2014

Dirty Purple Turtle – Medicine & Madness (2014)

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Dirty Purple Turtle – Medicine & Madness 
Label: Spezialmaterial Records, 2014
Format: CD
Links: Discogs, Band
Genre: Electronica, Experimental

Für mich gewannen Dirty Purple Turtle am diesjährigen Bergmal Festival in Zürich nicht die Aufmerksamkeit, sondern auch den Preis für den besten Bandnamen, den ich seit langem vernommen habe. Wie wunderbar quer und merkwürdig ist denn diese Schildkröte? Eine Bezeichnung, die perfekt zu der andersartigen, elektronischen Musik des Duos aus Thun passt. Und somit ist es auch nur korrekt, dass „Medicine & Madness“ wohl genau so viel Verantwortung für den Wahnsinn trägt, wie es auch die Heilung beisteuern kann.

Die Lieder von Dirty Purple Turtle leben von dem quirligen und treibenden Schlagzeug und der rauen Elektronik, die immer wieder dazwischenfunkt. Dadurch entsteht eine Anspannung, welche mit einer dreckigen Stimmung jeden Ansatz von Schönklang geschickt zunichtemacht. Es hört sich wie das Spiel zwischen Road Runner und Coyote an, nur dass sich hier beide Musiker am Ende des Abenteuers lachend in den Armen liegen. Dank Gaststimmen wirkt jedes Stück anders – Englisch, Deutsch oder sogar Mundart begleiten die Rhythmen und Effektorgien.

„Medicine & Madness“ war für Dirty Purple Turtle das erste Werk auf einem Label und erst ihr zweites volles Album. Trotzdem wirkt das Spiel aus Sequenzer, Synthies und Getrommel extrem ausgearbeitet. Gemächliche Momente wie „Gods Left Eyes“ sind dabei eher selten und immer voller unheimlicher Geräusche und atonaler Anfälle. Tracks wie „Ducttape Or Glue“ enden schier vollends in abstrahierten Zeichnungen auf alten Schalttafeln. Alles ist aber immer voller Reiz und toller Atmosphäre – eine Band, die man sich also auf jeden Fall merken muss.

Anspieltipps:
Hiritoto Shikitsch, Sektor G+D, Ducttape Or Glue

La Roux – Trouble In Paradise (2014)

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La Roux – Trouble In Paradise
Label: Polydor, 2014
Format: CD
Links: Discogs, Künstlerin
Genre: Synth-Pop

Ist das jetzt zu ausgelutscht oder böse wenn ich schreibe, dass La Roux schon immer ein Paradiesvogel war – einer, der mit Musik und Stimmung auch mal Probleme in dem edlen Garten verursachen konnte? Wie auch immer, die Musiker, welche mich dank ihrem Auftreten und ihrer Haare immer an Tilda Swinton erinnern, lassen auch mit ihrem zweiten Album „Trouble In Paradise“ die Affen und Kokosnüsse tanzen. Der Weg führt uns dabei über Dünen aus Sequenzer, Stränden voller angeschwemmter Synths und einen Wald voller Elektrodrums.

Schön an „Trouble In Paradise“ ist vor allem der Umstand, dass La Roux und ihre Produzenten darauf verzichtet haben, das Album wuchtig und modern klingen zu lassen. Hier gibt es keine abgehackten Beats, keine Achterbahnfahrten der Effekte und keine Rap-Featurings. Wie früher lassen Melodie und Gesang kleine Blüten entstehen und werden dann sanft geerntet. „Kiss And Not Tell“ ist ein treibendes Beispiel für die korrekte Anwendung von Instrumenten und Produktion, „Paradise Is You“ lässt uns wie in der Rollschuhdisco schmachten.

