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U.S. Girls – In A Poem Unlimited (2018)

Eine Frau macht den Unterschied: Was sowieso immer auf der Welt gilt, und langsam auch von allen bewusst wahrgenommen wird, gilt auf „In A Poem Unlimited“ im Extrem. Das neuste Album der in Toronto wohnhaften Musikerin Meg Remy ist nämlich eine unglaublich beeindruckende Übung in emanzipiertem Pop – sei es nun in klanglicher oder inhaltlicher Weise. U.S. Girls nennt sich die Künstlerin seit 2007 und wirbelt mit ihrer Auffassung von alternativem Pop so ziemlich alles durcheinander. Auch mit ihrem sechsten Werk ist dies nicht anders, allerdings passen jegliche Gegensätze so perfekt zusammen, dass man sich es gar nicht anders wünscht.

Es setzt schon sehr viel Talent voraus, mit einer solchen Selbstverständlichkeit Pop mit Disco, Trip Hop, Rock und Experimental zu mischen und immer noch das eigene Songwriting durchscheinen können zu lassen. Für U.S. Girls aber eine Leichtigkeit und so gibt es hier ernst voranschreitende und zugleich aufbrausende Stücke wie „Incidental Boogie“, verzweifelte Tanznummern wie „M.A.H.“ oder den abschliessenden Ausflug nach Nordafrika mit „Time“. Jedes Lied ist eine neue Facette, jeder Takt eine neue Reise. So wirken auch Annäherungen an Kate Buch oder Gwen Stefani („L-Over“) nicht anbiedernd, sondern zeigen auf, wie stark die weibliche Popmusik schon immer war.

U.S. Girls geht sogar soweit, dass sie Zitate der Neunziger („Pearly Gates“) nebst aktuelle und wichtige klangliche Forderungen stellt und dabei die Brücken gleich in mehrere Vergangenheiten und Möglichkeiten schlägt. Die Musik ist dabei immer intelligent und lädt nebst zur körperlichen Bewegung auch zur geistigen Betätigung ein. Wer sich in diesem Jahr also nur ein Pop-Album zulegen will, der sollte auf jeden Fall „In A Poem Unlimited“ kaufen. Denn vielfältiger, feinfühliger ausformuliert und treffender gibt es dieses Genre wohl sonst kaum – und Frau Remy passt doch wunderbar neben The Anchoress ins Regal.

Anspieltipps:
M.A.H., Rosebud, Time

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Tune-Yards – I Can Feel You Creep Into My Private Life (2018)

Gibt man die Scissor Sisters und Of Montreal in eine Schüssel voller Bowle, mischt kräftig um und schüttet den Inhalt dann über die tanzenden Partygäste – dann erhält man in etwa die Wirkung, welche Tune-Yards mit dem Song „ABC 123“ verbreiten. Allgemein wissen Merrill Garbus und Nate Brenner auf ihrem neusten Album „I Can Feel You Creep Into My Private Life“ immer wieder mit absurden Einfällen, urkomischen Melodien und schrägen Texten zu überraschen. Dieser Art-Pop mischt sich mit Disco-Electronica und nimmt zugleich die ernsten Themen aktueller Schlagzeilen und Diskussionen an. Du bist bereits jetzt überfordert?

Eine gewisse Sättigung kann bei Liedern wie dem skizzenhaften und politisch sarkastischen „Colonizer“ oder dem lasziv tanzenden „Coast To Coast“ schnell aufkommen. Tune-Yards setzen eine hohe Gesangsstimme, Achtziger-Ästhetik und extrem energetische Beats dazu ein, Dance-Pop mit verrückt wirkenden Elementen aufzumischen und gleichzeitig aber auch die Schwelle zur Avantgarde zu übertreten. Schnell vergisst man beim Genuss von Songs wie „Look At Your Hands“, dass „I Can Feel You Creep Into My Private Life“ eigentlich ein ernstes Album ist, sich einfach hinter dieser Kaugummifassade tarnt. Fiepende Synthies, Reminiszenzen an Künstler wie die Bee-Gees und eine Gummiball-Mentalität machen alles zu einem Fest.

