist ein weiterer Schritt zur allmächtigen Form Pattons und ein weiterer Beweis, dass der Mann in Kollaborationen vollends aufgeht. Kaada/Patton schreiben nicht nur Lieder für Möchtegernfilmchen, sondern erschaffen eigene Universen in wenigen Orchestertakten. Also: Hut richten, Revolver einstecken und los gehts.

Anspieltipps:
Red Rainbow, Black Albino, A Burnt Out Case

Jóhann Jóhannsson – Sicario OST (2015)

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Jóhann Jóhannsson – Sicario OST
Label: Varèse Sarabande, 2015
Format: CD
Links: Discogs, Künstler
Genre: Soundtrack

Der Krieg gegen die Drogen ist hart und erbarmungslos. Wenn sich Polizei und Gangs Gefechte liefern, dann verlieren meist beide Seiten und die gesamte Umgebung. Dieses Thema als Film aufzuarbeiten setzt somit voraus, dass es bestimmt keine lockere Unterhaltung wird. Und wenn Denis Villeneuve auf dem Regiestuhl sitzt, erwarten den Zuschauer sowieso gnadenlose Bilder. Wunderbar, dass diese Wirkung durch den genialen Score von Johan Johannson noch verstärkt wird – „Sicario“ ist keine gemütliche Musik.

Konstant dröhnen Bässe, das Orchester schwillt an und man hat das Gefühl, alles breche in wenigen Sekunden gleich zusammen. Doch hinter diesen mysteriösen und unfreundlichen Strukturen lauert eine interessante und vernarbte Schönheit. Johannsson setzt immer wieder auf einen heftigen Aufbau, mit grossartigen Laut-Leise-Wirkungen und Klängen, die auch in Horrorfilmen nicht falsch wären. Man wird gefesselt, muss wehrlos anhören, wie elektronische und analoge Töne miteinander Rringen. Perfekt auf die Spitze treibt es der Künstler bei „Tunnel Music“ oder „The Beast“ – solche Lieder will man nachts nicht alleine anhören. Wie auch der Film ist der Soundtrack eine Reise ohne Pause, atmen kann man erst, wenn das Album durchgehört ist. Einzelne Streicher oder Bläser wähnen einen in Sicherheit, könnten aber auch Feinde sein. „Sicario“ ist Filmmusik, die konstant in den Schatten herumschleicht und dabei an Metallplatten kratzt. Das ist erfrischend anders und perfekt durchdacht.

„Sicario“ ist reine Atmosphäre. Man fühlt sich durch den Soundtrack sofort an einen anderen Ort versetzt und erhält die brutalste Seite von Ambient. Johan Johannsson vermochte es nicht nur, diesen Stil mit dem Orchester zu vermengen, sondern erschuf mehr als nur ein Kind beider Welten. Ein Experiment das perfekt aufging, ein Score der genau so stark beschäftigt wie der dazugehörige Film – einfach nur schaurig schön.

Anspieltipps:
The Beast, Melancholia, Tunnel Music

Ryuichi Sakamoto, Alva Noto & Bryce Dessner ‎– The Revenant (2015)

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Ryuichi Sakamoto, Alva Noto & Bryce Dessner ‎– The Revenant OST
Label: Milan, 2015
Format: CD in Digipak
Links: Discogs, Sakamoto, Noto, Dessner
Genre: Soundtrack, Ambient

Naturgewalten verlangen besondere Massnahmen. Man kann nicht mit kleinen Mitteln dagegen ankommen oder hoffen, eine gleichwertige Wirkung zu erzielen. Wer sich im Kino bei „The Revenant“ also von den wuchtigen Bildern, den mitreissenden Vorstellungen der Schauspieler und der eindrücklichen Geschichte erschlagen fühlte, der kann keine normale Filmmusik erwarten. Alejandro González Iñárritu dachte dasselbe uns setzte gleich auf drei unterschiedliche aber allesamt höchst talentierte Musiker. Die Kollaboration ist eine brodelnde Suppe aus Klassik, Ambient und abstraktem Experimental. Naturverbunden und unbarmherzig – wie auch der Film.