Natürlich muss sich La Roux heutzutage in einem weiten Feld der 80er-Reminiszenzen behaupten; dank ihrer oft schräg anmutenden Stimme und dem glücklichen Händchen für empathisch wirkende Harmonien nimmt man das Album aber doch lieber in die Hand als viele Begleiterscheinungen. „Trouble In Paradise“ will nicht die neuen und alten Zeiten tauschen, lässt uns aber das Beste aus beiden Ebenen vereint geniessen. Und wer bei Klängen wie „Sexotheque“ nicht glücklich lächelt, der hat sich sowieso den falschen Text durchgelesen.

Anspieltipps:
Kiss And Not Tell, Sexotheque, Silent Partner

In Progress – North Atlantic Echoes (2014)

In Progress - North Atlantic

In Progress – North Atlantic Echoes
Label: Eigenveröffentlichung, 2014
Format: Download
Links: Facebook, Bandcamp
Genre: Ambient, Progressive Rock

Zwischen den Extremfällen gibt es einen Weg, der von beiden Seiten die Vorteile herausnimmt und damit neue Möglichkeiten erschafft. Somit ist die Verbindung zwischen modernem, hartem Progressive Rock und sanft fliessendem Ambient zuerst zwar etwas fragwürdig, aber schlussendlich mehr als nur logisch. Was schon das Projekt OSI technisch meisterlich fertig brachte, wussten 2014 auch In Progress mit ihrem zweiten Album gleichwertig auf die Beine zu stellen. Das Duo, bestehend aus John Dillon und Jake Rosenberg, setzt aber auf andere Werte als ihre Kollegen.

„North Atlantic Echoes“ stellt die Weichen gleich mit den ersten Klängen und nimmt die Hörerschaft mit sanften Melodien und gewissenhafter Ausarbeitung gefangen. Stücke wie „Chasing Ghost“ offenbaren in dieser digitalen und von Keyboards bestimmten Welt eine unglaubliche Schönheit, welche sich über viele Schichten erstreckt. Man taucht mit In Progress in das dunkle Meer bis zum Grund und findet da plötzlich aufleuchtende Gewächse und Lebewesen. Zwar findet man diese Momente nicht immer gleich auf Anhieb, die Platte benötigt Zeit und Aufmerksamkeit. Je öfter die Lieder aber erklingen, desto fesselnder werden sie.

Dass Kevin Moore von OSI einmal auf „North Atlantic Echoes“ vorbeischaut ist kein Wunder, der Gesang von Dillon ähnelt ihm stark. Dadurch entsteht nicht nur das gleiche und zeitgemässe Gefühl, sondern eine spannende Verbindung aus menschlichen und technischen Klängen. In Progress sind zwar in den meisten Kreisen ein sehr unbekanntes Duo, beweisen auf dieser Scheibe aber ihr Können und Gespür für harmonische und doch komplexe Musik. Wer sich gerne angenehm fordern lässt, der ist hier genau richtig.

Anspieltipps:
Chasing Ghosts, Cloudburst, Graveyard Snowfall

Adebisi Shank ‎– This Is The Third Album Of A Band Called Adebisi Shank (2014)

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Adebisi Shank ‎– This Is The Third Album Of A Band Called Adebisi Shank
Label: Sargent House, 2014
Format: CD im Digipak
Links: Discogs, Band
Genre: Math-Rock, Experimental

Jesses, da platzt mir ja gleich die Glühbirne. Was hier unter der Flagge von Rock-Musik gezüchtet und gebraut wurde, das durchbricht nicht nur alle Schallmauern der Konventionen, sondern benötigt schon eine gewisse Tendenz zum Ausdauerwahn. Sicherlich, viele Stücke halten sich an die Laufzeit von weniger als vier Minuten – doch diese kleinen Momente reichen aus, um uns alle durch das 20-stöckige Fitness-Center zu jagen und danach sogar noch zu verklopfen.

