David Bowie

Live: David Brighton’s Space Oddity, Volkshaus Zürich, 17-03-28

David Brighton’s Space Oddity
Dienstag 28. März 2017
Volkshaus, Zürich

Hymnen für die Ewigkeit, unendliche Kreativität, ständiger Fortschritt und unzählige Lobpreisungen – der 2016 verstorbene Musiker und Künstler David Bowie hat wie kein anderer die Menschen in und um die Musikwelt so berührt. Seine Karriere ist unvergleichlich, seine Konzerte unvergesslich – und heute leider nicht mehr erlebbar. Oder etwa doch? Denn David Brighton verkörpert seit 1994 das Chamäleon auf schier perfekte Weise und hatte damals sogar für das „Reality“-Album mit Bowie zusammengearbeitet.

Und endlich stand der Mann mit seiner Band in Zürich auf der Bühne, komplett mit Videobegleitung, Kostümwechsel und dem Flair vergangener Jahrzehnte. Mit seiner Show „Space Oddity“ greift Brighton nicht nur tief in die Vergangenheit von David Bowie ein, sondern fängt dank seinen grossartigen Musikern die Atmosphäre der damaligen Zeit perfekt ein. „Rebel Rebel“, „Young Americans“ oder „Ziggy Stardust“ – dem Publikum schallt es entgegen, als wäre man mit einer Zeitmaschine zurückgereist. Dank toller Solos, einem satten Sound und versierten Talenten werden auch komplexe Stücke wie „Cat People (Putting Out Fire)“ oder „Space Oddity“ zu einem Fest.

Bald konnten sich nicht mehr alle auf den Stühlen halten und suchten im Volkshaus neben den Sitzreihen Platz um zu tanzen, was Brighton erfreute und zu manchen Danksagungen hinreissen liess. Allgemein trat der Imitator mit viel Charisma und einer zum Verwechseln ähnlichen Gestik vor die Leute. Auch stimmlich traf er die Vorlagen von Bowie, und mit geschlossenen Augen verschwanden Begriffe wie Original und Kopie. Und wenn sich Space Oddity zu Covers von Cream und T.Rex hinreissen liessen, passte das perfekt in den Rahmen. Nicht nur die Hosen und Schuhe des Gitarristen glitzerten in diesen Momenten.

Sicherlich, eine Tribute-Show ist nicht jedermanns Sache und hat immer den Effekt, dass man alles mit dem Original vergleicht. Doch David Brighton hält dieser Herausforderung stand und traute sich auch an „China Girl“ oder „Under Pressure“. Schade nur, dass gewisse Instrumente wie das Saxophon gesampelt wurden und man die Spätphase von Bowie komplett ausgeklammert hat. Aber einmal „Heroes“ und „Life On Mars?“ live zu erleben, das war schon sehr magisch.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

2016 – Der Rückblick, die Listen

2016 – du warst kein einfaches Jahr. Nicht nur prallten praktisch jeden Tag Freud und Leid auf heftigste Weise zusammen, nein auch die Künstler- und Musikwelt musste sich von vielen Grössen verabschieden. So begann das Jahr mit dem Tod meines Helden David Bowie, kurz nach der Veröffentlichung seines neusten und wahrlich grossartigen Albums „Blackstar“ – und nahm sich dann in jedem Monat weitere Legenden. Leonard Cohen, Prince, Gene Wilder, Alan Rickman, Harper Lee, Umberto Eco und viel zu viele mehr. Es ist somit schwierig, eine Rangliste der besten Werke zu erstellen, möchte man doch all diese Seelen ehren.

Auch ist der Konsum aktueller Veröffentlichungen dank meiner Mitarbeit bei Artnoir in schwindelerregende Höhen gestiegen, was eine Beschränkung auf zehn Scheiben schier unmöglich macht. Somit muss ich dieses Jahr etwas mogeln – es gibt nun eine Top Ten für die Platten aus aller Welt, und eine weitere für Musik aus der Schweiz. Dabei allerdings sind mit diesen 20 Alben aber zu viele nicht beachtet. So gab es beispielsweise Grossartiges von Frost*, Leonard Cohen, Radiohead, PJ Harvey, James Blake, Rihanna, Wilco, Periphery, Wolf People, Moscow Mule und so weiter. Doch regelmässige Leser dieser Seite oder von Artnoir werden meine Texte zu deren Werken ja bestimmt mitgekriegt haben. Darum hier die Listen:

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Top Ten 2016 – Alben
1. David Bowie – Blackstar
2. Jarlath Henderson – Heads Turned, Hearts Broken
3. Nick Cave & The Bad Seeds – Skeleton Tree
4. Moby & The Void Pacific Choir – These Systems Are Failing
5. Dream The Electric Sleep – Beneath The Dark Wide Sky
6. The Hotelier – Goodness
7. Marillion – F*ck Everyone And Run
8. Touché Amoré – Stage Four
9. Underworld – Barbara, Barbara We Face A Shining Future
10. Thrice – To Be Everywhere Is To Be Nowhere

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Top Ten 2016 – Schweiz
1. Knöppel – Hey Wichsers
2. One Sentence. Supervisor – Temporär Musik 1-13
3. King MCH, effelav & Saruco – Hous der ond fegg di
4. Yello – Toy
5. Spencer – We Built This Mountain Just To See The Sunrise
6. Al Pride – Hallavara
7. Container 6 – Beschti Zyt
8. The Shamanics – Shamanic
9. The Beauty Of Gemina – Minor Sun
10. Wolfman – Modern Age

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Und ja, auch bei den Konzerten war es nicht so einfach, wenn auch klarer. Mit 85 besuchten Veranstaltungen (Konzertabend = 1, Festivaltag =1) stieg auch diese Zahl in absurde Höhen. Doch was macht man nicht alles für seine Journalistenkarriere? Wobei ich 2017 dies nicht zu übertrumpfen versuche, gesund wäre es wohl nicht. Und ja, in dieser Liste findet man einige übliche Verdächtige, aber Musik ist schlussendlich Emotion und gewisse Talente berühren mich halt am stärksten.

Top Ten 2016 – Konzerte
1. Marillion – 19.07.2016 – Huxley’s neue Welt, Berlin
2. Massive Attack – 21.07.2016 – Paléo Festival, Nyon
3. Underworld – 27.08.2016 – Zürich Open Air, Rümlang
4. Patti Smith – 29.06.2016 – Volkshaus, Zürich
5. Bruce Springsteen – 31.07.2016 – Stadion Letzigrund, Zürich
6. Ventil – 01.10.2016 – A-Synth Fest, St.Gallen
7. Battles – 12.08.2016 – Open Air Basel
8. Motorpsycho – 06.05.2016 – Fri-Son, Fribourg
9. Ellie Goulding – 28.02.2016 – Hallenstadion, Zürich
10. Gaia – 15.10.2016 – Oxil, Zofingen

Immer nur etwas zu hören ohne die Bilder dazu zu haben, ist doch auch doof, oder? Darum hier die besten Filme des Jahres. Wer die nicht kennt, sofort anschauen.

Top Ten 2016 – Filme
1. Toni Erdmann – Regie: Maren Ade
2. Arrival  – Regie: Dennis Villeneuve
3. Spotlight  – Regie: Thomas McCarthy
4. The Revenant – Regie: Alejandro Gonzalez Inarritu
5. Bezness As Usual – Regie: Alex Pitstra
6. Captain America: Civil War  – Regie: Russo Brothers
7. Everboy Wants Some! – Regie: Richard Linklater
8. Demolition – Regie: Jaen-Marc Vallée
9. Nocturnal Animals – Regie: Tom Form
10. The Lobster – Regie: Giorgos Lanthimos

Ausser Konkurrenz:
Nick Cave & The Bad Seeds – One More Time With Feeling

Steven Wilson – Happiness III (2016)

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Steven Wilson – Happiness III 
Label: Kscope, 2016
Format: 7inch Vinyl
Links: Discogs, Künstler
Genre: Art-Rock

Warum kauft man sich eigentlich eine 7inch-Single? Dieses Format ist schliesslich etwa das unpraktischste, um Musik zu hören. Kaum hat man sich gemütlich auf dem Sofa niedergelassen, ist die Musik bereits zu Ende und das Vinyl will gedreht werden. Doch wenn auf der schwarzen Scheibe ein Lied enthalten ist, das man so sonst nicht geniessen kann, dann lohnt sich der Kauf. Steven Wilson hat nun mit „Happiness III“ seine Ehrung an David Bowie verewigt.