Hauptstück ist auf jeden Fall das dröhnende und über allem thronende „Main Theme“. Die einzelnen Streicher und Synths müssen nur wenige Klänge anschlagen und schon sitzt man mitgenommen und fasziniert da. Wie einzelne Sonnenstrahlen in arktischen Gebieten spendet die Musik Wärme und Licht. Doch Achtung, die Sicherheit ist trügerisch. Denn die Filmmusik zu „The Revenant“ ist ein experimentelles Unterfangen, das sich zwischen nassem Moos und alten Ästen versteckt, dich wie ein hungriger Bär anspringt und dann doch unter warmen Fellen schlafen lässt. Sakamoto, Noto und Dessner verstehen es grossartig, die Grundstimmung des Filmes einzufangen und auf Instrumente und Computer zu übertragen. Einzelne Tracks fühlen sich wie eine Annäherung an die Natur an, wie klanggewordene Pflanzen. Mit nur wenigen Mittel und Melodien erschufen die Musiker eine Welt, die sich zwischen fragilen Gebilden und perkussiven Angriffen bewegt. Es herrscht immer eine gefährliche Grundstimmung, man spürt Kälte und Paranoidität. Genial mischen sich dabei veränderte Töne und Effekte, oft bleibt es ganz ruhig und nur wenige Mittel werden eingesetzt. Wenn sich dann die Akkorde öffnen wie bei „Discovering River„, dann fluten nicht nur Wassermassen die Seele.

„The Revenant OST“ ist eine Reise in fremde Gebiete und ferne Welten – ein Soundtrack, der sich mutig von ausgetretenen Pfaden entfernt und wie auch die dazugehörigen Bilder etwas anderes wagt. Obwohl der Musik die Ehre eines Oscars verweigert wurden, strahlen die Stücke von Sakamoto, Noto und Dessner heller als praktisch jede andere Filmmusik des letzten Jahres. Es sind Klänge, die sich unter die Haut bewegen, die Gedanken anregen und viel Atmosphäre transportieren. Wer braucht dazu noch eine Stimulation der Augen?

Anspieltipps:
The Revenant Main Theme, Killing Hawk, Cat & Mouse

Hans Zimmer & Junkie XL – Batman v Superman OST (2016)

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Hans Zimmer & Junkie XL – Batman v Superman Dawn Of Justice OST
Label: WaterTower Music, 2016
Format: Doppel-CD in Digipak, mit Booklet und Poster
Links: Discogs, Hans Zimmer, Junkie XL
Genre: Soundtrack, Klassik, Electronica

Subtil ist anders, allerdings kann man beim grössten Gladiatorenkampf der Menschheitsgeschichte auch nicht mit kleiner Hitze kochen. Das Aufeinandertreffen des dunklen Ritters mit dem Ausserirdischen wird gross, wild, laut. Nicht nur die Trailer versprechen dies, sondern auch das Filmbudget und die Filmmusik. Gleich zwei Komponisten wagten sich an die Vertonung dieses epischen Kampfes und präsentieren das Aufeinandertreffen von Licht und Schatten auch in klanglicher Form. Vorhang auf für die Musik von „Batman v Superman – Dawn Of Justice“.

Hans Zimmer sollte jedem bekannt sein, der sich schon einmal mit Filmmusik befasst hat. Der Mann gehört zu den gefragtesten und besten Komponisten in Hollywood und hat bereits bei der „The Dark Knight“-Trilogie von Christopher Nolan mitgewirkt. Für die Neuinterpretation von Batman sowie dessen Konflikt mit Superman, holte sich der Deutsche Unterstützung bei Junkie XL. Doch anstelle die Musik nun bewusst in eine Richtung driften zu lassen, haben die Herren eine wilde Mischung aus Klassik, Electronica und Techno gewagt. Selten bleiben die Klangwelten so ruhig wie bei „Day Of The Dead“ – oft krachen die Streicher mit den Beats zusammen, der Chor erhebt sich wie damals beim dunklen Monolith in „2001“ und alles wird laut und wuchtig. Man vernimmt sogar elektrische Gitarren in diesem Soundgewitter. Wobei oft alles so überlebensgross wird, dass einzelne Instrumente nicht mehr auszumachen sind. Aber genau dies versprüht einen grossen Reiz – besonders dann, wenn die Elektronik alle Spuren kapert und diese verfremdet und zerstückelt. Synths und Computer greifen über und rauschen, knacken und knistern – nur die Trommel und Bläser überleben. Alles wirkt anders und modern – man spürt schon fast die Fausthiebe, welche zu den Arrangements ausgetauscht werden.

