Experimental

Claire M Singer – Fairge (2017)

Band: Claire M Singer
Album: Fairge
Genre: Experimental / Ambient

Label/Vertrieb: Touch
VÖ: 20. Oktober 2017
Webseite: clairemsinger.com

Und jetzt zu etwas komplett Anderem: Eine 20-minütige Komposition für Orgel und Cello, ein kontinuierliches Anschwellen an Klangschichten, ein hypnotisches Stück Musik zwischen Experiment und Ambient. Was die schottische Künstlerin Claire M Singer mit “Fairge” vorlegt, ist genauso träumerisch und unwirklich wie geerdet und emotional. Knapp ein Jahr nach ihre Debütalbum “Solas” wird der Kosmos dieses jungen Talents gefühlvoll erweitert und ist nicht nur für Denker interessant.

“Fairge” ist als Lied wie als Konzept eine Reise und beginnt in kompletter Stille. Ganz sachte lässt Claire M Singer die Instrumente in das Bewusstsein des Hörers treten und verfeinert die Töne mit Elektronik. Was zuerst wie etwas unheimliche Field Recordings wirkt, bläht sich mit jeder Minute zu einem grösseren Klangkörper auf und man bemerkt: Dies sind Orgelnoten, welche schier pausenlos gehalten werden. Schwermütig, aber immer zaubervoll vom Cello umgarnt, steigt man zusammen mit der sich steigernden Lautstärke in die Höhe. Und spätestens ab der Hälfte des Liedes findet die Katharsis statt.

Claire M Singer scheut sich nicht, meist eher veraltet anmutende Instrumente in experimentelle Formen zu bringen und mit wenigen Veränderungen in der Komposition extreme Wirkungen zu erzielen. “Fairge” ist somit eine ergreifende Erfahrung und sowohl für Leute perfekt, denen Anna Von Hausswolff immer etwas zu bedrohlich erschien, für die die Orgel im Soundtrack zu “Interstellar” dann aber doch zu selten aufspielen durfte. Und wenn am Ende die Musik langsam wieder aus unserer Wahrnehmung verschwindet, so bleibt das Gefühl der Vollkommenheit.

Anspieltipps:
Fairge

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Live: Egopusher, Moods Zürich, 17-10-20

Egopusher
Support: Chico Cream
Freitag 20. Oktober 2017
Moods, Zürich

Es war zu erwarten gewesen – dass die Musiker und Besucher dann aber in solch intensives, blutrotes Licht getaucht wurden, war doch mehr als überraschend. Die Plattentaufe zum ersten Album von Egopusher wurde nämlich nicht nur von vielen Leuten begleitet, sondern mit einer gelungenen und wirkungsvollen Lichtshow untermalt. Das Duo und ihr erstes, vollwertiges Baby hatten aber auch gar nicht weniger verdient, ist „Blood Red“ doch ein Album, das lange Zeit begeistert. Obwohl bereits seit einer Woche erhältlich, war es an diesem Freitag dann soweit, offiziell die Geburt zu feiern – im edlen Lokal Moods in Zürich.

Weil Schlagzeuger Alessandro Giannelli und sein Bandkumpel und Violinist Tobias Preisig gerne über dem Horizont schweben und wirken, war bereits die Einstimmung mit Support Chico Cream ein Genuss. Mario Scarton sass hinter einer halben Burg aus Klavier, Synthies und Effektgeräten, beugte sich wie ein verrückter Forscher über die Tasten und entlockte ihnen Klänge, die zwischen abstürzend verzerrt und hallend klar pendelten. Der von der Berliner Szene beeinflusste Künstler liess aus Ambientfiguren tanzbare Technobeats wachsen, krümmte Harmonien um die Basspedale und fabrizierte Musik, die fast das Magazin De:Bug wiederbelebte.