Ende Januar 2016 spielte der Prog-Gott im Hammersmith Apollo in London nämlich „Space Oddity“, wenige Woche nachdem David Bowie unsere Realitätsebene verlassen hatte. Unterstützt von Ninet Tayeb spielten Steven Wilson und seine Band eine ruhige und andächtige Version des Liedes, welche wunderschön und ätherisch klingt. Umso mehr wird einem erneut bewusst, was für ein riesiges Loch Bowie in der Musiklandschaft hinterlassen hat. Glücklicherweise tragen Menschen wie Herr Wilson seine Musik weiter.

Auf der A-Seite gibt es natürlich ein originales Lied des Künstlers – „Happiness III“ stammt von der diesjährigen EP „4 1/2“ und ist unwiderstehlicher Art-Pop mit absolut genial erdachtem Refrain. Im Gegensatz zu vielen anderen Stücken von Steven Wilson ist dieses beinahe simpel und lässt auch an Porcupine Tree denken. Ein Lied, das auf jeden Fall die Veröffentlichung als Single verdient hat. Und dank der B-Seite ist „Happiness III“ als Seveninch somit ein Sammlerstück mit Mehrwert. Wie gewohnt auch in geschmackvollem Design.

Anspieltipps:
Happiness III, Space Oddity

David Bowie lives on – Ausstellung in Basel

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David Bowie lives on – Fotos von Markus Klinko
Licht Feld Gallery, Basel
25. März bis 10. April 2016

Es war plötzlich, doch er bleibt immer da. David Bowie ist auch wenige Wochen nach seinem Ableben immer noch schier omnipräsent. Sei es bei Radiostationen, Partys, Zeitschriften oder eben auch Galerien. So kann man zur Zeit in der Licht Feld Gallery in Basel eine kleine aber feine Fotoausstellung zum Meister geniessen. Hübsch in einem Innenhof nähe Kannenfeldplatz gelegen, kann man eintrittsfrei tolle Fotografien aus der Zeit zu „Heathen“ betrachten. Die Frage zur Leichenfledderei stellt sich somit gar nicht, denn diese Portraits gehören ausgestellt. Es wird nichts zelebriert oder ausgenutzt, ein Meister wird neu beleuchtet.

Markus Klinko ist ein international renomierter Fotograf, der eigentlich aus der Werbebranche stammt. 2001 erhielt er die Gelegenheit David Bowie zu fotografieren und nahm dankend an. Dabei entstanden stimmungsvolle und ausdrucksstarke Portraits und Bilder, die den Musiker mal geerdet und mal übernatürlich erscheinen lassen. Bestens bekannt ist bestimmt das Covermotiv von „Heathen“, auf dem Bowie mit dämonischen Augen die Menschlichkeit weit hinter sich lässt. Als Held erscheint er auf den Bildern mit Wölfen, als Denker schaut er rauchend aus dem Rahmen hinaus. Obwohl man in der Galerie nur eine beschränkte Anzahl von Fotografien betrachten kann, sind diese wunderbar ausgeführt und erzählen kleine Geschichten. Dank der enormen Grösse der Bilder wird man direkt gepackt – man verschwindet mit dem Künstler.

Ein Besuch lohnt sich also nicht nur für Fotografieinteressierte, sondern auch für Liebhaber des Musikers und Kunstkenner. Klinko hat neben Bowie auch Musikerinnen wie Lady Gaga, Britney Spears, Lindsay Lohan oder Beyoncé abgelichtet und dabei immer attraktiv präsentiert. Bei „David Bowie lives on“ geht es nicht direkt um körperliche Präsentation, sondern um Schattenwirkung, Vielfalt und eine Vermengung von Vergangenheit und möglicher Zukunft. Passend also zu der Musik des Verstorbenen.

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David Bowie – Blackstar (2016)

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David Bowie – Blackstar
Label: Columbia, 2016
Format: Vinyl im Gatefold, mit Booklet und Download
Links: Discogs, Künstler
Genre: Rock, Jazz, Experimental

Ein schwarzer Stern, ein dunkler Fleck im Raum, eine zähflüssige Masse, die sich wie tiefgrauer Asphalt um deinen Körper hüllt. Du fühlst dich zuerst zwar etwas unbehaglich, weisst aber, dass hinter dieser Fassade Glück und Erfüllung lauern. Wagst du den Sprung hinein, oder drehst dich weg und verpasst einen der schönsten Momente im Januar 2016? Die Entscheidung sollte klar sein, denn mit „Blackstar“ liegt seit seinem 69. Geburtstag das neuste, und leider auch allerletzte Studioalbum des Genies David Bowie vor.