Adebisi Shank, die verrückten Kobolde aus Irland, haben mit ihrem dritten Album einen zappeligen Wicht auf die Strasse gelassen, den man so selten antrifft. Nicht nur wagen es die drei Musiker, Rhythmen und Takte völlig belanglos in stetem Wechsel aufzulösen, sondern auch Math-Rock mit Anleihen der Haarspray- und Leggingszeit zu mischen. Gut gelaunt treffen nun Stadionposen mit umgehängtem Keyboard auf extreme Angriffe von Gitarre und Schlagzeug. Saxophon und heroische Posen vor Scheinwerfern sind keine Unart – Adebisi Shank sind in beiden Welten zu Hause.

Genau dieser Umstand macht aus „This Is The Third Album …“ nicht bloss ein weiteres Rock-Werk für Mathematiker und Menschen, die bereits alles einmal gehört haben, sondern vermag mit seinem Witz und Spielfluss alle zu unterhalten. Und wenn man sich bei Songs wie „Thundertruth“ von den Battles gefangen genommen fühlt, liegt man nicht ganz falsch. Adebisi Shank umhüllen sich auch gerne mit dieser ausserweltlichen Form, um ein Werk voller Melodien, Einfällen, Holzhämmern und Streichelbewegungen zu erschaffen. Alleine glaubt man dies nicht.

Anspieltipps:
Big Unit, Mazel Tov!, Sensation

The Horrors – Luminous (2014)

The Horrors - Luminous

The Horrors – Luminous
Label: XL Recordings, 2014
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Shoegaze, Indie

Wenn ich meine Band The Horrors nennen würde, dann hätte ich wohl Lust Musik zu erschaffen, die anderen Leuten mindestens den Schlaf raubt. Die fünf Herren aus England bringen aber niemanden in Bedrängnis, ausser vielleicht mit Schön- und Wohlklang. Ihr viertes Album „Luminous“ versinkt schier in der wattigen Welt des Shoegaze, betört aber mit genügend musikalischen Einfällen und Kanten, um nicht zu langweilen. Wie schon das Coverbild schimmern auch die Lieder in der Dunkelheit, Glanzpunkte und Farben für graue Seelen. Dabei regieren immer die Gitarren und der sehnliche Gesang.

An „Luminous“ merkt man schnell, dass The Horrors vor Arbeitsbeginn an der Platte genau wussten, wie die Musik zu klingen hat. Alle Stücke und Momente atmen denselben Geist und jeder Song fliesst stimmungsmässig in den nächsten ein. Mit diesem Album hat es die Band geschafft, ihre Zeiten des Garagenrock und der Gothic-Attitüde hinter sich zu lassen und die Musik aufzubrechen. Viele neue Einflüsse mischen nun mit, der Britrock und die Romantik sind Spieler des Tages. Ob man nun an School Of Seven Bells oder Muse denkt, die meisten Assoziationen haben ihre Berechtigung. Trotzdem geht „Luminous“ nicht neben den Vorbildern unter, sondern behauptet sich stark.

Ob schwelgerisch auf umhüllten Gitarrenriffs, Synth-Einleitungen und gesanglichen Verlockungen und Verführungen – hier taucht man komplett in einen Kosmos des Sounds ein. The Horror haben damit zwar nicht alle glücklich gestimmt, wer aber mit freiem Kopf an das Album herangeht, findet schnell Lieblinge und schöne Stellen. Es ist eine Weichenstellung, die alles zusammenbringt und neues entstehen lässt. Dank dem heimlich lauernden Post-Punk wird es nie zu schnulzig, und alle Farben schimmern vor tiefem Schwarz. Dicht und gut.

Anspieltipps:
Chasing Shadows, So You Know, Change Your Mind

Great Lost Albums – Billingham, Quantick, Waites, Sherez (2014)

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Mark Billingham, David Quantick, Martyn Waites, Stav Sherez – Great Lost Albums
Verlag: Sphere, 2014
Autoren: Mark Billingham, David Quantick, Martyn Waites, Stav Sherez
Seiten: 288, Hardcover
ISBN: 9780751557060
Link: Goodreads