Wer also bereits seit 2014 auf das neue Werk von den Tune-Yards wartet, der wird mit dieser Scheibe auf keinen Fall enttäuscht werden. Hinter jedem Song gibt es mehrere Ebenen, die auf ihre Freilegung und Entdeckung warten, hinter jeder Erquickung lauert eine nachdenkliche Aussage. Wer sich allerdings mit hypaktivem und farbenfrohen Pop nicht anfreunden kann, der hält hier kein Lied lang durch. Denn gegenüber „I Can Feel You Creep Into My Private Life“ wirken die Scheiben von The Flaming Lips wie ein erholsamer Strandurlaub.

Anspieltipps:
Now As Then, Look At Your Hands, Private Life

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Torres – Three Futures (2017)

Mit Torres ist es immer das Gleiche: Ihre Musik zeigt sich zuerst sperrig und schier unüberwindbar fremd, doch mit jeder vergangenen Minute wird die Faszination grösser und man entdeckt die Genialität hinter den Kompositionen. So geschah es bei mir auch mit ihrem dritten Studiowerk „Three Futures“ – der Anfang  war etwas holprig, nun aber steh ich vor einem Berg neuer Lieder, die mich berühren und faszinieren. Mackenzie Scott hat es erneut geschafft und ein düsteres Werk, irgendwo zwischen Industrial, Folk und depressivem Rock geschrieben.

Ganz so genial wie der Vorgänger „Sprinter“ ist die neue Scheibe der Engländerin zwar nicht, kratzt aber mit Songs wie „Skim“ erneut an der Erträglichkeit der lärmigen Liederkunst. Torres führt uns mit „Three Futures“ in eine Welt, in der viele Hoffnungen im Kern erstickt wurden und fesselt die Hörer mit extremer Dynamik, meisterlichem Umgang mit Verzerrung und schleppender Faszination. Lieder wie „Righteous Woman“ sind kleine Meisterwerke, wachsen schier unstoppbar in den Himmel und entziehen sich den meisten Vergleichen.

Es ist aber nicht alles der Verzweiflung nahe, Torres spielt neu auch mit dem Electro-Pop und streut ein paar Prisen Gothic in ihre Musik. Momente wie der Titelsong oder „Helen In The Woods“ sind somit wunderschön und schweissen sogar verbitterte Feinde wieder zusammen. Immerzu emotional, vereinnehmend und herrlich anders – „Three Futures“ ist erneut ein Tauchgang mit gewissem Risiko, belohnt aber alle Mutigen. Aber Vorsicht: Nicht immer bleiben die Songs zurückhaltend, Frau Scott weiss sich auch mit schneidenden Gitarrenriffs zu wehren.

Anspieltipps:
Skim, Righteous Woman, Helen In The Woods

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

The National – Sleep Well Beast (2017)

Band: The National
Album: Sleep Well Beast
Genre: Indie / Alternative Rock

Label/Vertrieb: 4AD
VÖ: 8. September 2017
Webseite: americanmary.com

Kurzer Zweifel und Verdacht auf Langeweile – diesen Eindruck und Moment gab es wohl bereits bei jedem Album von The National. Auch beim siebten Studiowerk „Sleep Well Beast“ überlegte ich mir beim ersten Durchgang kurz, ob diese Band ihren Status unter Kritikern und Fans wirklich verdient hat. „Nobody Else Will Be There“ startet nämlich extrem zaghaft und viele Melodien und Songs wollen sich zuerst nicht wirklich voneinander abheben. Aber dann plötzlich wird der Schalter umgelegt, bei jedem Lied schält sich eine weitere Komponente heraus und die Band zieht mit ihren unaufdringlichen, aber immer formvollendeten Liedern in ihren Bann.

Laut und wild werden The National auch auf dieser Platte sehr selten, so gibt es ein songtragendes Riff bei „Day I Die“ oder herrliches Chaos und den extrovertierten Refrain bei „Turtleneck“, die Amerikaner lassen ihren Alternative Rock aber lieber nachdenklich auftreten. Doch diese Ernsthaftigkeit passt perfekt zur Band und ihrem Album, wenn auch böse Zungen behaupten, hier handle es sich um Musik von Männern in ihrer Lebenskrise. Unerträglich und bemitleidenswert ist hier aber kein Song, „I’ll Still Destroy You“ oder „Walk It Back“ spielen viel eher mit tollen Ideen und deren hübschem Schmuck – allen voran das vielseitige Schlagzeugspiel von Bryan Devendorf.