Dass diese Platte die letzte sein wird, dass wir danach für immer unsere Tage ohne den Grossmeister und Visionär leben müssen, hätte niemand gedacht. Herr Bowie hat seinen langen Kampf gegen den Krebs verloren und unsere Sphäre verlassen. Trotzdem, „Blackstar“ ist kein Schwanengesang. Wie immer in seiner Karriere blieb der Künstler bis zuletzt wagemutig und ein Vorreiter. „The Next Day“ war die überraschende Rückkehr nach langer Absenz, doch es war mehr eine tolle Songsammlung als Grosswerk. Was mit Liedern wie „Lazarus“, „Dollar Days“ oder dem Titelstück uns nun aber begegnet, ist pure musikalische Güte. Die Dichte der Lieder ist extrem, man spürt viele vergangene Phasen von Bowie raus, so werden die Zeiten in Berlin, „Station To Station“ und spätere Alben wie „Heathen“ gestreift und zusammen mit neuen Ideen vermengt. Der experimentelle Rock zeugt mit Jazz kleine Kinder, stellt somit zuerst einige Hindernisse dar. Wer sich aber nicht immer gleich der einfachsten Musik zuwendet, der findet sofort Spass und Sinn. Die Tracks besitzen unzählig schöne Momente, die wie Lichtungen in einem düsteren Dornenwald auftauchen. Man lauscht genialen Gitarrenriffs, wunderschönen und Bowie-typischen Melodienspielen und verbogenen Saxophon-Solis. Je öfter die Platte auf dem Spieler rotiert, desto unwiderstehlicher werden die Kompositionen.

Wenn „Blackstar“ mit seiner zehnminütigen Eröffnung eine Wanderung über Asterioden, durch schwarzen Staub und über alte Kellerböden bietet und dann alles in Strobolichter und Fackelschein taucht, ist man den Tränen nahe. Es ist schön, dass ein so wichtiger Künstler mit einem solchen Album seine Karriere beenden kann. Zugleich ist es aber noch schlimmer, dass die neu geöffneten Türen nun nie mehr durchschritten werden. „Blackstar“ ist kein Abschluss, sondern wäre ein neuer Aufbruch und der Beginn eines neuen Abschnittes. Es liegt nun an uns allen, dieses Vermächtnis zu ehren und weiterzuführen.

Anspieltipps:
Blackstar, Lazarus, I Can’t Give Everything Away

Media Monday #237

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Schon ist das Jahr wieder zwei Lückentexte vom Medienjournal alt.

1. Für einen entspannten Filmeabend hab ich mir in letzter Zeit so einige Filme auf Netflix gegönnt, die schon lange in meiner Liste lauerten. Dabei hab ich festgestellt, dass der Streaminganbieter die Wertungen ziemlich passend für mich vorschlägt. Entweder schau ich nun zu viel oder ich bin sehr durchschaubar. Beides klingt irgendwie nicht so super.

2. Das Konzertjahr 2016 fing gar nicht mal so stark an, mittlerweile bin ich aber froh, mir selber eine Pause gegönnt zu haben. Nachdem ich 2015 68 Konzerte besucht habe (Rechungsweise: 1 Festivaltag = 1 Konzert), war diese Pause bestimmt nötig. Spätestens am 19.01.16 geht es dann aber mit frischer Energie wieder weiter. Und einige Highlights sind jetzt schon gebucht: Ellie Goulding in Barcelona, Muse und Schiller in Zürich und Marillion an meinem Geburtstag in Berlin. Yay!

3. Die wohl coolste Gastrolle in einer Serie einem Film hatte David Bowie in „The Prestige“, und sonst bei all seinen Auftritten. Der Mensch war ein scheinender Stern, eine Quelle an unendlicher Kreativität und ein Genie. Und jetzt, wenige Tage nach der Veröffentlichung von „Blackstar“ und seinem 69. Geburtstag schweigt seine Stimme für immer. Bitte nicht, so etwas will ich nicht erleben müssen. 😦

4. „Zombieland“ nimmt das Genre der Zombiethriller so gepflegt aufs Korn, dass man praktisch im Sekundentakt lachen und klatschen muss. Jedes Klischee wird umgangen und entlarvt, die Figuren sind wunderbar atypisch und herrlich durchgedreht. Und dann noch Bill Murray als sich selber? Wundervoll.

