FEAR

Live: Marillion, Z7 Pratteln, 17-07-28

Marillion
Freitag 28. Juli 2017
Z7, Pratteln

„Living in f e a r / Year after year after year / Can we really afford it? / We have decided to start melting our guns as a show of strength“ – es birgt eine gewisse Ironie, wenn diese Zeilen laut durch das Z7 in Pratteln schallen. Die Schweiz ist schliesslich nicht bekannt dafür, sich offen gegen Waffenexporte aufzustellen und versteckt sich lieber hinter der Angst vor Job- und Wohlstandsverlust. Es tat den Besuchern also mehr als gut, mit Marillion für einen Abend neue Denkweisen aufgezeigt zu bekommen. Und genau dies macht das neuste Album „F E A R“ schliesslich – es hält der Welt und unseren Gedanken einen Spiegel vor.

Dass die englischen Art-Rocker ihren Auftritt in der Konzertfabrik also mit der gesamten Darbietung ihrer neusten Scheibe begannen, machte mehr als Sinn. Ihr neustes Werk, welches ausgeschrieben auf den Namen „F*ck Everyone And Run“ hört, ist nämlich nicht nur meisterlich komponiert und endlich wieder sehr progressiv, sondern eine melodische und klangliche Reise durch alle Eckpfeiler des Marillion-Universums. Obwohl die Band nun bereits über ein Jahr damit unterwegs ist, werden weder Musiker noch Besucher müde. Warum auch, zeigten sich die Musiker um Sänger Steve Hogarth doch weiterhin spielfreudig und frisch.

Es war vielleicht der grossen Hitze in der Halle zu verschulden, dass die Künstler ein paar Mal über ihre eigenen Songs stolperten – doch die immer schillernde Persönlichkeit von Hogarth überspielte dies mit Witz und Charme. So durften die Gitarren bei „The New Kings“ laut werden, die Keyboards bauten Schlösser bei „Sounds That Can’t Be Made“ und die Rhythmus-Fraktion trotzte jeder Falle. Marillion live zu erleben, ist und bleibt ein sicherer Wert. Nur schade, verliess sich die Band nach „F E A R“ etwas zu stark auf ihre neueren Hits. „Beyond You“ war zwar hübsch, aber zu wenig bissig; „King“ immer eindrücklich mit der Videountermalung, aber etwas zu oft gehört.

Auch bei den Zugaben mit „Easter“ und „Neverland“ gab es eigentlich keine Überraschungen und die angenehme Süsse blieb erhalten. Aber na gut, wer die Besucher emotional und körperlich so stark mit seiner Musik mitzureissen vermag, der darf sich auch für einmal mit der sicheren Seite begnügen. Schön war auch zu sehen, dass das Z7 aus allen Nähten platzte – endlich, und nach 38 Jahren Zusammenhalt und Kreativität bei Marillion auch mehr als verdient!

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Marillion – Fuck Everyone And Run (FEAR) (2016)

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Marillion – Fuck Everyone And Run (FEAR)
Label: EAR Music, 2016
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Art-Rock

Es braucht etwas Zeit und Geduld, nicht zu vergessen die Aufmerksamkeit – aber dann sie die wunderbaren Momente wieder da. Die hymnischen Zeilen wie „Too Big To Fail – Too Big To Fall“ oder das Lament in „Living In FEAR“, die wunderbar integrierte Elektronik, welche „The Leavers“ sanft übernimmt – und immer wieder die Ausbrüche mit grossen Gitarrentönen auf voller Breitseite. Marillion haben es selber bereits angekündigt, nun ist es klar: Ihr 18. Album „Fuck Everyone And Run (FEAR)“ ist definitiv das Werk der Art-Rocker in diesem Jahrzehnt.

Die politische Betrachtung unserer Gesellschaft, der darin herrschenden Gier und Ungerechtigkeit, ist ein Stück Musik voller Lichtblicke und als Gesamtheit nicht nur eine formidable Rückkehr in Richtung Progressive Rock, sondern immerzu bezaubernd. Marillion verlassen sich zwar auf ihre bekannten Fähigkeiten und Motive, vermögen ihre in Jams gesammelten Ideen aber so zündend zu kombinieren wie schon lange nicht mehr. „Fuck Everyone And Run“ verfügt nicht nur über drei Longtracks, sondern ist ein in sich geschlossener Kreislauf, der bestenfalls nicht in Einzelteile zerlegt wird. Wie bereits bei „Brave“ wirken alle Arrangements und Melodien als Gesamtheit am besten.

Steve Hogarth zeigt erneut, dass er der perfekte Frontmann und Sänger für die intensive und gefühlvolle Musik ist. Er fleht, wütet, sinniert und geht in der Musik komplett auf. Marillion wissen tiefgreifende Fragen wie „Why is nothing ever true?“ nicht abschliessend zu beantworten, angriffige Lieder wie „The New Kings“ sind aber wichtig und ungewohnt positionsbeziehend. Durch den Verband aus diesen intelligenten Texten und den faszinierenden und sich immer bewegenden Sounds erhält man mit „Fuck Everyone And Run“ das perfekteste Album der Band seit „Marbles“. An dieser Scheibe wird dieses Jahr kein Fan des Genres vorbei kommen.

Anspieltipps:
El Dorado, White Paper, The New Kings