In diesen nährhaften Boden pflanzten Egopusher dann ihre Samen und schafften es zum wiederholten Mal, mit ihrer faszinierenden Mischung aus perkussiver Wucht, avantgardistischer Streichmusik und Club-Electronica die Leute zum Tanzen und Feiern zu bringen. Pulsierende Stücke wie „Jennifer (William Part II)“ wechselten sich mit experimentellen Steigerungen ab, bejubelte Singles („Patrol“) liessen die Endorphine nur so fliessen. Doch wie leider oft zu beobachten in der etwas jungen und hippen Szene, verkrampften sich zu viele Leute lieber an ihren Smartphones, als den Moment zu geniessen.

Dies kann man der Band nicht vorwerfen, gaben Egopusher schliesslich alles und verliessen die Bühne schweissnass und glücklich, wenn leider auch ohne eine Zugabe zu spielen. Trotzdem hatte ich das Gefühl, diese Herren auch schon in stärker packender Form live erlebt zu haben. Gewisse Momente wirkten etwas verzettelt, was die Genialität hinter ihren Liedern aber auf keinen Fall schmälerte. Preisig und Giannelli haben mit ihrer andersartigen Musik eine Quelle angezapft, die hoffentlich noch lange nicht versiegen wird und herrlich frischen Wind in die Welt der handgemachten Electronica bringt.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

John Maus – Screen Memories (2017)

Band: John Maus
Album: Screen Memories
Genre: Pop / Lo-Fi / Wave

Label/Vertrieb: Ribbon
VÖ: 27. Oktober 2017
Webseite: johnma.us

Wie haben wir diese sechs Jahre nur ausgehalten? Nach drei wahnsinnig guten und andersartigen Experimental-Pop-Alben kehrte der amerikanische Musiker John Maus dem Business nämlich den Rücken zu und widmete sich seiner akademischen Karriere. Mit einem Doktortitel in politischer Philosophie ausgestattet ist es nun aber endlich wieder an der Zeit, neue Lieder zu veröffentlichen. Und “Screen Memories” ist genau dieses zauberhafte Ding, das man sich gewünscht hatte. Endlich ist der Meister des Barock-Pop wieder auf dem Thron!

Wie schon beim letzten grossartigen Werk “We Must Become the Pitiless Censors of Ourselves” regieren hier die Synthie-Klänge und Drumcomputer der Achtziger, der hallende Gesang von John Maus und leichte Gitarrenspuren. Dies alles mischt sich unverkennbar zu keck tanzenden Takten, zu romantisch anmutenden Harmonien und verträumten Liebeleien. Man schwebt zwischen bunten Wolken (“Decide Decide”), man schaut neugierig in düstere Abgründe (“Touchdown”) oder erlebt die polyphonen Seiten des Post-Punk wie mit “Edge Of Forever”. Maus versteht es dabei genial, die distanzwahrende Kühlheit der Musik mit Emotionen zu verbinden.

“Screen Memories” ist dank dieser eigenartigen und immer wieder reizvollen Mischung ein Album, auf dem sich jeder Song kurz zum Hit entwickelt. John Maus gönnt seinen Ideen wenige Minuten, aber genügend Spielraum und jongliert mit Stimmungen und einer erhabenen Atmosphäre, die nicht selten an die Renaissance erinnert. Dabei verliert er nie den Überblick und lässt ein passendes Lo-Fi-Wave-Gefühl entstehen, mit dem man sich bequem in die Musik bettet und geniesst. Danke dafür.

Anspieltipps:
Touchdown, Decide Decide, The People Are Missing

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Mixtaped Monk – Tales From A Distant Galaxy (2017)

Band: Mixtaped Monk
Album: Tales From A Distant Galaxy
Genre: Electronica / Experimental

Label/Vertrieb: Eigenveröffentlichung
VÖ: 21. September 2017
Webseite: Mixtaped Monk auf FB

Als wir den weltallbereisenden Mönch zum letzten Mal antrafen, da war er mit Cousin Silas auf Wanderschaft, liess uns alle in elektronische Wohlklängen baden und lieferte den „Soundtrack To Your Own Fantasy„. Für das vierte, wieder instrumentale Album „Tales From A Distant Galaxy“ von Mixtaped Monk darf man nun in die Geschichte einer Figur eintauchen, die sich Lichtjahre von uns entfernt so abgespielt haben könnte oder noch abspielen wird. Erneut werden diverse Stilrichtungen zu einem gelungenen Album zusammengefügt, bereit, um von unseren Gedanken belebt zu werden.