Die Musik zu „Batman v Superman“ ist eine kraftraubende Angelegenheit. Die Stücke pendeln zwischen den Extremen, ohrenbetäubende Ausbrüche ziehen sich über Minuten hin. Trotzdem findet man Sprachen für die einzelnen Figuren und eine stimmungsvolle Atmosphäre. Was sich anschickt, einer der grössten Filme in diesem Jahr zu werden, kann nur von solchen Superlativen untermalt werden. Schön, dass sich die beiden Künstler gegenseitig angestachelt und aus ihren Panzern herausgeholt haben. Gerade Hans Zimmer tut dies immer wieder sehr gut.

Anspieltipps:
Day Of The Dead, Do You Bleed, Is She With You?, Men Are Still Good (The Batman Suite)

Top 10 Soundtracks

Na da habe ich den Salat. Sobald man stärker in den Blogkreisen verkehrt, wird man nominiert und genötigt, Listen zu erstellen. Danke hierbei an FriedlvonGrimm, ich werde mich noch revanchieren. Zuerst aber musste erschreckend feststellen, dass ich sehr selten und eher ungern Filmmusik höre. Klar, ich liebe Kino und die Symbiose von Musik und Bild. Aber eben, ohne Bilder empfinde ich den Soundtrack dann oft als zu fad oder wirkungslos. Trotzdem finden sich in meiner Sammlung einige Alben, die ich auch ohne dazugehörige Filmrolle nicht mehr missen möchte.

Was hierbei sicherlich auffällt, es tummeln sich wenig Klassiker darunter. Denn gerade die sinfonische Orchestermusik mag ich ohne die Bilder weniger. Bietet aber ein Film aufregende Elemente in der Musik (sei dies elektronische Einflüsse, tolle Lieder oder ähnliches), dann steht er bei mir meist hoch im Kurs. Gern gehört werden bei mir auch Songsammlungen mit viel Stil, aber lest selber. Viel Spass beim wundern und kopfschütteln.

Top Ten Soundtracks_MBohli

11. Passengers – Original Soundtracks Vol. 1
Eigentlich ein Kandidat für den ersten Platz, disqualifiziert sich das Album von den Passengers aber gleich selber. Denn die Musik wurde zu imaginären Filmen geschrieben, die sich die Musiker während den Sessions ausmalten. Die dabei entstandenen Songs sprühen förmlich vor Kreativität und Abenteuerlust. Klänge werden bis zur Unkenntlichkeit verfremdet, Gesang experimentell eingesetzt. Synths und Keyboards erhalten viel Gewicht und unterstützen den grandiosen Aufbau der drei ersten Songs. Und dann wird klar: Hinter all dieser Musik verbergen sich U2 und Brian Eno! Wagen die Iren heute leider keine solchen Ausflüge in die Kunst mehr, erlebte immerhin „Your Blue Room“ eine wunderschöne Wiedergeburt auf der letzten Tour.

10. V.A. – Jackie Brown
Eigentlich könnte hier jeder Film von Tarantino in der Liste stehen, jedenfalls alle klassischen. Aber nur Jackie Brown hat es geschafft, mich für eine neue Musikrichtung zu begeistern. Wenn ein OST mit „Across 110th Street“ von Bobby Womack beginnt, kann er nur perfekt sein. Denn gibt es ein besseres Lied im Bereich Soul? Meiner Meinung nach nicht, und auch „Didn’t I (Blow Your Mind This Time)“ und „Street Life“ machen einfach Laune. Eingebettet zwischen Dialogzeilen und Raritäten aus den 70ern, bietet die Musik zum unterbewerteten Jackie Brown vor allem eines: Klasse.