Seit 1999 sind The National auf der ganzen Welt unterwegs und haben mit jedem Album mehr Freunde gefunden – das sollte sich auch mit „Sleep Well Beast“ nicht ändern. Mit der Zeit wachsen einem die Stücke wunderbar ans Herz und man verbringt wieder gerne viel Zeit mit Frontmann Matt Berninger und seinen Leuten. Denn bei diesem Indie-Rock klingen sogar Drohungen wie Freundschaftsanfragen und die Streicher schaffen es nie, die Songs mit zu viel Zucker zu überziehen. Durchdacht und erwachsen, und zum Glück ohne Anzugspflicht.

Anspieltipps:
Day I Die, Turtleneck, I’ll Still Destroy You

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Sohn – Rennen (2017)

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Sohn – Rennen
Label: 4AD, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Künstler
Genre: Synth-Pop, Electronica

„If It Feels Dead Wrong It Probably Is“, wenn es sich hingegen von Beginn an gut anfühlt, dann täuschen einen die Sinne auch nicht. „Rennen“, das zweite Album des Londoner Künstlers SOHN, ist genau die Scheibe geworden, die man sich nach seinem fantastischen Debüt „Tremors“ erhofft hatte. Christopher Taylor mischte 2014 auf seiner ersten Scheibe modernen R&B mit Ambient und Electronica zu einer hitträchtigen Mixtur, die so gut war, dass man die Zeit bis zum Nachfolger fast nicht aushielt.

Und wie auch schon beim Vorgänger ist „Rennen“ ein Album, dass sich zuerst etwas sperrig zeigt. Man hat das Gefühl, SOHN gehe zu zögerlich mit seinen Ideen um und schreibe zu gleiche Melodien im Umfeld der souligen Popmusik. Doch mit gespitzten Ohren sticht man durch diesen Schleier aus falscher Wahrnehmung und lässt die Hits aus ihren Schalen. Plötzlich sitzen Stücke wie „Conrad“ oder „Proof“ für den Rest des Tages in deinem Gehörgang und melden sich bei jeder Situation zu Wort. Kein Wunder, ist die Musik doch wunderbar fliessend und dank dem Gesang von Taylor unverkennbar.

Textlich wagt sich Sohn hier mit gewissen Aussagen sogar etwas versteckt an die Systemkritik und beweist, das gemächliche, elektronische Musik sich sehr wohl mit aktuellem Geschehen anfreunden kann. Schliesslich sind hier auch Produktion und Arrangements top modern, da darf das Bewusstsein nicht fehlen. „Rennen“ wird somit in den nächsten Jahren für aufreizende Tanznächte und entspannte Nachmittage sorgen – und SOHN hoffentlich noch lange die Verbindung zur kreativen Quelle aufrecht erhalten.

Anspieltipps:
Conrad, Rennen, Proof

Daughter – Not To Disappear (2016)

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Daughter – Not To Disappear
Label: 4AD, 2016
Format: Vinyl im Gatefold, mit Download
Links: Discogs, Band
Genre: Folk, Indie, Shoegaze

Ein Gewinnerteam sollte man nicht verändern, das ist eine altbekannte Weisheit. Warum also sollte man ein Erfolgsrezept für einen musikalischen Welterfolg umbauen, wenn man bereits mit dem Debüt alles erreicht hatte? Weil es Spass macht, also zumindest in sanfter Dosis verabreicht. Daughter bastelten lange an ihrem zweiten Album herum, nun endlich ist es da. Und ja, natürlich erwartet uns wieder der gewohnt sehnsüchtig und melancholisch dargebotene Indie-Folk – dieses Mal wagt das Trio aber einen weiteren Schritt in die elektronischen Gebiete. Hübsch angezogen bleiben die Musikerinnen und Musiker ständig.