Mixtaped Monk weiss genau, wie man die Reize der menschlichen Fantasie auslöst und wie dazu Keyboardflächen und sanfte Gitarren der Geschichte ihre Dienste erweisen. Ob sich das Album in Richtung Ambient mit Synthiereizen ausdehnt – wie beim passend betitelten „Before Genesis“ – oder sich doch eher auf experimentellen und leichten Post-Rock stützt: „Tales From A Distant Galaxy“ wirkt immer organisch und in allen Kulturen unserer Welt verankert. Selber aus Indien stammend, lässt der Multiinstrumentalist wie bei „A New Dawn“ gerne fernöstliche Harmonien in die Lieder einfliessen und macht die Musik für Europäer somit schnell exotisch-interessant.

Sanfte Beats treiben Stücke wie „Quest For Nebula“ voran und lassen das Album immer wieder in die gute Art von Chillout kippen. Mixtaped Monk fällt bei seiner Musik nie in die Falle der mühsamen Klischees und vermengt leichte Melodien mit Anspruch. Ob man zu diesen Liedern nun träumen, reisen oder verweilen möchte, „Tales From A Distant Galaxy“ passt zu allen Aktivitäten und beweist, dass es auch ein sinnvolles Leben nach der plätschernden Zeit von Mike Oldfield gibt.

Anspieltipps:
Quest For Nebula, Warped Reality, A New Dawn

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

King Gizzard And The Lizard Wizard – Sketches of Brunswick East (2017)

Band: King Gizzard & the Lizard Wizard
Album: Sketches of Brunswick East
Genre: Rock / Jazz / Experimental

Label/Vertrieb: PIAS
VÖ: 13. Oktober 2017
Webseite: kinggizzardandthelizardwizard.com

Wenn etwas Beständigkeit zeigt, dann ist es die Neuerfindung, der Wechsel. Die australische Psychedelic Rock-Band King Gizzard & The Lizard Wizard zementieren diesen Grundsatz nun bereits zum dritten Mal in einem Jahr, zwei weitere Beweise sollen bis Ende Dezember noch folgen. Aber zuerst muss man diese neue Portion verarbeiten, stellt es doch einen ziemlichen Bruch zu “Muder Of The Universe” dar. Herrschten auf dem Vorgänger noch die wuchtigen und beschwörerischen Elemente, gibt es nun eine Abkehr zum Licht und der lockeren Spielart des Jazz-orientierten Rock der Marke Miles Davis.

“Sketches of Brunswick East” zeigt sich aber nicht in einzelnen und unausformulierten Versatzstücken, sondern als kontinuierlich ablaufendes Klangspiel. Nach einem kurzen Intro wird man in eine Welt voller Fahrstuhl-Orgeln, Flöten, Sixties-Gitarren und beschwingtem Schlagzeug geworfen. King Gizzard & The Lizard Wizard landen nicht komplett auf der Liegewiese der Hippies, mit knuffigen Songs wie “The Spider And Me” wird aber auch ein simpleres Publikum bedient. Einfach ist dieses Album aber deswegen nicht, ergeben gewisse Melodien und Takte doch erst mit der Zeit Sinn.

Diese Skizzen sind die Wiederbelebung eines fast vergessenen Musikgefühles, Rock, der nach San Francisco passt, aber auch in den nebligen Sümpfen nicht stark auffällt. Dafür sorgen Hexentänze wie “Tezeta” oder lyrische Überraschungen wie “The Book”. Vor allem aber beweisen die Musiker von King Gizzard & The Lizard Wizard zum wiederholten Male, dass sie weder ihr straffer Zeitplan noch die musikalische Komplexität überfordern kann. Zwar wird diese Scheibe niemals die beste in ihrem Œuvre sein, strahlt aber mit angenehm gelber Farbe weiter als so manch andere Platte in diesem Herbst.