5. Es war längst überfällig, dass die Bilder in den Filmen wieder ausdrucksstärker werden. Die Kameraarbeit, Bildkomposition und Ausführung in „The Revenant“ hat mich darum einfach nur umgehauen. Wie da mit rein echten Licht gearbeitet, die Natur eingefangen und zelebriert wurde, erinnerte mich sogar an die Meditationen eines Terence Malick.

6. „A Brief History Of Seven Killings“ konnte ich kaum noch aus der Hand legen, denn das Monsterwerk von Marlon James offenbart unter der Komplexheit eine tiefe und reife Beobachtung von Jamaica. Die Handlung spannt sich mit über 70 Figuren über drei Jahrzehnte und der Autor spielt absolut grandios mit Dialekten und Sprachen. Wuchtig und nicht immer einfach, aber fesselnd und absorbierend. Zu Recht wurde das Buch mehrfach ausgezeichnet, schon jetzt ist es ein Klassiker. Mehr dazu auf Goodreads.

7. Zuletzt habe ich „Mud“ gesehen und das war ein wunderbarer Film, weil die Mischung aus „Coming Of Age“ Drama und Charakterstudie mit Krimi wunderbar rund aufgeht. Die Bilder der heissen Südstaaten-Landschaften sind wunderschön, die Schauspieler saustark. Allen voran natürlich Matthew McConaughey, der hier schon wieder beweisst, dass er zu den Besten gehört.

David Bowie – The Next Day (2013)

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David Bowie – The Next Day
Label: Columbia, 2013
Format: Doppelvinyl im Gatefold, mit CD
Links: Discogs, Künstler
Genre: Rock, Pop

Das hat lange gedauert. Obwohl ich David Bowie seit vielen Jahren höre und geniesse und die Ankündigung des neuen Albums eine grosse Sensation war, vergingen ganze zwei Jahre, bis ich mir das Vinyl doch noch ins Regal stellte. Dass dazwischen unzählige positive Meinungen lagen, Hördurchgänge und der Besuch der David Bowie-Ausstellung, beschleunigten den Prozess nicht. Aber gut Ding will Weile haben – schliesslich liess sich der Engländer auch zehn Jahre Zeit, um neues Material zu veröffentlichen.

Es grenzt schon fast an ein Wunder, dass dieses Album überhaupt entstanden ist. Lange schien es schliesslich so, als ob man nie wieder neue Musik des Künstlers hören würde, schon gar keine Auftritte. Und jetzt klotzte der Herr Bowie, seines Zeichens Legende der Pop-Rock Musik und grossartiges, multimediales Talent. Denn mit „The Next Day“ bietet er uns 17 neue Lieder, ohne dabei gross ausser Puste zu geraten. Auf zwei Platten nimmt er uns mit auf eine Reise durch sein Schaffen, ohne dabei die Gegenwart aus den Augen zu verlieren. Jeder Song ist vom Knochenmark bis zur Hautschicht ganz klar David Bowie. Das fängt mit seinem Gesang an, geht über den Klang der Gitarren weiter und endet bei Gesamtstil und Stimmung. Moderne Produktion und viele verschiedene Instrumente lassen am Entstehungsjahr keine Zweifel aufkommen, das Songwriting bietet aber genügend Einblicke in vergangene Jahrzehnte und Abschnitte der Karriere Bowies. Ob die Drum’n’Bass Phase tangiert wird wie bei „If You Can See Me“, der klassische 70er Rock wie „Set The World On Fire“ oder er die grossartigen Balladen zitiert („I’d Rather Be High“) – nie wird die Musik zu einer Selbstkopie oder einem billigen Versuch der Wiederholung. Toll auch, dass Davids Stimme immer noch genau so Leistungsfähig ist wie vor 15 Jahren. Er bewältigt leise und laute Stellen genau so imposant wie spezielle Melodienläufe. Da fällt auch nicht weiter auf, dass 17 Lieder doch etwas zu viel des Guten sind. Obwohl man immer wieder neue Lieblingslieder entdeckt.

Freunde und Fans des grossen Musikers können mit diesem Album nichts falsch machen und haben es hoffentlich schon lange gekauft. Dass uns der Meister noch einmal beehrt ist wunderbar, besonders mit einem solch hoch stehenden Werk. Leider entspricht die Verpackung nicht dem Standard der Musik, in meinen Augen jedenfalls. Denn das Design spricht zwar viele Themen an, setzt sie aber etwas billig um. Stört aber nicht weiter, denn gerne reise ich mit David an der Hand durch die Musikgeschichte.