50 Jahre Rock und Pop, wer erinnert sich da nicht an die vielen grossen Künstler und ihre legendäre Alben? Hoffentlich stehen auch alle davon bei euch im Plattenregal. Viel spannender wird es aber, wenn man die bekannten Pfade verlässt und sich auf die Suche nach vergessenen Liedern und Kreationen macht, die nie die Geschäfte erreicht haben. Mark Billingham und seine Kollegen haben in minutiöser Arbeit und während vieler Jahre Kuriositäten und verschollene Platten ausgegraben, die man in dieser Form nie kaufen können wird. Darunter befindet sich unter anderem die Kollaboration von Michael Jackson und Madonna, das IKEA-Album von Coldplay oder das Weihnachtsalbum von Kraftwerk.

Wer jetzt bereits verwundert den Kopf schüttelt liegt richtig: Alle Alben, die in „Great Lost Albums“ vorgestellt und beschrieben werden, sind erfunden. Versteckt hinter Falschaussagen und erdichteten Plattenkritiken darf man mit diesem Buch in Parallelwelten abtauchen, in denen scheinbar alle bekannten Musiker und Bands völlig den Verstand verloren haben. Denn warum sonst sollten U2 ein Lied von Kim Jong-Un singen lassen, Rod Stewart seinen langweiligen Alltag vertonen, Rick Rubin die Atemgeräusche von Johnny Cash als Musik deklarieren oder Queen ein Konzeptalbum über Optiker veropern?

Und genau da ist auch die Kritik anzusetzen. Denn obwohl diese Sammlung von kuriosen Hirngespinsten Spass macht und sich besonders als kurze Lektüre zwischendurch eignet, verlieren sich die Autoren mit der Zeit doch etwas im Absurden. Sicherlich, viele Marotten und Eigenheiten von Künstlern und Stilrichtungen werden sarkastisch entlarvt und auf die Spitze getrieben, mehr als Klamauk ist es aber oft nicht. Gewinner sind besonders die Leser, welche sich mit den Biografien der beschriebenen Musikern und Bands auskennen und somit auch kleine Seitenhiebe sofort erkennen. Für Gelegenheitshörer erschliessen sich wohl zu wenige Pointen. Somit ist „Great Lost Albums“ also genau was es ausstrahlt: Ein netter Humormoment zwischen zu ernsten Alben uns Liedern.

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Grus Paridae – Passes By (2014)

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Grus Paridae – Passes By
Label: Z-Trading, 2014
Format: Download
Links: Facebook, Myspace
Genre: Prog, Psychedelic, Art-Rock

Musik stellt sich gerne gegen die Beurteilung und die Worte – das weiss jeder, der schon einmal über ein Album oder Konzert einen Text verfassen wollte. Wenn sich eine Band dann mit einer kurzen Single vorstellt und dabei viele Gegensätze in den Raum wirft, macht es das Unterfangen nicht einfacher. Grus Paridae aus Finnland versuchen mit „Passes By“ die umkämpften Gewässer des Prog an sich zu reissen. 2014 betraten sie das Schlachtfeld mit zwei Liedern und zehn Minuten Musik, bis heute gibt es keine weiteren Veröffentlichungen. Trotzdem lohnt sich der Blick für Genrefreunde, die Dreck und Slums nicht meiden.

Das Titellied bekam nicht nur ein Video spendiert, es dient hier auch als Annäherung der Musik an die Progszene. Grus Paridae berufen sich auf Einflüsse wie Pink Floyd, der Song legt sich aber vor allem genüsslich in den symphonischen Art-Rock. Einprägsam und zum Mitwippen, „Passes By“ macht Lust auf mehr. Doch mit „Inheritance of Devotion“ führt die Band diesen Weg nicht fort, sondern schafft einen krassen Gegenpol. Wild und ungestüm toben sich die Musiker hier aus, den Klängen wird weder Schliff noch Schminke verliehen. Psychedelische Wände mit Proberaum-Ästhetik streifen in ihrer Ausführung leider oft das Mühsame. Gesang und Instrumente kämpfen gegeneinander an, nichts klingt fertig ausgearbeitet. So fühlt sich wohl eine Verfolgungsjagd durch kaputte Strassen in einer Grossstadt an, ohne Unterstützung und Vorwarnung.