Anspieltipps:
Tezeta, The Spider And Me, The Book

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

UUUU – UUUU (2017)

UUUU – UUUU
Label: Editions Mego, 2017
Format: Download
Links: Soundcloud, Bandcamp
Genre: Electronica, Noise, Experimental

Das Aufkommen von Struktur und angenehmem Songwriting muss unterdrückt werden! Kakophonisch verlaufende Instrumentierungen und lärmende Effektgeräte zerstören auf bestialische Art Harmonien, wilde Perkussion bringt jeden Rhythmus zum Stolpern. „The Latent Black Path Of Summons Served“ ist kein einfacher Beginn auf „UUUU“, er zweigt am Schluss schon fast in den atonalen Free Jazz ab. Doch der Zusammenschluss von Musikern bekannter Gruppen wie Wire, Spiritualized oder The Oscillation verspricht schliesslich auch auf dem Papier keine billige Entspannung – Vorhang auf für UUUU.

Wie vier Gefässe, bereit, um mit abgefahrener Musik gefüllt zu werden, steht der Bandname des neuen Projektes von Edvard Graham Lewis, Matthew Simms, Thighpaulsandra und Valentina Magaletti da. Beheimatet in der experimentellen Welt von Noise-Electronica und avantgardistischem Art-Rock versuchen UUUU mit diesem selbstbetitelten Album alle Regeln zu vergessen. Jedes Stück entwickelt sich dahin, wo es muss, ohne gezwungen zu werden. „Five Gates“ wandelt so während 16 Minuten zwischen Indie-Rock, Todes-Ambient und Doom-Endzeit.

Der schizophrene Pop wird in „Boots With Wings“ ausgelebt und auch der Krautrock schaut vorbei. Diese acht Lieder bieten also von etwas bestimmt nicht zu wenig: Abwechslung. Wer sich gerne ohne Scheu und Angst neuer Musik entgegenstellt, der wird mit dem ersten Werk von UUUU auf allen Kanälen belohnt. Handgemacht, impovisiert, gnadenlos und immer auf der Suche nach neuen Wahrheiten – hier erhält man ein Hybridwerk, das eine Ausnahmestellung im Plattenschrank einnimmt.

Anspieltipps:
Five Gates, Boots With Wings, Verlagerung Verlagerung Verlagerung

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Match & Fuse Festival, Zürich, 17-09-30

Match & Fuse Festival
Bands: Farvel / The True Harry Nulz / Colin Vallon Trio / Øyunn / KALI / Lucia Cadotsch
Diverse Orte – Zürich
Samstag 30. September 2017
Website: matchandfuse.ch

Zusammenbringen, austauschen, leihen und ergänzen – das Match & Fuse Festival steht für neue Entwicklungen in der Musik und das Verbinden von diversen Künstlern zu neuen Formationen. Und wenn sich am Freitagabend in Zürich die Damen und Herren vor allem dafür einsetzten, den Jazz auf moderne Weise mit elektronischen Stilarten zu verbinden, dann stand der Samstag ganz im Zeichen von Gruppierungsexperimenten und Bühnenbesuchen. So lauschten die Besucher im Moods und Exil zwar eher klassischen Darbietungen des Jazz, waren aber Zeugen einiger Premieren.

Bereits die erste Band schickte neuste Songs durch den Raum des Exil und verzauberte die Anwesenden mit ihrem organisch verwunschenen Liedergut. Farvel aus Schweden kombinierten Piano, schier animalische Gesänge und verspieltes Drumming mit der ersten Performance von Tenor-Saxophonist Otis Sandsjö – noch diverse weitere folgten an diesem Abend. Jetzt hiess es aber abtauchen in eine Waldwelt voller leise erzählten Geschichten und lauten Ausbrüchen.

