Bruce Soord

The Pineapple Thief – Your Wilderness (2016)

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The Pineapple Thief – Your Wilderness
Label: Kscope, 2016
Format: 2 CDs + DVD in Mediabook
Links: Discogs, Band
Genre: Art-Rock, New Prog

Willkommen zurück – denn auch wenn ihr unersättlichen Diebe aller schönen Ananasfrüchte nie ganz weg wart, mit diesem Werk erreicht ihr wieder die Spitze und bietet Vergessenes wie auch Neues. Natürlich bleibt ihr dabei unscheinbar und gebt euch auch von aussen in bekannten Gewändern – denn das bereits elfte Studioalbum wurde mit Bildern von Carl Glover geschmückt. Und damit ist man bei Kscope nie alleine; mit grossartiger Musik im Umfeld des New Prog und Art-Rock aber auch nicht. The Pineapple Thief spielen mit „Your Wilderness“ wieder ganz weit oben mit.

Gleich mit „In Exile“ steigt man in die Vollen. Das wunderschöne und melancholische Stück bietet den wandelbaren Gesang von Bruce Soord, harte Riffs und fliegende Synthflächen. Dahinter lauert neu das treibende Schlagzeugspiel von Gavin Harrison – und genau dies bringt den progressiven Rock wieder zurück zu The Pineapple Thief. Wie damals bei Porcupine Tree trommelt der Mann mit seinen spannenden Mustern und Techniken in einer anderen Welt. Dies stachelte nicht nur Soord an, seine Musik noch einfallsreicher zu gestalten, sondern verleiht dem Album eine neue Ebene voller Druck und Kraft. Dagegen stellen sich gefühlvolle und perfekt ausgearbeitete Spielereien der Elektronik, eine fantastische Produktion und die neu lieben gelernte Sanftheit. Bereits auf seinem Soloalbum fand Bruce Soord die Ruhe und Nachdenklichkeit, dies fliesst nun direkt in „Your Wilderness“ ein.

Ob sich The Pineapple Thief nun also in Eskapaden wie „The Final Thing On My Mind“ stürzen oder sanft sinnieren wie bei „No Man’s Land“ – alles fügt sich zu einem schier unfassbar ergiebigen und fesselnden Werk zusammen. Die Musiker sind auf der Höhe ihres Schaffens, die Lieder sind kurze Reisen und Geschichten, die mit jedem Kontakt noch vielfältiger werden. Hier findet man kein Lieblingslied, hier kann man sich nicht entscheiden. „Your Wilderness“ ist wie eine Reise mit seinen besten Freunden, wie frisch Verliebtsein, wie ein emotional mitreissender Film – es ist ein perfektes Art-Rock-Album für das 21. Jahrhundert. Und mit der Buch-Edition erhält man sogar noch 40 weitere Minuten Musik zwischen Rock und Ambient!

Anspieltipps:
In Exile, That Shore, The Final Thing On My Mind

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Bruce Soord – Bruce Soord (2015)

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Bruce Soord – Bruce Soord
Label: Kscope, 2015
Format: CD in Digipak
Links: Discogs, Künstler
Genre: Art-Pop, Rock

Gewisse Künstler veröffentlichen rastlos Album um Album, zieren sich jedoch lange, ein Solowerk in die Regale zu stellen. So auch Bruce Soord, den die meisten wohl als federführenden Kopf hinter The Pineapple Thief kennen. Nebst vielen Kollaborationen und der Platte mit Jonas Renske gibt es nun endlich sein erstes Album unter dem Namen „Bruce Soord“. Damit entfernt sich der Herr aber aus bekannten Kreisen und zeigt sich von der besonders zerbrechlichen Seite.