9. Pink Floyd – The Wall
Ist das nun ein Soundtrack oder ist der Film ein Begleitwerk zur Musik; oder beides zusammen und doch anders? Wie auch immer, Pink Floyd haben mit „The Wall“ eine verstörende Geschichte vorgelegt, die als Album und Film funktioniert. Wirklich erst gezündet hat alles aber damals, als ich Roger Water’s The Wall live bestaunen durfte. Plötzlich machte es klick und die Lieder ergaben mehr Sinn und Tiefe. Sicherlich, den Film kannte ich auch schon zuvor, aber seit diesen Konzerten bin ich erst von „The Wall“ (die Musik) überzeugt.

8. Rick Smith & V.A. – Trance
Egal was es ist, sobald einer der beiden Herren von Underworld etwas Neues veröffentlicht, kaufe ich es blind. Soweit geht meine Liebe zu diesem Elektro-Duo aus England, und dabei mache ich auch vor Filmmusik nicht Halt – besonders, wenn der Soundtrack zu einem Film von Danny Boyle gehört, einer meiner liebsten Regisseure. Rick Smith hat für „Trance“ ein flirrendes, stampfendes und immerzu vorwärts treibendes Gefährt erschaffen, dass nicht nur den Mindfuck aushaltbar macht, sondern das Gehör beglückt. Und in der Mitte brechen plötzlich UNKLE durch den Boden und geben der Musik noch die Goldbeschichtung, wenn man nicht schon dank Emeli Sandé im Himmel schwebt.

7. Cliff Martinez & V.A. – Drive
„Drive“ von Nicolas Winding Refn ist ein Meisterwerk in Sachen Stil und Wirkung, immer unterkühlt und gnadenlos in seiner Inszenierung. Musikalisch bedient sich der Film in der Retro-80er Bewegung und lässt vor allem eines erklingen: Synths und Drums mit viel Hall. Das passt wie die Faust aufs Auge und gibt dem Film die letzte Coolness. Cliff Martinez ergänzt die Lieder mit pochender Elektronik und entspanntem Ambient.

6. V.A. – Sucker Punch
Ich gebe es zu, dieser Film führt meist zu Kopfschütteln und Unverständnis, aber ich finde Sucker Punch mit all seinen sexy Darstellerinnen, abgedrehten Welten und visuellen Ergüssen toll. Und wenn ein solcher Streifen schon wie ein Musikvideo beginnt – und dazu die Hauptdarstellerin Emily Browning eine grossartig düstere Coverversion von „Sweet Dreams (Are Made Of These)“ anstimmt – dann bin ich im Boot. Ein Remix von Björks „Army Of Me“, Emiliana Torrini singt ein Jefferson Airplane Cover von „White Rabbit“ und Emily bezirzt weiter mit „Where Is My Mind“. Hammergeil, Revue-Nummer am Schluss inklusive.

5. V.A. – The Boat That Rocked
Mein liebster Gute-Laune-Film spielt in den Sechzigern und handelt von den Piraten-Radiostationen. Woraus der Soundtrack besteht, sollte ja eigentlich auf der Hand liegen: Unzählige, perfekte und bis heute gern gehörte Klassiker aus Pop und Rock. „Elenore“, „Judy In Diguise“, „Crimson And Clover“, „My Generation“, „A Whiter Shade Of Pale“, „Let’s Dance“ und und und.