Da fiel der Wechsel zu The True Harry Nulz etwas schwer, vermischten sich im Moods nämlich nicht nur zwei Bands aus Österreich (Edi Nulz) und der Schweiz (The Great Harry Hillman), sondern auch komponierte Stücke mit langen Inspirationen und Improvisationen. Als ob man die Bühne in der Mitte gespiegelt hätte, gaben sich zwei Schlagzeuger, zwei Gitarristen und zwei Bassklarinetten Zeichen und Akzente. Beim Colin Vallon Trio lief es wieder einiges geregelter, auch wenn die elektrische Besetzung mit Rhodes und Julian Sartorius am Schlagzeug in dieser Form eine Premiere war. Mit der Unterstützung eines gewissen Herrn Sandsjö lieferten die Mannen ein beeindruckendes Set.

Was hier an Wucht und Geschwindigkeit zu Höchstleistungen führte, war bei der folgenden Darbietung der norwegischen Künstlerin Øyunn dann vor allem die Abkehr ebendieser Eigenschaften. Die blonde Dame streichelte ihr Schlagzeug und sang sanfte Melodien, Bass und Piano untermalten ihre angenehmen Lieder, die auch gerne etwas im Pop landeten. Diese Stücke waren klar das Licht zu dem lauernden Schatten, der sich unter der Leitung von KALI im Exil ausbreitete. Das Schweizer Trio bewegte sich mit seinen unvorhersehbaren Werken zwischen den jazzigen Phasen von Robert Fripp und der Bosheit von The Shining. Kammerleichte Spielereien wechselten sich mit extremen Verzerrungen der Gitarre ab und endeten in wahrem Donnergrollen. Diese Formation muss man sich merken, ihr erstes Album erscheint in wenigen Monaten.

Vom Match & Fuse Ensemble wird man hingegen wohl nicht so schnell etwas käuflich erwerben können, gaben sich hier doch fünf Musiker aus diversen Ländern zu neuen Versuchen hin und liessen Musik, welche zuvor in Irland erdacht wurde, auf den Schweizer Boden treffen. Womit die Bühne für eine weitere Rückkehr frei gemacht wurde: Sängerin Lucia Cadotsch verliess für einmal ihre Wahlheimat Berlin und trat mit ihrem neuen Speak Low Trio auf. Otis Sandsjö und Petter Eldh wehrten sich gegen streikende Instrumente und zu klare Songstrukturen, Lucia wandelte durch Chansons und Erzählungen.

Und während sich diese Lieder im Scheinwerferlicht sonnten, wurde die Bühne von immer mehr Musikern bevölkert und man wurde Zeuge von einem erneuten Umdenken der bekannten Lieder mit der Band Speak Low Renditions. Eine perfekte Verkörperung des Festival-Geistes und der bisher erlebten Konzerte – und ein weiteres Ausrufezeichen für Match & Fuse. Denn die erste Schweizer Ausgabe war nicht nur vorzüglich organisiert, sondern ein wahrer Fundus an neuen Klangquellen, Talenten und Visionen. Die Welt des Jazz atmet auf viele Weisen, die wohl besten durfte man an diesen Tagen erleben.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Match & Fuse Festival, Zürich, 17-09-29

Match & Fuse Festival
Bands: Tobias Preisig / Schnellertollermeier / Soccer96 / In Girum / IOKOI & ARIA
Freitag 29. September 2017
Diverse Orte, Zürich
Website: matchandfuse.ch

Ein einzelner Funke reicht aus, um Welten zu verschmelzen, die man danach nie mehr trennen möchte. Ob man dazu mit Streichhölzern agiert oder Sicherungen durchbrennen lässt, beim Festival Match & Fuse ist alles möglich und vieles erlaubt. Seit fünf Jahren steht die Vereinigung dafür ein, in Europa eklektische Bands und Künstler zusammenzuführen und die experimentelle Kreativität zu zelebrieren. Jetzt endlich hat es das Fest auch nach Zürich geschafft. Gleich an drei Abenden werden Gesprächsrunden, Konzerte und Jamsessions angeboten, immer mit einem Fuss im gesunden Wahnsinn.

