Chanson

Fishbach – A Ta Merci (2018)

Ist es nicht erstaunlich, wie lange es immerzu dauert, bis gewisse Trends und gefeierte Künstler die Landesgrenzen durchbrechen können? So hat hierzulande wohl noch fast niemand im deutschsprachigen Gebiet von Flora Fishbach gehört. Die Chanteuse aus Frankreich musiziert sich seit 2010 in die Herzen der Menschen und feierte 2017 mit ihrem Debütalbum „À Ta Merci“ grosse Erfolge. Nun endlich wird dieses Album voller rauem Gesang und angenehm dunklem Synthie-Pop auch bei uns zugänglich gemacht – und diese Platte sollte sich niemand entgehen lassen, der auf Electropop steht.

Obwohl Fishbach ihre Lieder natürlich in Französisch einsingt, spürt man ihre Aussagen schnell heraus. Auf den Lieder wie „Feu“ oder „Mortel“ lastet eine grandiose Mischung aus Erhabenheit, Traurigkeit und Leidenschaft – eine Wirkung, die man selten bei einer solch jungen Künstlerin verspürt. Mal in der Disco verankert und mit der frühen Madonna kokettierend („Un Autre Que Moi“), dann wieder pulsierend und riesengross („On Me Dit Tu“), „À Ta Merci“ lässt jede Stimmung und Art zu. Und viel Atmosphäre kommt dank der eher tiefen und kratzigen Stimme Fishbachs auf – die mich an Musikerinnen wie Lùisa erinnert.

Diesem Album haftet zwar etwas Theatralik und auch Exzentrik an, aber Fishbach nimmt sich von allen klassischen Tugenden der französischen Musik die besten Zutaten heraus und baut damit ihr eigenes und zukunftsträchtiges Werk. Dass man dazu auf der, nun um zusätzliche Aufnahmen erweiterte Edition von „À Ta Merci“ sogar noch ihre Live-Qualitäten erleben darf, sollte jeden zu einem Fan der Dame machen. Und ein weiteres Mal wird somit bewiesen, dass die Einflüsse der elterlichen Plattensammlung eben doch zu tollen Resultaten führen können.

Anspieltipps:
Y Crois Tu, Un Autre Que Moi, Mortel

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: On The Bus, Kleine Bühne Zofingen, 16-12-16

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On The Bus
Support: Muriel Zemp
Freitag 16. Dezember 2016
Kleine Bühne, Zofingen
Bilder: Heinz Schaub

Gewisse Ortschaften brüsten sich damit, kulturell an vorderster Stelle zu stehen. Auch die Kleinstadt Zofingen im Aargau stellt sich gerne mit solchen Aussagen ins Rampenlicht. An diesem Freitagabend fand man im Kellergewölbe des Schulhauses aber Berechtigung für solche Behauptungen. Auf der kleinen Bühne gaben sich Musiker die Klinke in die Hand, welche die Besucher auf leichte Weise kurzerhand in alle Himmelsrichtungen entführten. Weiterbildung und Ausgang in einem, irgendwo zwischen Folk und Traditionen.

Muriel Zemp machte alleine mit ihren technischen Helfern den Anfang und wagte sich an eine Mischung aus Chansons aus der französischen Welt, volkstümlichen Liedern aus den felsigen Winkeln der Schweiz und eigenen Kreationen voller Sprachschichten. Die Künstlerin und Pianistin jonglierte Loop-Aufnahmen ihrer Stimme zu halben Chören und verlieh somit bekannten Stücken neue Aspekte. Schade nur, dass gerade die Momente mit künstlichen Dums und Basslinien etwas zu stark in die Welten der Alleinunterhalter abdrifteten. Muriel Zemp ist talentiert und weiss auf er Bühne auch ihren Charme geschickt einzusetzen, doch diese Aspekte machten den Auftritt etwas unschön. Und ja, wer vor Kleinkunst eine gewisse Berührungsangst hat, der war hier auch am falschen Ort.

Da tat es gut, dass mit On the Bus danach eine lokale Formation den Saal beschallte, die ihre Musik gerne auch ungekämmt stehen lässt. Unter der Leitung von Paul Hoffmann musizierte sich das Quartett von Blues über Singer-Songwriter bis hin zu Pop und Bossa Nova durch alle erdenklichen Einflüsse. Mit viel Witz, Erfahrung und gerne auch amüsanten Texten lebte die Kleine Bühne auf und das Publikum liess sich zu lauten Ovationen hinreissen. Besonders wenn Gitarrist Renato Rizzo seine Finger in unglaublichen Variationen über die Saiten gleiten liess oder Michael Hammer sein Cajón bearbeitete, hellten die Gesichter auf.

Eigentlich wäre die Band lauter und mit Schlagzeug unterwegs, die Herren verstanden es aber wunderbar, ihre Lieder in das sanftere Kleid zu stecken. Jonas Lüscher legte den Teppich mit seinem Kontrabass aus, welcher von Paul Hoffmann nur zu gerne schelmisch betreten wurde. Und ohne es zu merken, haben On The Bus somit dem eher gesetzten Publikum eine freche und spannende Darbietung von Rock untergejubelt. Es lohnt sich manchmal doch, in die Tiefen zu steigen.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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