Grus Paridae anhand dieser wenigen Lieder abschliessend zu beurteilen, ist nicht möglich. Petteri Kurki und Rami Turtainen verbinden zwar Garagen-Attitüde und Prog-Hochnäsigkeit auf neue Art, haben ihren Fokus aber noch nicht gefunden. In weitere Veröffentlichungen werde ich bestimmt wieder reinhören, obwohl diese Single kein grosser Hit ist. Somit kann „Passes By“ nur den harten Verfechtern von experimentellem Prog nahe gelegt werden

Anspieltipps:
Passes By, Inheritance of Devotion

Roland Bühlmann – Aineo (2014)

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Roland Bühlmann – Aineo
Label: Eigenveröffentlichung, 2014
Format: CD
Links: Bandcamp, Künstler
Genre: Instrumental, Prog

Künstler, die ihre Musik nicht nur komplett selber schreiben, sondern auch alles eigenhändig und unabhängig aufnehmen und vertreiben, erhalten von mir immer eine grosse Portion Bewunderung. Der Aufwand und das Können sind nicht nur viel grösser als bei einer Band mit etwa fünf Mitgliedern, auch braucht man eine starke Vision und viel Geduld. Roland Bühlmann preist somit mit seinem Werk nicht nur höhere Mächte, sondern auch den individuellen Gedanken in der Musik – „Aineo“ schmückt sich nie mit falschen Erwartungen.

Musiker Bühlmann bleibt bei seinen Stücken instrumental und tobt sich in den komplexen Tälern zwischen Prog, Post-Rock und Fusion aus. Bestimmend findet man Gitarrenskulpturen, die filigran zwischen Piano und Schlagzeug im Park stehen. Nicht ohne Grund erinnern die Lieder auch mal an gleichgeschaltete Musiker wie Mike Oldfield – auch dieser weltbekannte Mann hat seine ausufernden Kompositionen alleine bestritten. Bei Roland Bühlmann gehören aber nicht nur die Melodien und Klangideen zum Grund für „Aineo“, sondern auch das Verweben der einzelnen Instrumente. Die Stücke bleiben zwar meist ruhig – oder brechen zumindest nicht wütend durch den Holzzaun – finden aber in wenigen Takten eine tolle Stärke. Man muss schon bereit sein, sich Musik auch erarbeiten zu wollen. Doch wer sich in oben erwähnten Stilrichtungen auskennt, wird hier bestimmt nicht verzweifeln.

Musiker in der Schweiz haben es nicht einfach, der Markt ist zu klein und die Hörer oft zu eingeschränkt in ihrer Wahrnehmung. Dass Roland Bühlmann mit „Aineo“ sich aber gegen all diese Bedenken stellt und sein Ding professionell durchzieht, ist bemerkenswert. Die instrumentalen Stücke erzählen eine tolle Geschichte und zeugen auch von grossem Potential. Sicherlich hat der Musiker hiermit noch nicht sein alles bestimmendes Meisterwerk vorgelegt, überzeugt aber atmosphärisch.

Anspieltipps:
Breakthrough, Unexpressed, Kenosis

Daughter – 4AD Session (2014)

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Daughter – 4AD Session
Label: 4AD, 2014
Format: Vinyl
Links: Discogs, Band
Genre: Indie, Pop

Erfolg zu haben kann schon nervend sein, denn damit folgen viele Erwartungshaltungen und Ungeduld. Das grossartige Debüt „If You Leave“ von Daughter war 2013 einer der grössten Hits, bei Kritikern und Hörern gleichauf. Doch leider hiess es dann: Warten und auf neues Material hoffen. Um die Fans nicht ganz im Trockenen sitzen zu lassen, nahm die Band 2014 für 4AD eine Live-EP auf und bewies auch da Talent und Können.