Wenn es an etwas am Freitagabend im Moods und der Laborbar nicht mangelte, dann waren es gespielte Noten. Woraus andere Bands wohl Jahrzehnte an Alben schöpfen würden, reichte bei den hier spielenden Formationen für kurzweilige Stunden an den Instrumenten. Tobias Preisig, Lokalmatador und eine der beiden Hälften des Duos Egopusher, eröffnete die Nacht mit einer Solodarbietung an der Geige. Verändert, erweitert und verzaubert mit Gerätschaften und Basspedalen klang seine Musik mal bedrohlich wie der Chorgesang des Monolithen in „2001“, dann wieder wie eine ferne Stimme in der arabischen Wüste.

Feinste Berührungen an den Saiten wurden brummend durch das Moods getragen, mal wild dann wieder hypnotisch – das Streichinstrument wurde zu einem wundersamen Klangkörper. Diese Art der entrückten Verzauberung nutzten auch die zwei Frauen von IOKOI & ARIA, welche mit Videoprojektionen, Synthies und Gesang Lieder aufbauten, die eine düstere Björk auf die psychedelischen Flüsse von The Legendary Pink Dots treffen liess. Zwischen Performance, Installation und Auftritt parkiert wanderte das Duo zwischen Pop und Absturz und machte die Besucher zu einem wichtigen Bestandteil des Auftrittes.

Wer mit dieser Rolle etwas überfordert war, der fand bei den Schweizern Schnellertollermeier eine Darbietung, die vor allem zum Zucken und Staunen einlud. Das Trio musizierte sich mit extremer Präzision, unendlicher Energie und grosser Spielfreude durch instrumentale Lieder, die sogar Frank Zappas Schnauz gezwirbelt hätten. Mit Gitarreneffekten wie bei Battles, einem göttlichen Bassspiel und unermüdlichem Schlagzeuger wurden lange Lieder perfekt auf- und abgebaut. Schwarzer Jazz mit feinen Strukturen, ein Erlebnis, das man so schnell nicht vergisst.

Da war es fast entspannend, dass mit Soccer96 aus England und In Girum aus Frankreich dann zwei Duos folgten, die sich auf Synthie und Schlagzeug beschränkten. Wobei am Match & Fuse ja einzelne Instrumente ausreichen, um alle Konventionen zu sprengen: So galt es hier die Fahne der Polyrhythmik hochzuhalten, gleichzeitig aber die Realität mit langen Liedern und flächigen Melodien zu verwischen. Soccer96 tummelten sich mit ihren Songs näher am Club, scheuten weder vor Vocoder noch bunten Farben zurück. Dies führte zu langen Gedankenflügen und einem Trancezustand beim Tanzen.

In Girum lauerten danach auf der dunklen Seite der Gasse und mischten vor allem Direktheit und kühlen Druck in die Musik. Auch wenn eine solche Masse an Musik etwas überfordern konnte, mitreissend und fesselnd war auch dieser im Halbdunkel gespielte Auftritt. Was perfekt passte, halten sich doch alle Künstler und auch die Initianten dieses Festivals gerne in Zwischenwelten auf und suchen in den Mischmengen die Erlösung. Als Besucher fand man diese am Freitag mindestens einmal pro Stunde und Konzert – und musste vor Genialität der Musik immer wieder glücklich lachen. One down, one to go.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

 

Ben Frost – The Centre Cannot Hold (2017)

Ben Frost – The Centre Cannot Hold
Label: Mute, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Künstler
Genre: Electronica, Experimental

Was sich Ende Juli mit der EP „Threshold Of Faith“ ankündigte, wird nun in grossem Stil ausgelebt: Ben Frost und sein Produzent Steve Albini wagen sich an unangenehme, lärmige Electronica. Verzettelte Tracks, kratzende Synthies, ausgeleierte Bänder – alles vermengt sich zu einem Album voller Eindrücke, die man so nie freiwillig machen wollte. Dass „The Centre Cannot Hold“ aber trotzdem ein vergnügliches Erlebnis darstellt, ist vor allem dem künstlerischen Einfallsreichtum des Australiers zu verdanken. Und Musik ist schliesslich immer dann am interessantesten, wenn sie bekannte Pfade verlässt.