Anspieltipps:
The Stars (Are Out Tonight), Where Are We Now?, Dancing Out In Space, (You Will) Set The World On Fire

David Bowie Is.. Paris und die Musik

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Ein Städtetrip lässt sich immer gut mit vielen Aspekten der Musik verbinden. Konzertbesuche, stöbern in Plattenläden und Tanznächte in Diskotheken. Die drei Tage in Paris boten aber noch mehr. Unser Hauptgrund für die kurze und bequeme Anreise per TGV war das grossartige Konzert von Underworld. Ihre Show am Donnerstagabend bot Freude, Glück und Beats. Um das aufgewendete Reisegeld sinnvoller einzusetzen, vergnügten wir uns insgesamt drei Tag in der französischen Hauptstadt. Zu wenig Zeit um alle Sehenswürdigkeiten zu besuchen, aber genügend, um einen anhaltenden Eindruck der Stadt zu erhaschen.

Natürlich besticht der Ort vor allem durch seine unzähligen Prachtbauten und Denkmäler, sowie den Museen. Alleine der Besuch von Versailles und den dazugehörigen Gärten verschlingt mindestens einen halben Tag. Wer dazu noch ins Louvre rein, oder den Eiffelturm besteigen will, der plant wohl besser eine Woche ein. Gerne haben wir uns nach den ermüdenden, aber sehr interessanten Spaziergängen durch die Stadt in den Pubs die späten Stunden um die Ohren gehauen. Eine witzige Idee war das Interpreten Ratespiel mit Shots als Gewinn. Wenn da bloss nicht die Allwissenden an der Bar gewesen wären, die auch noch so tieffranzösische Chansons bereits am ersten Ton erkannt haben.. Na egal, dieses Spiel war eine tolle und Besucher verbindende Idee. Wieso gibt es das nicht öfters?

Spontan durch ein Plakataushang in einer Buchhandlung entdeckten wir, dass die viel gelobte Retrospektive „David Bowie Is..“ momentan in der Philharmonie de Paris gastiert. Das liessen wir uns natürlich nicht entgehen, und drängten uns am Samstagmorgen mit vielen anderen Interessierten in die Ausstellungsräume des architektonisch sehr interessanten Gebäudes – und wurden nicht enttäuscht. Die multimediale Schau zeigt das Leben und Schaffen des faszinierenden Künstlers Bowie auf, und zwar in vielfältiger Form. Via Funkempfänger und Kopfhörer werden je nach Raum und Filmprojektion die passenden Songs und Interviews vertont, an den Wänden hängen Bilder, Texte und Memorabilien. Kostüme teilen sich den Platz mit riesigen Installationen, Bild und Ton mischen sich zu einem Wirbel voller Kreativität. Oft ist man ein wenig überfordert, alle Reize gleichzeitig verarbeiten zu können, aber die Ausstellung bietet in ihrer Gestaltung viel Freiheit und Raum, um den Besuchern ihre eigenen Regeln zu lassen. Das Entdecken des Menschen David Bowie ist eine sehr individuelle Angelegenheit, und wie auch der Künstler selber, ist er in seiner Wirkung sehr divers. Es gibt somit keine abschliessende Endung für den Ausstellungstitel „David Bowie Is..“, sondern nur eine eigene Vervollständigung. Für jeden der sich auch nur am Rande mit der Musik und kreativem Schaffen von Herr Jones interessiert, lohnt sich der Besuch auf jeden Fall. FriedlvonGrimm war übrigens in Berlin dabei.

Um vor der Abreise die Stadt nicht mehr leeren Händen zu verlassen, erstand ich im Fnac noch das Live Album von Archive, aufgenommen im Zenith in Paris. Obwohl die Band aus England stammt, erschien mir der Kauf doch gerechtfertigt. Besonders, da die Gruppe das Album bei Warner Bros. France herausbrachte, und in Frankreich eine sehr grosse Fangemeinde besitzt. Ebenfalls in der Tasche landete das neue Soloalbum von Björk, inspiriert durch das überlebensgrosse Plakat in einer Strasse im Viertel Montmartre. Somit bot Paris viel für den Kultur- und Musikfanatiker, und ist immer wieder eine Reise wert. Schon alleine darum, weil man keine lange Zeitdauer ohne Éclair auskommt. Muss! Essen!