4. V.A. – I’m Not There
Bob Dylan ist eine faszinierende Persönlichkeit – dies spiegelt sich auch in der Unfassbarkeit seiner Musik wieder. Filmisch versuchte man ihm schon mehrmals auf die Schliche zu kommen, aber nur „I’m Not There“ aus dem Jahre 2007 hat dies aus meiner Sicht geschafft. Genau damit, dass Dylan nie vorkommt und er nie klar definiert wird. Seine Musik wird von einer ewig langen Liste wunderbarer Musiker und Bands interpretiert und neu erschaffen. Man muss es gehört haben, um es zu glauben.

3. Trent Reznor & Atticus Ross – The Social Network
Trent, NIN, Oscar, Ambient, Sternstunde. So einfach lässt sich die Musik zum Facebookfilm von David Fincher zusammenfassen. Trent Reznor, der Frontmann von Nine Inch Nails, und der Produzent Atticus Ross haben hier eine prämierte Zusammenarbeit veröffentlicht, die Ambient, Electronica und düstere Klangwelten mischt. Das passt nicht nur super zu den distanzierten Bildern, sondern legte auch den Grundstein für eine fruchtbare Zusammenarbeit. Seither haben die beiden Herren die Filmmusik zu „The Girl With The Dragon Tattoo“ und „Gone Girl“ geschrieben und dabei das Niveau konstant hoch gehalten. So gut wie hier wurden sie aber nicht mehr.

2. Underworld & John Murphy – Sunshine
Wie oben schon geschrieben, sind Underworld für mich eine der besten Bands auf dieser Erde. Ihre Kollaboration mit John Murphy führte zu einer kompositorischen Meisterleistung. Die Musik für „Sunshine“ von Danny Boyle versteht es nicht nur, kongenial die Bilder zu verstärken und zu untermalen, sondern funktioniert als komplett eigene Ebene und Erzählweise. Ich bin immer wieder erstaunt, wie viel Gefühl und Liebe in den kurzen Stücken steckt. Und wenn dann Merkur zu den verzerrt gezupften Gitarrenklänge auftaucht, dann liebe ich denn Film noch tausend Mal mehr.

1. Peter Gabriel – Passion (Music for The Last Temptation of Christ)
Etwas absurd, aber der erste Platz belegt bei mir eine Filmmusik, deren dazugehörigen Streifen ich nie gesehen habe. Aber als Fan von Peter Gabriel musste ich mir alles in seiner Diskografie zulegen, darunter auch diesen Soundtrack zum kontroversen Film von Martin Scorsese. Und an der Musik ist einfach alles wunderbar: Die druckvolle Perkussion, der östliche Einfluss der Musik, die Duduk, die typischen gabrielesken Lautgesänge, das Gefühl durch Sand zu gehen, und die Bedrohlichkeit, die sich gegen Ende in Hoffnung und Liebe auflöst. Ein Meisterwerk seiner Karriere, ganz ohne Gesang. Spannend, dass ich nun so viele Dinge mit dieser Musik verbinde, dass ich fast Angst habe, denn Film anzuschauen. Zerstört es mir diese Erinnerungen?

Weitere Soundtracks von Peter Gabriel: Birdy, OVO, Long Walk Home

Was war der erste Soundtrack, der dich vollends begeistert hat?
Als junger Knabe war ich ein totaler Star Wars Fan, alles über die alte Trilogie habe ich verschlungen. Somit war auch die Filmmusik – besonders von Episode 6 – eine Reise in eine neue Welt. Dank der Doppel-CD zur Special Edition lerne ich auch Kuriositäten wie „Jedi Rocks“ oder die doch sehr kitschige Endzermonie lieben. John Williams war damals allgemein hoch im Kurs bei mir, auch dank einer Compilation mit vielen Theme Songs. Heute höre ich diese Musik interessanterweise gar nicht mehr.