Herumwirbeln, farbigen Staub aufwerfen und dann lachend in die Arme der besten Freundin fallen – all dies geht wunderbar mit dem druckvollen Schlagzeug, das sich auf „Not To Disappear“ gerne dazwischen meldet. Daughter holen in „No Care“ und „Fossa“ die rohe Energie zurück in ihre Musik und widerlegen somit alle Vorwürfe, ihr Stilmix sei zu gemächlich und schleppend. Dabei zeigt sich auf dieser neusten Veröffentlichung der Band wiederum, dass doch selten junge Künstler so wunderschön schmachten und vor sich hin träumen. Die Gitarren verschwinden zwischen Hall und Effekt, der Bass streichelt die Melodien und die Keyboards schneiden niemanden tief. Aber genau in dieser Zwischenwelt entsteht ein Reiz, eine Schönheit, der man sich nicht entziehen kann. Wenn Daughter loslegen, dann sprechen ihre Seelen und innersten Gestalten aus den Harmonien und Tönen. Instrumente werden Worte, Gesang wird Gefühl. Der verstärkte Einsatz von Synths gibt allem eine noch etwas ätherischere Wirkung – man fliegt auf Teppichen und Flächen. Beim abschliessenden „Made Of Stone“ wird man versöhnlich abgesetzt und die Band wischt alle Tränen aus den Augen – ohne auf der Reise jemals Turbulenzen oder störende Frequenzen durchflogen zu haben.

„Not To Disappear“ ist keine Geburt der Fröhlichkeit, doch mit ihrer schmachtenden Musik sind Daughter ein Geschenk für unsere Welt. Zehn Lieder voller Einfälle mit Emotion, keine falschen Versprechen oder Freunde. Der zusätzliche Druck und die effektvollen Spielereien stehen dem Trio wunderbar und erweitern ihren Klangkosmos perfekt. Die Gewinnsträhne findet vorerst also keinen Abbruch, sondern umso mehr Gründe, Daughter zu verfallen.

Anspieltipps:
Doing The Right Thing, No Care, Fossa

Daughter – 4AD Session (2014)

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Daughter – 4AD Session
Label: 4AD, 2014
Format: Vinyl
Links: Discogs, Band
Genre: Indie, Pop

Erfolg zu haben kann schon nervend sein, denn damit folgen viele Erwartungshaltungen und Ungeduld. Das grossartige Debüt „If You Leave“ von Daughter war 2013 einer der grössten Hits, bei Kritikern und Hörern gleichauf. Doch leider hiess es dann: Warten und auf neues Material hoffen. Um die Fans nicht ganz im Trockenen sitzen zu lassen, nahm die Band 2014 für 4AD eine Live-EP auf und bewies auch da Talent und Können.

Mit nur fünf Liedern ist der Auftritt leider sehr knapp ausgefallen, lässt aber durch die grossartige Präsentation und Produktion alle entzückt seufzen. Die Band liess sich durch klassische Instrumente begleiten und erschuf damit eine grössere und voluminösere Variante von Daughter. Epischer und eleganter als gewohnt, steckten die Musiker ihre Zurückhaltung nach hinten und liessen Wärme und Völle regieren. Da in diesem Schritt die elektronischen Elemente der Stücke entfernt wurden, sind lieder wie „Youth“ oder „Amsterdam“ nun erdiger und ehrlicher. Elena Tonra wirkt als Sängerin in dieser Umgebung noch etwas verletzlicher, strahlt im gleichen Atemzug aber viel Selbstbewusstsein aus. Und obwohl alle Stücke live aufgenommen wurden, herrscht auf „4AD Session“ ein wunderbares Zusammenspiel der Band und ihrer Gäste. Die Lieder tragen Melancholie und Glück in sich und schmiegen sich an alle Hörer.

Eine Band wie Daughter begeisterte schon immer mit ihrer Intelligenz und dem geschickten Umgang mit Indie und Pop. Dieser Studioauftritt fügte den Stilrichtungen noch eine Extraportion Klasse bei und liess die Formation aus London etwas unsterblicher werden. Für Liebhaber ist auch diese Veröffentlichung ein Muss, sie stellt eine der gelungensten Neuaufarbeitungen von bekannten Stücken der letzten Jahre dar.

Anspieltipps:
Tomorrow, Amsterdam, Shallows