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But we can’t choose how we’re made – Playlist 5//14

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Part 5//14 – But we can’t choose how we’re made
Mai 2014

01 Jonathan Wilson – Fanfare
(Fanfare, 2013)

Als Album-Eröffnungslied perfekt funktionierend muss es auch hier auf dem Platz Nummer Eins stehen. Der sanfte Beginn lässt dich näher heran rücken, dann erklingt das Piano, kumuliert sich schnell mit Schlagzeug, Streicher und Effekten. Kurz bevor der Kitsch überhand nimmt gesellt sich Jonathan mit seiner sanften, etwas brüchigen Stimme dazu und vollendet das Lied „uuh let me love you“. Und noch so gerne gibt man all seine ganze Liebe den restlichen vier Minuten, denn das so leise gestartete Lied wird zu einem Orkan der Gefühle und Hippiemusik inklusive Saxophon. Grossartig.

02 Southerner – Kingdom Come
(A Song For Old Songs, 2014)

Kennen gelernt durch Noisetrade überzeugte mich die EP von Southerner auf Anhieb. Ganz sanfter Post-Rock mit viel Melancholie der gegen Ende mit wunderbaren Gitarren aufwartet. Nicht unbedingt die Musik für einen WM-Sommer (trotz Chorgesang), aber wenn es wieder mal regnet oder die Lieblingsmannschaft ausscheidet findet man hier Trost.

03 Starkus Meiner – Father And Son
(Time For Little Pieces And Catchy Melodies, 2014)

Mundart-Musik aus Zofingen, hier auf dem Blog auch schon vorgestellt, ist eine Seltenheit. Starkus Meiner hat mit seinem Debüt und für mich besonders mit diesem Song wunderbare Kleinode aus dem alltäglichen Leben von Familie, Freundschaft und Kultur geschaffen. Dieses Lied zeigt das zerbrechliche Gerüst das Vater und Sohn verbindet oder ebenso schnell trennt. Geniesst die gemeinsame Zeit.

04 David Bowie – The Stars (Are Out Tonight)
(The Next Day, 2013)

Lange habe ich das neue Album unangetastet gelassen, trotz den allgemeinen Lobhudeleien. Dank der Medienabteilung in der städtischen Bibliothek fand Herr Bowie doch noch den Weg zu mir ins Wohnzimmer. Und siehe da: Das Album ist wirklich super, besonders spassig unter Anderen der Song „The Stars (Are Out Tonight)“ das ganz klar mit dem Charme der „Heathen“-Ära spielt und klassischen Bowie-Gesang mit schrägen Gitarren-Akkorden und Keyboard-Geplinker verbinden. Funktioniert.

05 Lily Allen – Hard Out Here
(Sheezus, 2014)

Aaaaah Stilbruch, aber I don’t care denn Lily hatte schon immer ein Teil meines Herzens gewonnen. Ihre fröhliche Musik mit den angriffigen Texten ist intelligent und macht Spass. Hard Out Here war der Vorbote des neuen Albums und funktioniert gewohnt wie ihre alten Hits. Eingängige Melodien mit geschlagenen Piano-Akkorden, steriler Beat und ihre hüpfende Stimme. Schade hat sie schon einen Mann. 😉

06 The Intersphere – Out Of Phase
(Relations In The Unseen, 2014)

Ihr Album hat mich nach einigen Durchläufen total umgehauen, sehr schnell blieb aber Out Of Phase hängen. Das Lied ist nicht nur ein spannend geschriebenes Stück Alternative Rock mit grossen Gesten, sondern weiss genau das Mehr nie Genug ist. Schichtet doch noch ein paar Spuren mehr darüber. Gitarren gibt es nie genug, dann brauchen wir noch Streicher und Effekte und tiefe Synthiebässe und und und. Ein Monster der Studiotechnik, trotz allem aber immer noch grossartiges Songwriting.

07 Against Me! – Talking Transgender Dysphoria Blues
(Transgender Dysphoria Blues, 2014)

In der Albumkritik bin ich schon auf das Thema Transgender eingegangen, verständlicherweise handelt auch der Titelsong des Album davon. Mit intelligenten Textzeilen wie „You want them to notice, / The ragged ends of your summer dress. / You want them to see you /Like they see every other girl. / They just see a faggot. / They’ll hold their breath not to catch the sick.“ wird die Problematik gut angesprochen und musikalisch in der typischen Alternative-Punk-Rock Mischung von Against Me!

