Big Scary Monsters

Alpha Male Tea Party – Health (2017)

Alpha Male Tea Party – Health
Label: Big Scary Monsters, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Math-Rock, Instrumental Rock

Bei Alpha Male Tea Party handelt es sich nicht um eine verschlüsselte, militärische Einladung zu Tee und Kuchen, sondern um eine instrumentale Rockband aus Liverpool, die weder mit Gewalt noch ernster Problembekämpfung wirklich viel am Hut hat. Vielmehr steht die Musik der Künstler für abwechslungsreichen und immer wunderbar unverkrampften Math-Rock. Gitarrenlastige Lieder also, die sich weder vor schnellen Taktwechseln noch speziellen Rhythmen scheuen. In all diesen technischen Spielereien versteckt sich aber so manche tolle Melodie.

So lädt auch das dritte und neuste Album „Health“ dazu ein, die komplizierten Bruchrechnungen zu vergessen und auf heroischen Riffs über Stolpersteine zu segeln. Besonders perfekt zeigen dies Alpha Male Tea Party in der Mitte des Albums mit „Powerful And Professional“, hier wechseln sich trockene Licks mit schwelgerischen Tonfolgen ab. Zu hektisch werden die Stücke aber auch sonst nicht, vielmehr hält die Band das perfekte Gleichgewicht zwischen Technikschau und Genuss. Dank dem experimentellen Anspruch und den vielen Effekten fehlt einem auch nie der Gesang.

Wer sich also für Bands wie Three Trapped Tigers interessiert, der wird auch an „Health“ seinen Gefallen finden. Das Album groovt, es schwingt elegant dahin, es lässt aber auch immer wieder den Boden erzittern. Ob wild wie bei „Ballerina“ oder nahe an den schrägen Geräuschen von Battles bei „Some Soldiers“, hier gibt es immer etwas zu lachen und geniessen. Die drei Jahre Arbeitsinvestition seit dem Zweitling „Droids“ zwischen Tourleben und Alltag haben sich also wahrlich gelohnt.

Anspieltipps:
Ballerina, Powerful And Professional,

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Kamikaze Girls – Seafoam (2017)

Kamikaze Girls – Seafoam
Label: Big Scary Monsters, 2017
Format: CD
Links: Discogs, Band
Genre: Punk, Rock

Sicherlich, laut und wild kann seine Wirkung haben – doch wirklich eindringlich wird Musik dann, wenn in langsamen Tempo berührende Texte vorgetragen werden. Und somit macht es Sinn, dass „Seafoam“ von zwei gemächlichen aber niemals positiven Liedern umrahmt wird. Denn das erste Album des Duos Kamikaze Girls aus England entstand in einer Zeit, in der es für Frontfrau Lucinda Livingstone und Schlagzeuger Conor Dawson nebst dem Tourleben nichts mehr gab, nur noch die Musik um sich daran zu klammern. Somit sind die Botschaften in Liedern wie „I Don’t Want To Be Sad Forever“ ganz klar verzweifelt, aber immer pro Kunst und pro Leben.

Es half, dass Kamikaze Girl schnell von der DIY-Punk-Szene aufgenommen wurden und bereits mit ihrer Debüt-EP „Sad“ Furore machten. Mit ihrem ersten vollwertigen Album schaffen es die zwei nun aber, ausserhalb der alternativen Riot-Gruppierungen für Bewegung zu sorgen. Dies ist kein Wunder wenn man die leidenschaftliche und grossartig kratzende Musik auf „Seafoam“ hört. Sei es schneller Indie-Punk wie bei der Single „Berlin“ oder schleppende und tief gestimmte Gitarren in „Good For Nothing“, die schon fast im Stoner landen. Und natürlich Livingstones mit viel Hall geschmückter Gesang, der Emotionen mehr als echt rüber bringt.

Allgemein ist das Album ein grosser Gewinn für die Szene, lebt die Musik von Kamikaze Girls doch von flirrenden Gitarren, einem im richtigen Mass verspielten Schlagzeug und der perfekten Mischung aus Härte, Lärm und Schönheit. „Seafoam“ erinnert dabei manchmal an die böse Schwester von Alvvays oder verlorene Freundin von The Winter Passing – und immer unwiderstehlich verlockend wie bei „Deathcap“, oder jedem anderen Stück auf dieser Platte. 2017, und die Traurigkeit fühlt sich gut an.

Anspieltipps:
Berlin, Deathcap, I Don’t Want To Be Sad Forever

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

The Winter Passing – Double Exposure (2017)

The Winter Passing – Double Exposure
Label: Big Scary Monsters, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Alternative, Emo

Die Stimmen locken dann doch immer wieder am meisten, egal wie grossartig die Instrumente hier aufspielen. Aber bei der neusten EP von The Winter Passing zeigt sich wieder einmal, was eine packende Gesangsmelodie doch alles auslösen kann. Denn die Band aus Irland besticht auf „Double Exposure“ nicht nur durch eindringliche Musik, sondern auch persönliche Texte, welche gleich zweistimmig vorgetragen werden. Rob und Kate Flynn stürzen sich gemeinsam in Refrains und wechseln sich effektvoll bei den Strophen ab – dabei erhalten die Lieder eine wunderbare Intensität.

