Anna Von Hausswolff

Anna Von Hausswolff – Dead Magic (2018)

Wer nach „Ugly And Vengeful“ immer noch glaubt, unser Dasein haben einen tieferen Sinn und werde in alle Ewigkeit weiterscheinen, der ist wahrlich im Optimismus verloren. Viel grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass man sich nach diesem viertelstündigen Monstrum zwischen Gothic Rock, Drone und experimentellem Ambient irgendwo im Schatten verkriecht und auf das schleichende Ende der Welt hofft. Mit ihrem vierten Album „Dead Magic“ beschreitet die schwedische Künstlerin Anna Von Hausswolff also keine neuen Wege, sondern führt meisterhaft ihren Kosmos voran und umgarnt erneut die alles verschlingende Dunkelheit.

Mit nur fünf, dafür meist lange treibenden Kompositionen zeigt sich „Dead Magic“ in extrem starker und schwarzmagischer Form. Wiederum steht über allem eine Orgel, dieses mal in der Marmorkirken in Kopenhagen aufgenommen. Doch Anna Von Hausswolff mischt die sakrale Tonfolgen in eine Musik, die irgendwo zwischen den dystopischen Fantasien von Swans („The Mysterious Vanishing of Electra“) und dem erhabenen Soundtrack von „Interstellar“ liegt („The Marble Eye“). Immerzu fesselnd, mysteriös, wachsend und wunderschön – so viel Leidenschaft und Passion findet man sonst selten in solch destruktiven Kompositionen.

Egal wie stark uns Anna Von Hausswolff mit ihrer Musik hypnotisiert, ihr Gesang, ihre markerschütternder Schreie und ihr scheinbar versöhnliches Flüstern locken uns immer wieder in die Falle und lassen den vernichtenden Schwertstoss in das Herz noch brutaler erscheinen. „Dead Magic“ ist kein normales Album, es ist ein Heiligtum der Hölle, das schon lange unter der Oberfläche brodelte und endlich die oberste Erdschicht durchbrechen konnte. Und bald merkt man, dass hier nicht normale Lieder erklingen, sondern Leben und Tod in klanglicher Form zu unseren Begleitern werden – und das menschliche Wirken plötzlich auf den Kopf gestellt wird. Einfach nur wunderschön!

Anspieltipps:
The Truth The Glow The Fall, The Mysterious Vanishing of Electra, Ugly And Vengeful

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Anna Von Hausswolff, Bad Bonn Düdingen, 17-04-25

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Anna Von Hausswolff
Dienstag 25. April 2017
Bad Bonn, Düdingen

Die Auftritte der zierlichen Schwedin sind für mich fast immer unerreichbar. Nachdem mein Körper kurz vor ihrem Support bei Swans aufgab und ich nur in Träumen das Konzert geniessen konnte, war diesen Dienstag die Entfernung schier ein Problem. Denn wie es Anna Von Hausswolff während dem Spielen gleich selber sagte, der Musikclub Bad Bonn liegt in der Mitte des Nirgendwo. Doch genau dies war mitunter ein grosser Grund, um aus dem Konzert einen wahren magischen Abend zu gestalten. Denn wer sich hierhin aufgemacht hatte, der war bereit, mit Körper und Seele in die Musik einzutauchen.

Anna Von Hausswolff setzt auch genau darauf, sind ihre Kompositionen doch mäandernde Brocken aus lauten Klangwellen und aufreibendem Gesang. Die Musik, die man in Düdingen hören durfte, ist genauso schwer zu umschreiben wie eine läuternde Erfahrung. Dystopisch-sakraler Doomsday-Noise, mit einer Prise Folk und der über allem thronenden Kirchenorgel. Was zuerst etwas verhalten begann und alle Besucher sich noch in der Sicherheit ihrer schwarzen Kleidung wähnen liess, wurde mit jedem Lied mehr zu einer ohrenbetäubenden Orgie der Dunkelheit. Die Gitarren rissen mit ihren Riffs Berge nieder, der Bass wurde mit einem Bogen gespielt und das Schlagzeug verbündete sich mit den Synthies zu einem Raubzug. Selten erlebt man eine solche Wucht in solch kleinem Raum.

Wenn die Musikerin ihre Band durch lange Stücke wie „Discovery“ führte, dann fiel sie genauso in Trance wie die Zuschauer. Dies wirkte so effektvoll wie eine gemeinsame Truppe aus Godspeed You! Black Emperor und der aktuellen, harten Phase von Sigur Rós, wurde hier dank der klassischen Ebene aber noch viel bedrückender. Kein Wunder torkelten die Besucher schier aus dem Club, als uns Anna Von Hausswolff aus ihrem Griff entliess. Es war einer dieser intimen Auftritte, der noch sehr lange in allen Köpfen herumgeistern wird und Musik wieder einmal neu erfunden hat. Und auch wenn es das allerletzte Konzert sein sollte, das ich erleben durfte, schönere Musik gibt es für die dunkle Seele nicht.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Anna Von Hausswolff – The Miraculous (2015)

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Anna Von Hausswolff – The Miraculous
Label: City Slang, 2015
Format: Doppelvinyl im Gatefold
Links: Discogs, Künstlerin
Genre: Art-Rock, Neo-Klassik

Vor einem Jahr erblicke ein Wesen die Welt, das nicht nur sein direktes Umfeld in eine beunruhigende Dunkelheit stürzte – und bis heute ist die Wirkung dieses Monstrums nicht abgeschwächt. Was die junge und zierliche Schwedin Anna Von Hausswolff im November 2015 mit ihrem dritten Studioalbum auf die Hörer losliess, ist ein Monolith zwischen kontemporärer Klassik, Drone-Rock und Ambient-Lärm. Die Musikerin scherte sich dabei weder in Komposition noch Ausführung um Konventionen und erreichte somit Grosses.

„The Miraculous“ nimmt bereits ab der ersten, unheimlichen Sekunde gefangen. Die Kirchenorgel thront über allen Liedern wie ein dunkler Lord und Anna Von Hausswolff zieht mit schleppenden Gesten über die kohlenschwarzen Felder. Stücke wie das eröffnende „Discovery“ oder der Mehrteiler „Come Wander With Me“ verschlingen in ihrem Aufbau viele Minuten und blättern erst spät durch alle klanglichen Aspekte. Kratzende Gitarrenriffs schleifen über die Gesänge, elektronische Bässe erdrücken einzelne Melodien – hier bewegt sich alles in einer geisterhaften Zwischenwelt.

„The Miraculous“ holt seine Energie dabei nicht nur aus fremden Schattenwelten, sondern lässt sich von der Klassik genauso inspirieren wie vom Art-Rock. Es ist dem unglaublichen Talent von Anna Von Hausswolff zu verdanken, dass ein solches Album sofort fesselt und immerzu aufgeht. Egal wie lange sich die Lieder hinziehen, egal wie lange man in der schwarzen Stille ausharren muss – immer wieder bäumt sich das Werk überlebensgross auf und bietet Gänsehautmomente. Für alle Hörer, die sich gerne abseits des Alltags bewegen, ist diese Platte immer noch ein Muss.

Anspieltipps:
Discovery, Come Wander With Me, The Miraculous

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.