08 Die! Die! Die! – Changeman
(Harmony, 2012)

Wild zappelndes Lied, wie ein frisch gefangener Fisch im Netz, die Instrumente wollen zeitgleich in alle Richtungen ausbrechen und wegfliegen. Doch der Gesang pack alle am Hals und hält sie zusammen. Besonders der Refrain wird zum Fixpunkt und bellt lauter „Changeman“ durch die Gegend. Typisches Lied von Die! Die! Die!, typisch gut.

09 EMA – Cthulu
(The Future’s Void, 2014)

Bleiben wir düster in der Grundstimmung, werfen neu aber eine verzweifelte Frauenstimme in den Topf. EMA malt auf ihrem neuen Album mit den Songs wie „Cthulu“ ein pessimistisches Bild der aktuellen Lage auf unserem Planeten. Es handelt sich hier um eine Frau die sich nicht zurecht findet, sich verbessern möchte und das Leben neu gestalten will. Einfacher gesagt als gemacht, besonders wenn die Umgebung von kratzenden Beats und Gitarren bestimmt wird, Industrial-Electro-Punk könnte man wohl sagen.

10 Paris XY – Panic Attack
(EP002, 2013)

Die düsteren Beats übertragen wir nun in das nächste Lied, hier aber klarer produziert und eher drückend im Club. Paris XY haben einen bösen Stampfer mit passendem Namen „Panic Attack“ erschaffen der Spass macht. Elektronische Musik mag ich am liebsten wenn es in Richtung Verzweiflung und Bosheit abdriftet. Unterstützt wird das hier noch mit der tollen Stimme von Alice Smith, erstaunlich wie jung die Dame noch ist.

11 IQ – The Road Of Bones
(The Road Of Bones, 2014)

Immer dieser kitschige und überschwängliche Neoprog, aber hey ich mag das wenn es ein wenig aus den Boxen trieft. Synthies und Keyboard werden gestapelt bis alles zusammenfällt, einem drüber mit Schlagzeug und Gitarre und schon ist alles wieder sauber, oder schwarz wenn man die Grundstimmung des Lieds betrachtet. Nach dem stillen Intro macht ein treibender Schlagzeugbeat den Weg frei für das Knochen-Xylophon, den grossartigen Synthieflächen und starken Leadgesang. So müssen längere Lieder aufgebaut sein, stark.

12 Coldplay – Midnight
(Ghost Stories, 2014)

Erholen wir uns kurz und lehnen zurück, Coldplay präsentieren auf ihrem neuen Album nicht nur bekannten Herzschmerz und Kitsch, sondern das – in meinen Augen – erfrischende Midnight. Ein kleines Lied im Ambient-Electronica Gewand, voller verzerrter Stimmen, schwebenden Melodien und sanften Beats. Sicherlich keine Neuerfindung genannter Genres, aber für mich funktioniert der Songs super und verbreitet eine angenehme Stimmung.

13 LCD Soundsystem – Get Innocuous!
(The Long Goodbye – Live At Madison Square Garden, 2014)

LCD Soundsystem sagen Tschüss und hauen so schnell ein über drei Stunden langes Konzert auf die Bretter. Hits, nur Hits! „Get Innocuous“ ist ein klarer Gewinner, mit typischen Zitter-Beat, hyperaktivem Schlagzeug und mehrstimmigen Gesang. Natürlich ist das Lied über sechs Minuten lang, natürlich drehen sich die Klänge wie eine Spirale in die Luft. Harmlos?

14 Eno * Hyde – When I Built This World
(Someday World, 2014)
Leider habe ich dazu kein Video oder Link gefunden, das schräge Stück Electronica steht aber wie ein windschiefes Bretterhaus in der Landschaft und schiebt dir zuerst ein Dorn ins Trommelfell. Kaum hast du dich an die Disharmonien gewöhnt fallen tausend Klänge wie ein Regenschauer auf dich nieder und begraben dich unter dem Song der sich immerzu wandelt. Was für ein Spass!

15 Jonathan Wilson – All The Way Down
(Fanfare, 2013)

Der Kreis schliesst sich, denn auf „Fanfare“ findet man nicht nur den perfekten Album-Opener sondern auf das Schlusslied ist umwerfend. Eine ganz sanft gespielte Melodie auf Gitarre, der leise Gesang und weiches Pianospiel, rührt fast zu Tränen. Die Gefühle übermannen dich spätestens gegen den Schluss wenn der grosse Refrain alles gibt. Nicht lesen, Augen schliessen und anhören. Immer wieder.