Mit welchem Soundtrack bist du im Nachhinein auf die Nase gefallen, weil er doch nicht mehr so toll wirkte, wie noch im Film?
Hier gibt es viele Kandidaten, eine grosse Enttäuschung war aber „Tron: Legacy“ von Daft Punk. Im Film funktioniert die Mischung aus Orchester und Techno sehr gut, gerade weil die Musik es versteht, die grossartigen Bildern episch zu untermalen. Wenn man zu „The Grid“ durch die Stadt gleitet, oder zu „End Of Line“ den futuristischen Club betritt, ist das geil. Ohne Bilder aber irgendwie fahl und lasch. Die Musik plätschert vor sich hin und man fragt sich, wieso Daft Punk nicht mehr gewagt haben. Schade, denn das kurz danach erschienene Remix-Album macht vieles besser, mit wenig Mehraufwand.

Welchen Soundtrack hast du dir als letztes angehört/durchgehört?
Faszinierend fand ich die Musik in Birdman. Der komplette Soundtrack besteht nur aus einem virtuos gespielten Jazz-Schlagzeug und verbindet die endlosen Kamerafahrten mit wilder Musik und Polyrhythmik. Wenn dann plötzlich der Schlagzeuger sogar selber im Film auftaucht und die handelnden Figuren mit ihm interagieren, fügt sich dies dank der Meta-Ebene wunderbar in das verspielte Drehbuch ein. Grossartig anders, künstlerisch gewagt.
Zuletzt gekauft habe ich mir Gone Girl und Interstellar, dazu sind hier auf dem Blog die Kritiken zu finden. Beide empfand ich auf ihre eigene Art und Weise bewegend und mitreissend.

Weitermachen darf:
Autopict, Call Me Appetite, andiau

Hans Zimmer – Interstellar OST (2014)

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Hans Zimmer – Interstellar OST
Label: WaterTower Music, 2014
Format: Download, Deluxe Version
Links: Discogs, Komponist
Genre: Soundtrack, Klassik

Interstellar katapultierte die Kinogänger im letzten Jahr mit viel Wucht, Gefühl und Intelligenz in das weite All. Regisseur Christopher Nolan brillierte einmal mehr auf ganzer Linie und verband Science Fiction mit viel Emotion und realistischen Szenarien. Alles im Film war sehr stimmig und fügte sich zu einem grossen Werk zusammen, das auf der ganzen Welt die Leute begeisterte. Einen grossen Anteil daran leistete auch die von Hans Zimmer komponierte Filmmusik. Und obwohl ich von den Bildern losgelöste Musik selber nicht immer fesselnd empfinde, musste ich mir diesen Soundtrack zulegen.

Hans Zimmer ist einer der grössten zeitgenössischen Komponisten in Hollywood und bekannt für seine Mitwirkung bei Gladiator, Inception oder der Batman-Trilogie. Sein Stil verbindet das Epische mit sanften Leitmelodien und leisen Momenten. Dabei erschafft er mehr Stimmungen als erkennbare Lieder. Leider empfinde ich bei seiner Musik aber oft das Gefühl, dieselben Klänge schon anderweitig vernommen zu haben. Gerne wiederholt er sich und fabriziert eher Standardware. Mit „Interstellar“ aber schrieb er endlich wieder ein komplett neues Werk. Der Hauptfokus liegt dabei auf der Vertonung der Physik, der Unendlichkeit, der Bindung des Menschen an das Leben und der Interaktion von Empfindung und Fakt. Wie der Film, so ist auch die Musik dichterisch und grossformatig. Während dem Film wurde die Musik oft so stark in den Vordergrund gemischt, dass Dialoge und Geräusche dahinter verschwanden. Emotion und Empfindung werden verstärkt und als Leitmotiv verwendet. Erfrischt wird die Filmmusik durch die starke Verwendung der Orgel, aufgenommen in einer Kirche. Ihre anschwellenden und sehr lauten Klänge faszinieren und geben der Musik einen komplett eigenen Charakter, der sich im Kopf für immer mit den gesehenen Bildern verschmilzt, und auch eigenständig vorzüglich funktioniert.

Herr Zimmer lässt das Orchester oft leise aufspielen, erschafft gefühlvolle Melodien und Stücke und mischt diese mit wiederholenden Themen und der eben erwähnten Orgel. Gerne wird die Musik – passend zum technischen Aspekt – mit digitalen Klangveränderungen verfremdet, und keine Minute ist überflüssig. Ein echt starkes Stück Filmmusik, das mitnimmt und beschäftigt.

