Century Media

Dagoba – Black Nova (2017)

Wenn es an etwas nicht mangelt, dann ist es die Bereitschaft von Dagoba, konstant zu Prügeln und Ballern. Ihre Musik ist eine stete Orgie an Beats, Blasts und Riffs – im Hintergrund der Songs zieht sich ein konstantes Doublebass-Gepolter durch, Keyboard und Gitarren legen Lärmteppiche. Trotzdem vergassen sie in all dieser Wildheit nicht, ihre Lieder mit Dynamik zu versehen und zeigen auch mit „Black Nova“ erneut, dass Frankreich für den groovenden Death Metal immer noch wichtig ist. Besonders in Verbund mit den hier verwendeten, sehr modernen Elementen.

Denn Dagoba, welche hier bereits ihr siebtes Werk vorlegen, scheuen sich nicht vor digitaler Verstärkung ihrer Musik. Industrial Metal als würzende Prise über dem Sturm der Gewalt, bereits „Inner Sun“ kokettiert sich damit und gewinnt. Stücke wie „Lost Gravity“ gehen gar soweit, dass wichtige Melodienanteile davon zehren und sich die Band auch mal in die fast balladesken Gebiete wagt – meist erhalten die leisen Stellen auf „Black Nova“ wenig Chance. Lieber wird laut geschrien, ganze Planeten mit Riffs geschreddert und massive Soundwände aufgezogen.

Wenn sich Dagoba dann mit „Phoenix & Corvus“ gleich noch an einem fast sieben Minuten langen Epos laben, dann ist klar: „Black Nova“ ist ein Album, das sowohl für Hörer wie auch die Musiker selber eine Wohltat ist. Voller Kraft und Energie spielt sich die Band von grossen Gesten zu vernichtenden Attacken und formt aus dem entstandenen Staub neue Kreationen und Geschichten. Ihr Metal ist immer aktuell, nie altbacken und die Musiker auch 20 Jahre nach ihrer Zusammenkunft bereit dazu, sich gegenseitig an die Grenzen zu treiben.

Anspieltipps:
Inner Sun, Stone Ocean, Phoenix & Corvus

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Eskimo Callboy – The Scene (2017)

Band: Eskimo Callboy
Album: The Scene
Genre: Metalcore / Trancecore

Label/Vertrieb: Century Media
VÖ: 25. August 2017
Webseite: eskimocallboy.com

Seit vier Alben durchpflügen Eskimo Callboy nun mit ihrem Trancecore die Szenen und spalten dabei nicht nur die Meinungen – hier fliesst auch viel Alkohol. Denn im Gegensatz zu vielen anderen Bands im Bereich des Metalcore und Post-Hardcore vertritt diese deutsche Truppe keine wirklichen politischen Meinungen, sondern lässt in ihren Liedern lieber die Lust zur Party und zum Sex freien Lauf. Das passt zum Klanggerüst, treffen hier doch Trance-Riffs auf harte Blasts und wildes Geschrei. Es stellt sich aber auch sieben Jahre nach der Bandgründung die Frage: Wie ernst darf man „The Scene“ nehmen?

Mit ihrer gleichnamigen Single zeigten Eskimo Callboy schon sehr gut, was auf ihrem vierten Album geboten wird. In einem Hochglanzclip marschieren attraktive Frauen in Zeitlupe, die Band feiert sich dazu auf der perfekt ausgeleuchteten Bühne. Tiefgang und wirkliche Überraschungen gibt es keine, dies findet man auch in den zwölf weiteren Stücken von „The Scene“ nicht. Zwar pendelt die Band zwischen eher direkten Prüglern wie „New Age“ oder „Shallows“ und Komikmaterial wie „Nightlife“ und „MC Thunder“, Genre-Revolutionen finden aber nie statt. Und obwohl immer alles heftig reinknallt, der Metal von Techno-Elementen ausgefräst wird und die Band locker aufspielt – es wirkt etwas mühselig.

Aber schlussendlich ist wohl jeder selber Schuld, der sich mit diesem Album zum Nachdenken anregen will. Eskimo Callboy (ein übrigens auch etwas fragwürdiger Name) haben nur ein Ziel: Let’s Party! Und damit erreichen sie im oft brutal harten Gebiet des Metalcore dieselbe Wirkung wie Good Charlotte oder Avril Lavigne im Punk. Wenn bei „Rooftop“ plötzlich noch Rap dazukommt oder „Frances“ von weiblichem Gesang umgarnt wird, dann lockt die Band sogar Pop-Fans in ihre Fänge. Also Bier kaltstellen, Lautstärke aufdrehen und am nächsten Morgen mit Kater wieder aufwachen.