Aber was erwartet man von einer Truppe, die sich musikalisch im alternativen Rock positioniert und dabei gerne in den Emo oder Punk abdriftet? Genau, Ehrlichkeit und Eindringlichkeit. Lieder wie „Significance“ oder „Like Flower Ache For Spring“ bieten auch genau dies, mit tollen Gitarrenspuren, einem trockenen Schlagzeug und dem Gefühl, hier Musikern zu begegnen, die man seit Ewigkeiten kennt. Was sich auch bei der Musik von The Winter Passing ähnlich verhält – denn obwohl hier nichts komplett Neues erfunden wird, ist man immer wieder positiv von den Wendungen überrascht, welche die Songs einschlagen.

So hört man sich „Double Exposure“ immer wieder an, egal ob auf der Arbeit, im Auto oder gemütlich auf dem Sofa – und findet immer wieder einen sicheren Hafen in einer Welt von Instabilität. The Winter Passing gehen mit ihren Kompositionen zum Glück genauso roh um wie auch unsere Umwelt mit unserem Dasein, damit wirkt nichts verfälscht. Vielmehr möchte man die Leute gleich einladen, doch bitte ihr nächstes Konzert im eigenen Wohnzimmer zu spielen. Alternativer Rock rettete die Welt schon immer durch die Hintertür – und diese Band kommt gleich mit den Angeln herein.

Anspieltipps:
Significance, Like Flowers Ache For Spring, Es•cap•Ism

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Sorority Noise – You’re Not As _____ As You Think (2017)

Sorority Noise – You’re Not As _____ As You Think
Label: Big Scary Monsters, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Emo, Alternative, Indie

Was wurde Emo in den letzten Jahren nicht immer in Ungnade gebracht – durch falsche Aussagen und dumme Vorurteile. Dabei steht dieses Genre für extrem eindringlichen Emotional Rock, der auch oft heikle und schmerzvolle Themen anspricht. Aber zum Glück gibt es für jede Modeverunglimpfung auch ein grossartiges Original – wie Sorority Noise, welche seit 2013 von Amerika aus die Welt von vielen Menschen verbessern. Und dank „You’re Not As _____ As You Think“ auch meine.

Denn die dritte Scheibe der Gruppe ist ein verdammt ehrliches, verdammt direktes und ebenso gutes Stück Musik. Vom eröffnenden Lied „No Halo“ mit seinem stechenden Refrain bis hin zu dem versöhnlichen Abschluss „New Room“ werden Herzen repariert, Unsicherheiten aus dem Kopf geschafft und mit Instrumenten Berge versetzt. Sorority Noise wagen sich nämlich nicht nur an laute Stellen, welche auch Gruppen wie The Hotelier auszeichnen, sondern an eine musikalische Diversität, die man auch bei Brand New finden kann. Sanfte Indie-Aussprachen zwischen handgemachtem Alternative Rock – ausufernd in Punk.

Und dazu gesellen sich die gnadenlos ehrlichen Texte, welche von Verlust, Trauer und Depression erzählen – und somit viele Menschen unterstützen und begleiten können. Das gab es zuletzt bei La Dispute. Sorority Noise nehmen uns somit auf eine emotionale Achterbahnfahrt mit, halten sich in den richtigen Momenten zurück („Leave The Fan On“), nur um laute Stellen noch heftiger auszuschmücken. Alles gipfelt im Highlight „A Portrait Of“, welches die Gruppe formvollendet darbietet und zeigt, wie mitreissend und fantastisch der echte Emo sein kann. Anhören, mitleiden, Erlösung finden.

Anspieltipps:
A Portrait Of, Disappeared, Second Letter From St. Julien

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Meat Wave – The Incessant (2017)

Meat Wave – The Incessant
Label: Big Scary Monsters / Fleet Union, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Punk, Rock

Die zappelnden Füsse direkt auf den abgenutzten Bretterboden gehauen, die Instrumente locker am Körper hängend, ohne Vorwarnung – so beginnt „The Incessant“, das bereits dritte Album der Punk-Rock-Gruppe aus Chicago. Und trotz des verschwommenen und mysteriösen Covers erhält man hier messerscharfe Lieder, welche zwischen 50 Sekunden und knappen fünf Minuten Länge zappeln. Im Gegensatz zum Vorgänger „Delusion Moon“ schaffen es Meat Wave (immer noch ein grossartiger Name), mehr Einflüsse in strafferer Form zu präsentieren.

Was mit zwei knallenden Punk-Stücken wie „To Be Swayed“ beginnt, dann mit „Run You Out“ oder „Bad Man“ etwas in den Post-Hardcore abdriftet, findet sich während der gesamten Spielzeit im Fokus der ungezügelten und energetischen Gitarrenmusik. Der Inhalt der Texte dreht sich dabei um düstere Themen wie mentale Gesundheit oder Beziehungsprobleme. Dies fügt „The Incessant“ noch eine weitere Komponente zu, die aus den Songs ein noch verzweifelteres und zwingenderes Ding machen. Wenn Gruppen wie La Dispute zitiert werden („No Light“), dann ergibt dies in diesem Kontext sofort Sinn und muss fast sein.

Meat Wave verfügen aber über eine starke eigene Identität und machen sich mit solchen Zitaten nur noch interessanter, ohne zu kopieren. Wunderbar an dieser Platte sind aber nicht nur die einzelnen Stücke, es ist das Zusammenspiel aller einzelnen Episoden, die perfekt aneinandergereiht auf den Hörer warten. Und ist es nicht wunderbar zu sehen, dass endlich wieder eine Band Ideen für jede Songlänge perfekt einsetzen kann? Rastlos, aber mit viel Köpfchen!

Anspieltipps:
To Be Swayed, Bad Man, The Incessant

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.