„The Centre Cannot Hold“ wagt sich schon gar nicht in die Nähe von vertrauten Klangkonstrutionen, sondern wirkt mit Tracks wie „Entropy In Blue“ eher wie ein Schlachtschiff aus der Andromedagalaxie. Immer wieder laut werdend und gerne mit Störfrequenzen spielend, lässt Ben Frost seine Synthies hier schier auseinander brechen. Das Album ist aber nicht durchweg eine solche Belastung, sondern schweift auch in melodiöse und dem sphärischen Ambient angelehnte Momente um. „Eurydice’s Heel“ macht Vangelis stolz, „Meg Ryan Eyez“ spielt mit Leerstellen.

Es ist nicht oft der Fall, dass man sich mit Musik den Tag schön gestaltet, die gegen alle Konventionen verstösst. Wenn aber Ben Frost auf seine urtümliche Weise Noise-Experimental auf Ambient und Electro treffen lässt, dann kann man nur fasziniert zuhören. Und im Gegensatz zur bereits erschienenen EP, funktionieren hier auch Spannungsbogen und Songformat perfekt. Manchmal braucht es nur wenige Sekunden für das Ergebnis, dann wieder acht Minuten – aber immerzu landet man an einem bisher unbekannten Ziel.

Anspieltipps:
Trauma Theory, Threshold Of Faith, Entropy In Blue

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

A Shape – Inlands (2017)

A Shape – Inlands
Label: Atypeek Music, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Post-Punk, Noise

Obwohl der Rechtsextremismus bei den Wahlen in Frankreich nicht gewonnen hat, ist es noch lange nicht an der Zeit, ruhig zu bleiben und still das Leben zu geniessen. Viel mehr braucht es auch jetzt laute Aufschreie und Krach, der zeigt, gut haben es noch lange nicht alle. Das Quartett A Shape will dem Debüt „Inlands“ also aufrütteln und lässt die Instrumente unangenehm schräg und laut klingen. Dank dem Mix von Ex-Sonic Youth Mitglied Lee Ranaldo bleibt aber alles am richtigen Platz.

A Shape pendeln somit zwischen leisen Passagen, in denen Sängerin Sasha Andrès sanft gegen atonale Gitarren singt, nur um wenigen Sekunden später im nächsten Lied wieder die Mikrofone zu überfordern und das Schlagzeug laut poltern zu lassen. Lieder wie „Furtive Spirals“ oder „Magnetic Sun“ sind in ihrer Rohheit und Scheiss-Drauf-Attitüde eine perfekte Fortsetzung des brodelnden Post-Punk der Achtziger. Hier geht es weder darum, korrekte Tonleitern zu spielen oder das Instrumente überhaupt richtig in der Hand zu halten – hier ist Ausdruck Trumpf.

„Inlands“ lässt sich gerne von Noise und Feedback begraben, die Musiker von A Shape haben aber immer eine spitze Idee bereit, um sich wieder krumm aus dem Haufen zu schaufeln. Somit ist diese Platte perfekt für eine kaputte Party, im verlassenen Bürogebäude im düsteren Stadtgebiet. Und dabei lässt es die Musik nicht nur zu, dass man ausrastet, sondern man fühlt sich auch verstanden. Gut also, dass diese Krach-Orgien gerne sechs abwechslungsreiche Minuten andauern – tanzen, wüten, lieben.

Anspieltipps:
Love Mantra, Furtive Spirals, Decade

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.