Anspieltipps:
The Scene, Shallows, Rooftop

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Periphery – III: Select Difficulty (2016)

Periphery III - Select Difficulty

Periphery – III: Select Difficulty
Label: Century Media, 2016
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Prog Metal, Metal Core, Melodic

Einen schier grössenwahnsinnigen Rundumschlag wagten Periphery 2015 mit dem Doppelalbum „Juggernaut“ – und kehren bereits jetzt mit einem Nachfolger zurück. Und anstatt das letztjährige Erfolgsrezept einfach zu kopieren, haben die Musiker die Köpfe zusammengesteckt und all ihre Merkmale auf kleinerer Spielfläche zusammengebracht. „III: Select Difficulty“ bietet somit Prog Metal, Metalcore und Melodic College Fights in minutenschnellen Wechseln – und Periphery zeigen, wieso ihre Musik seit jeher bei vielen Hörern polarisiert.

Wobei das Album mit „The Price Is Wrong“ gleich so heftig beginnt, dass man vor lauter Djent die Kaffeetasse an die Decke wirft. Unbarmherzig und voller beissender Riffs, so wild waren Periphery selten. Hier benötigen sie aber doch Zeit bis zum dritten Song, um ihre hochmelodischen Anfälle aus dem Sack zu lassen. Und ab da könnte für manchen Hörer der Gesang von Spencer Sotelo wieder zum Stolperstein werden – denn seine Melodien kratzen oft an der Grenze zum Schmachten und zuckrigem Geschrei. Doch genau dies passt perfekt zur stilistischen Tour de Force von Periphery. Was „Marigold“ vormacht, wird dann absolut krank bei „Remain Indoors“: Gamesounds, epische Drachentötergesten, markerschütterndes Geschrei, instrumentales Prog-Gewichse und Gesang aus dem College-Radio.

Alleine einen solchen Satz zu lesen kann Schwindelgefühle auslösen – es ist aber dem Talent von Periphery zu verdanken, dass „Select Difficulty“ trotz all dieser Extreme zu einem grossartigen und homogenen Album wurde. Man schmachtet mit den Melodien und singt laut mit, nur um gleich vom Gewitter des ultraharten und polyphonen Prog Metal überrascht zu werden. Die Nummer drei ist eines dieser Werke, bei denen man vor Freude und Überraschung übermütig umherspringt, Gegenstände verprügelt und Wände anschreit. Und Periphery sind echt nicht aufzuhalten, denn auch in dieser komprimierten Form scheinen sie nicht zu bändigen und ohne Fehler.

Anspieltipps:
Marigold, Remain Indoors, Lune

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Paradise Lost – Symphony For The Lost (2015)

Paradise Lost - Symphony For The Lost

Paradise Lost – Symphony For The Lost
Label: Century Media, 2015
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Gothic-Metal, Symphonic Rock

Leute die sich immer in schwarz kleiden, die Haare lang wachsen lassen und ihre Musik gerne mit grossen Gesten unterstreichen, denen liegt meist auch die sinfonische Welt. Irgendwoher muss ja die Inspiration für eine Klangreise in Länder voller Helden und Drachen, epischer Schlachten und Feuerhöhlen kommen. Soweit das Klischee. Doch gerade eine Band wie Paradise Lost, die es sich im Gothic-Metal bequem gemacht hat, unterstreicht nun die Bedeutung von solchen Werken und präsentiert ein Livealbum mit Orchester. Hoch zu Ross und los aufs Schlachtfeld!

Das im alten und ehrwürdigen Römertheater in Plovdiv aufgezeichnete Konzert spaltet die Freude in zwei Teile. Wie mit einem überlebensgrossen Beil getrennt, wird die Band zuerst von Chor und Orchester in neue Soundvolumen begleitet, nur um sich für die letzten 40 Minuten wieder ganz alleine auf der grossen Bühne zu behaupten. Doch verloren ist hier niemand, denn die Musiker um den gut gelaunten Sänger Nick Holmes geben ihr bestes. Ihre Spielfreude ist zu jedem Moment spürbar, da verzeiht man der Band die wenigen Fehler. Dass diese Missgriffe nicht nachträglich bearbeitet wurden und Holmes sogar ein paar Zeilen krumm singen darf, zeugt von ehrlicher Rohheit dieser Aufnahme. Sicherlich ist gerade der Konzertabschluss eher eine Standardangelegenheit, lässt dem Hörer aber genügend Raum, um sich zu erholen. Denn was während der ersten acht Stücke aufgefahren wird, ist nicht nur episch gross, sondern wirkt zum Teil etwas aufgeblasen. Bläser streiten mit den Gitarren um die Hauptrolle, Streicher drängen das Schlagzeug in den Sumpf zurück. Dabei entsteht ein Sound, der direkt aus einem Film oder Hörspiel zu kommen scheint, und man muss sich zuerst damit anfreunden. Die Darbietung zeigt zwar Krallen, fühlt sich aber meist flauschig an. Wie immer ist die Kombination aus Sinfonie und Rockband eine Frage des Geschmacks, zu Paradise Lost passt dieses überzeichnete Auftreten ganz gut. Besonders, da in jedem Lied andere Instrumente die Leitung übernehmen. Leider passiert es dabei aber auch, dass die Band an ihrer Unterstützung vorbeispielt, bei Liedern wie „Gothic“ geht die Kalkulation hingegen perfekt auf.