Art-Pop mit viel Gefühl, reduziert und alleine wie eine Blume in Schneefeldern. Soord hat seine Metalausbrüche beim letzten Album der Ananasdiebe ausgelebt und will niemandem mehr brutal in den Weg stehen. Ist es denn noch Singer-Songwriter, wenn die Lieder üppig produziert werden und voller Elektronik in tausend Farben schimmern? Wie auch immer, der kleine Bruder des kunstvollen Rock steht Bruce sehr gut. „Buried Here“ schwelgt in melancholischen Akkorden und Arrangements, ohne Effekte aus dem Synth zu vergessen. Der Künstler ist ein begabter Musiker und Songschreiber, dies wird einem auch bei diesem Album bewusst. Er weiss genau wie die Instrumente zu klingen haben und wie man in der Produktion damit umgeht. So wird in „The Odds“ die Beatwirkung aus Schlagzeug und Bass lauter, man hüpft von Strophe zu Strophe. Obwohl die Lieder sanft sind, erreichen sie eine extreme Dichte und Wucht. Mit Tonartwechseln und mehrspurigen Aufbauten steigern sich die Lieder fast unmerklich, genial passiert dies beim abschliessenden „Leaves Leave Me“. Hier will man sich gleichzeitig unter der beschützenden Decke verkriechen und mit offenen Armen durch die Strassen gehen.

Das selbstbenannte Album von Bruce Soord ist somit unscheinbar, aber voller Empathie und Sonnenlicht. Die Lieder sind sympathisch und zierlich, wirken aber nie betrübt. Obwohl sich der Mann nun stark von seinen sonstigen Veröffentlichungen entfernt hat, bleibt er seiner Klangsprache und dem Ausdruck treu. An „Bruce Soord“ werden Progfans wohl weniger den Gefallen finden, umso mehr aber alle Leute mit Interesse an intelligenter Popmusik.

Anspieltipps:
Buried Here, The Odds, Leaves Leave Me

The Pineapple Thief – Magnolia (2014)

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The Pineapple Thief – Magnolia
Label: KScope, 2014
Format: Doppelvinyl im Gatefold, Downloadcode
Links: Discogs, Band
Genre: Prog, New Artrock

Stehen wir an der Schwelle zum neuen Prog Zeitalter? Nachdem diese Musikart in den Siebzigern zu der vorherrschenden Richtung wurde, stürzte sie auch gleich so schnell wieder in die Versenkung. Durch den New-Artrock und Neoprog wiederbelebt erfreut sich Prog seit den Nullerjahre einer wachsenden Fangemeinschaft welche nun in eine weitere Phase eintritt. Bands wie Porcupine Tree oder Muse habe einem grossen Publikum aufgezeigt, das Prog nicht nur für Nerds und Althippies ist, sondern alles bedeuten kann was man will. The Pineapple Thief stehen nun an der Spitze einer neuen solchen Gruppe und bringen frischen Wind in das Genre.

Denn obwohl die Band – oder besser gesagt Bruce Soord und seine Mitmusiker – schon seit einigen Alben dabei sind, starten sie erst jetzt richtig durch. Der Vorgänger „All The Wars“ gab die Marschrichtung vor: eingängige und knackige Songs mit guten Riffs und spannenden Harmonien. Das grossartige Werk „Magnolia“ führt dies nun konsequent weiter. Soord hat seine Musik weiter komprimiert (was hier aber nichts mit Kompromiss zu tun hat) und heraus gekommen sind zwölf Lieder unter fünf Minuten, kein epischer Longtrack, kein unnötiges Gewurstel. Dabei blieben die typischen Ananasdieb-Merkmale erhalten, wie die stakkatoartigen Gitarren und der melodische Gesang von Soord. Wie gut es der Musik aber getan hat zusammengestrichen zu werden zeigt sich gleich beim Eröffnungslied: Harte Gitarren, tolle Drums, sanfter Zwischenteil und wuchtiges Finale. Oder beim Titelsong der wie ein Popsong startet und mit dem leisen Gesang beeindruckt. Dann der verhaltene Refrain mit verzerrten Stimmen und wunderbar hallenden Akkorden. Und gegen Ende des Albums werden in „Sense Of Fear“ nicht nur Muse sondern auch Porcupine Tree zitiert aber ohne zu kopieren. Grandios!

Dabei vergisst Soord nie das Herz und Gefühl in den Songs, lässt die Lieder von Streicher und tollen Synthies begleiten, verbindet Harmoniebögen und rockt dann hart davon. Mit Magnolia ist die Band nun ein grosser Schritt weiter gekommen und hat das Potential dazu, als Speerspitze einer neuen Proggeneration dazustehen und die Musik ideenreich in die Zukunft zu führen. Gerne laufe ich mit.

Anspieltipps:
Simple As That, Magnolia, Sense Of Fear