Leider hat es Warner Bros. nicht auf die Reihe gebracht, die Musik ebenbürtig zu veröffentlichen. Die physisch erhältliche CD enthält nur die gekürzte Version. Wer den kompletten Soundtrack mit allen wichtigen Stücken (wie die intensive Musik der Docking-Sequenz) zu Hause geniessen will, muss auf den digitalen iTunes-Download zurückgreifen. Eine Frechheit und eine Kundenverarsche. Bleibt nur zu hoffen, dass irgendwann eine Vinylversion aller Stücke gepresst wird. Denn die wunderschöne Musik hätte einen besseren Umgang mehr als verdient.

Anspieltipps:
Stay, Detach, Imperfect Lock

Archive – Axiom (2014)

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Archive – Axiom
Label: Dangervisit, 2014
Format: LP im Gatefold, mit CD und DVD, limitierte Autogrammkarte
Links: Discogs, Band
Genre: Soundtrack, Electronica, Ambient

Willkommen auf Axiom, eine kleine und ablegene Insel im weiten und dunkeln Meer. Es ist eine triste und traurige Stadt, bevölkert von unterdrückten Menschen welche in täglicher Furcht vor dem Echo der gigantischen Glocke leben. Wer sich nicht zur richtigen Zeit in seiner Isolationskammer verstecken kann wird durch die unerbärmlichen Schallwellen getötet. John Preacher ist der Führer und steckt hinter dieser Überlebenslösung welche alle Leute sicher und gesund hält. Doch leider regt sich der Widerstand, denn manche Menschen verstümmeln sich ihre Ohren selber und weilen als „Distorted Angels“ unter uns. Helft mit solche verwirrte Kreaturen zu finden und ruhig zu stellen, denn auch für sie gibt es die Freiheit und das Glück. Das Geschwätz über den Erlöser und Befreier der Preacher stürzen wird ist nur Angstmache, glaubt nichts und meldet jedes Verdächtige verhalten!

So düster die Geschichte hinter dem Film / Album Gespann klingt, so ist auch die Ausführung. Das 40 minütige Werk von Archive hat die Wandlung von einer Songsammlung zu einem durchgehenden Stück Musik geschafft und wird von einem Kunstfilm begleitet. Dieser entstand nach Beendigung der Aufnahmen durch das Kollektiv NYSU in Spanien und ist eine eindrückliche Mischung aus Art-House, Horror und Musikvideo. In monochromen Bildern wird die totalitäre Welt von Axiom und deren harten Alltag heraufbeschworen. Symbolische Bilder vermischen sich mit kunstvollen Aufnahmen und Gesangseinlagen. Sicherlich merkt man NYSU den Musikvideo-Hintergrund an, der Film funktioniert aber wunderbar als komplettes Werk.

Ebenso passend ist die Musik des Kollektivs aus England. Gerade das Songschreibertrio Griffiths, Keller und Pen beweist mit Axiom, dass sie ihre eigene Vorstellung von Musik perfektioniert haben. Electronica trifft auf Ambient, emotionalen Gesang und stampfende Trip-Hop Beats. Herausragend schon der Einstieg mit „Distorted Angels“ und dem wunderbaren Gesang von Polland Berrier, das darauffolgende „Axiom“ ist eine zehn Minuten Klangreise voller Glocken und Rauschen. Erst jetzt setzen die Beats ein und das Album nimmt Fahrt auf. Maria Q und Holly Martin schmücken die ausgelegten Synthieflächen und mit „Transmission Data Terminate“ und „Shiver“ erreicht das Album ungeahnte Höhen, der Abschluss macht die Reprise auf das Titellied. Archive ist mit dem neusten Album ihr Meisterwerk gelungen, eine perfekt geglückte Symbiose aus Film und Musik bei dem auch beide Teile getrennt funktionieren.

Anspieltipps:
Distorted Angels, Axiom, Shiver