Ein Grossteil des Dankes gebührt dem Publikum, feiert dieses die Gruppe während des gesamten Auftrittes frenetisch ab. „Symphony For The Lost“ ist somit eine Aufnahme die Spass macht, auch wenn sie einem teilweise ärgerliche Dinge vor die Füsse wirft. Paradise Lost beenden ihr erfolgreiches Jahr 2015 somit mit einer gesunden Erweiterung ihres Kataloges. Diese Aufnahme ist besonders für Fans der Band lohnenswert und dank einer Laufzeit von zirka 90 Minuten im angenehmen Rahmen. Vergesst vor dem Anhören aber nicht, eure Schwerter und Rüstungen zu polieren. Die erste Hälfte wird ohne diese Utensilien eine Ritter begrabende Lawine.

Anspieltipps:
Gothic, As I Die, The Last Time

Periphery – Juggernaut: Alpha / Omega (2015)

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Periphery – Juggernaut: Alpha / Omega
Label: Century Media, 2015
Format: Doppelvinyl im Gatefold, mit Inlays
Links: Discogs, Band
Genre: Djent, Prog-Metal, Math-Rock

Juggernaut ist eine unaufhaltsame Kraft / Energie, die alles auf ihrem Weg vernichtet. Unaufhaltbar bahnt sie sich ihre Spur und walzt alles nieder. Dieser metaphorische Begriff dient der US-Amerikanischen Band als mehr als passender Albumtitel, denn ihr neustes Werk ist eine unglaubliche Wucht. Unterteilt in zwei Platten mit dem Titelzusatz Alpha respektive Omega prügeln Periphery wild auf die Hörer ein. Dabei fallen vor allem zwei Dinge auf: Wie melodisch das Doppelalbum geraten ist, und wie zwingend beide Scheiben zusammengehören.

Oft zeigte die Musikhistorie auf, dass solche doppelten und langen Alben überladen sind. Gerne würde man diese Veröffentlichungen zurechtstutzen und der Band zeigen, dass es die Hälfte des Materials auch getan hätte. Periphery aber schaffen das Unglaubliche und verlieren während der über 80 Minuten Spielzeit nie den Fokus. Ihre Lieder bleiben auf „Alpha“, wie auch auf „Omega“ knackig, zielgerichtet und spannend. Extrem viel Faszination übt dabei ihre Mischung aus harten und technischen Passagen und hochgradig eingängigem Gesang aus. Beim Überlied „Alpha“ auf der ersten Platte wird dies perfektioniert: Die Band startet mit einer Melodie, die aus einem Computerspiel zu stammen scheint, wechselt auf harten Progmetal mit tobenden Wechsel, der Sänger stimmt ein und singt mit klarer Stimme. All dies steigert sich bis zum Refrain und jetzt geschieht das wunderbare: Die nun gewählte Melodie ist wunderbar stimmig und scheint direkt aus dem College-Rock zu stammen. Klingt merkwürdig, passt aber extrem gut zusammen. Genau mit diesen wechselhaften Stimmungen spielt die Band im gesamten Album. Auf lautes Geschrei folgt eine sanfte Gitarre, auf Haken schlagende Rhythmik folgt ein ruhiges Keyboard. Immer wieder auch werden Melodienfetzen, Textzeilen oder Harmonien aufgegriffen und verbinden die Lieder. Das Album ist somit nicht nur ein sehr langer Wurm an willkürlich gewählten Songs, sondern weist eine durchdachte Struktur auf.

„Juggernaut“ ist ein phänomenales Album. Es besticht mit technisch grossartig gespieltem Math / Djent / Prog (oder wie man diese Richtung zurzeit auch immer nennt), verzaubert mit Melodien zum mitsingen und ist technisch auf höchstem Niveau. Die Band zeigt sich zu keiner Sekunde einfallslos und schlägt immer wieder unerwartete Wege ein. Chorgesang erklingt, Balladen werden angedeutet und dann wieder mit dem Vorschlaghammer gnadenlos abgerissen. Bereits nach dem ersten Anhören blieb das Doppelalbum im Hinterkopf – und die Lust es immer wieder zu geniessen, nimmt nur noch mehr zu. Atemberaubend.

Anspieltipps:
MK Ultra, Alpha, The Bad Thing, Omega