Mit nur fünf Liedern ist der Auftritt leider sehr knapp ausgefallen, lässt aber durch die grossartige Präsentation und Produktion alle entzückt seufzen. Die Band liess sich durch klassische Instrumente begleiten und erschuf damit eine grössere und voluminösere Variante von Daughter. Epischer und eleganter als gewohnt, steckten die Musiker ihre Zurückhaltung nach hinten und liessen Wärme und Völle regieren. Da in diesem Schritt die elektronischen Elemente der Stücke entfernt wurden, sind lieder wie „Youth“ oder „Amsterdam“ nun erdiger und ehrlicher. Elena Tonra wirkt als Sängerin in dieser Umgebung noch etwas verletzlicher, strahlt im gleichen Atemzug aber viel Selbstbewusstsein aus. Und obwohl alle Stücke live aufgenommen wurden, herrscht auf „4AD Session“ ein wunderbares Zusammenspiel der Band und ihrer Gäste. Die Lieder tragen Melancholie und Glück in sich und schmiegen sich an alle Hörer.

Eine Band wie Daughter begeisterte schon immer mit ihrer Intelligenz und dem geschickten Umgang mit Indie und Pop. Dieser Studioauftritt fügte den Stilrichtungen noch eine Extraportion Klasse bei und liess die Formation aus London etwas unsterblicher werden. Für Liebhaber ist auch diese Veröffentlichung ein Muss, sie stellt eine der gelungensten Neuaufarbeitungen von bekannten Stücken der letzten Jahre dar.

Anspieltipps:
Tomorrow, Amsterdam, Shallows

BirdPen – Alls Well That Ends (2014)

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BirdPen – BirdPen – Alls Well That Ends
Label: Eigenveröffentlichung, 2014
Format: CD
Links: Discogs, Band
Genre: Alternative, Rock

Moment mal, hier soll also alles gut sein, wenn es endlich endet? Dabei haben die Musiker doch noch gar nicht richtig begonnen. Vor ihnen liegen eine spannende Karriere, tolle Platten und mitreissende Konzerte. Aber da der Name glücklicherweise selten Programm ist, haben auch Dave Pen und Mike Bird nach ihrer ersten EP das Handtuch nicht hingeworfen, sondern voller Elan weitere Lieder und Alben geschrieben und produziert. Somit stehen BirdPen heute für intelligenten und spannenden Art-Rock, der sich auch neben Grössen wir Archive nicht zu verstecken braucht.

Um noch einmal zu den Anfängen zurückkehren zu können, gab es 2014 eine kleine Neuauflage ihrer ersten Veröffentlichung. Mit „Alls Well That Ends“ erblickte die Band zum ersten Mal das Licht der Öffentlichkeit und zeigte schon damals alle Merkmale kommender Meisterwerke. Der Gesang ist verträumt und hält sich gerne im Mittelfeld, die Gitarren werden sanft gezupft und dann mit Effekten unendlich lange auseinander gezogen. Dahinter lauern immer wunderbare Harmonien und Melodien, die ganze Lieder tragen. Natürlich passiert hier noch vieles im Lo-Fi-Bereich, der EP haftet der gesunde Charme einer Demo an. Aber das stört zu keiner Sekunde, denn Stücke wie „Spin“ oder „Alls Well“ sind wunderbar. Schade nur, dass die Band heute leider meist auf eine Darbietung eines solchen vergessenen Momentes verzichtet.

Wer BirdPen mag und gerne die Anfänge von Bands erforscht, der macht mit „Alls Well That Ends“ nichts falsch. Fünf Lieder, die sich bis heute behaupten können und die gruppeneigene Mischung aus Indie, Rock und Kunst schon damals in mehrere Richtungen vorantrieben. Alles schwebt durch Nebelfelder und berührt uns mit blinkenden Lichtern. Also nicht lange zögern, sondern melancholisch zu „Up To My Neck“ mitsummen und den Tag geniessen.

Anspieltipps:
Spin, Up To My Neck, Alls Well