2006

Wolves In The Throne Room – Diadem Of 12 Stars (2006)

Wolves In The Throne Room ‎– Diadem Of 12 Stars

Wolves In The Throne Room – Diadem Of 12 Stars
Label: Artemisia Records, 2016 (Reissue)
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Black Metal, Ambient

Seht ihr sie? Irgendwo zwischen den Nadelbäumen, Felsen und plätschernden Wasserfällen tanzen sie umher und sehen böse aus: Die Musiker von Wolves In The Throne Room – eine Black Metal Band, die nicht aus dem hohen Norden, sondern den USA stammt. Wobei die kalten und dunklen Wälder nie weit von „Diadem Of 12 Stars“ entfernt sind, nahm die Band ihr Debüt schliesslich in einem fensterlosen Raum im kargen Winter 2005 auf. Zusammengeschnitten aus einzelnen Takes präsentiert sich die Gruppe auf ihrem Debüt mit langen, mäandernden Stücken.

Wie es sich für den Black Metal gehört, halten sich die Instrumente vor allem an eine Regel: Scheinbar stumpfes Geprügel, kaum Wechsel in Takt und Rhythmus und immerwährendes Geschrei. Doch Wolves In The Throne Room sind nicht so simpel gestrickt, dass sich hinter diesem Ersteindruck nicht mehr verbergen würde. Hinter den brutalen Attacken der Instrumente hört man furchteinflössende Gesänge, Lärm und verborgene Klangmuster. „Diadem Of 12 Stars“ nimmt diverse Einflüsse und lässt sie zu einer Ursuppe schmelzen, harsch in der Darbietung und doch klebrig warm in der finalen Wirkung. Was bei Wolves In The Throne Room auf den späteren Alben zu etwas abgeklärterer Musik wurde, findet man hier noch mit roher Gewalt und ohne Leine.

Bei „Diadem Of 12 Stars“ sind alle Freunde der Nacht genau so willkommen wie nordische Krieger und heimliche Kellerkinder. Der Black Metal wird bei Wolves In The Throne Room geniesserisch ausgedehnt, mit Ambient gemischt und immer voller Atmosphäre serviert. Dank Artemisia darf man noch einmal zu den Anfängen der Gruppe zurückkehren und laut schreiend in die Natur rennen. Doch Achtung, hinter dem Nebel lauern harte Baumstämme und Felsen.

Anspieltipps:
Queen Of The Borrowed Light, Face In A Night Time Mirror, (A Shimmering Radiance) Diadem Of 12 Stars

Manic Street Preachers – Everything Must Go (1996)

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Manic Street Preachers – Everything Must Go
Label: Epic, 1996 / 20th Anniversary Edition Sony, 2016
Format: 2 CDs und DVD in Digipak
Links: Discogs, Band
Genre: Alternative Rock, Indie

Es waren die besten Zeiten, es waren die schlimmsten Zeiten – und nun ist dies bereits wieder 20 Jahre her. Wir haben fast alle überlebt, die Welt ist immer noch voller Graustufen. Sie spielen immer noch, doch am stärksten glänzen die Momente von damals. Sie versetzen uns in nachdenkliche Stimmung und lösen wieder die Emotionen aus, die wir vermissten. Und auch 2016 ist die Geschichte hinter „Everything Must Go“ bewegend – das vierte Album der Manic Street Preachers hat immer noch viel zu erzählen und wird darum neu aufgelegt.

Dies hat schon seine Berechtigung, denn Lieder und Hits wie „Kevin Carter“, das Titelstück und natürlich „A Design For Live“ sind immer noch unwiderstehliche Ohrwürmer. Auch wenn die Manic Street Preachers mit dieser Platte damals den Weg von wilden Gitarreneskapaden zu Hitparade-tauglichen Alternative-Stücken fanden und viele Leute überraschten, ist das Album ein perfekt eingefangener Moment. Es herrschen immer noch die Riffs, verneigen sich aber vor den Gesangsmelodien und akustischen Untermalungen. Was vielleicht nicht ganz in den Bereich des Indie gehört, hat den normalen Rock aber schon lange verlassen – für etwas besseres. Inhaltlich waren die Prediger noch nie genügsam und konform, mit „Everything Must Go“ wagten sie aber den grossen Schritt in die soziale und politische Kritik. Ohne zu stolpern wurden die Texte tiefgründiger und auch anklagender – ein Schritt, der nach dem Verschwinden von Gitarrist und Lyriker Richey Edwards nötig war. Es finden sich zwar noch letzte Dichtungen von Edwards, das Kerntrio musste aber die Arbeit ohne ihn bewältigen.

Glücklicherweise gelang es den Manic Street Preachers die Band weiterzuführen, ihre Musik neu auszurichten und an die Zukunft zu glauben. „Everything Must Go“ ist ein Manifest von drei Musikern, die nicht aufgeben und trotz allen Rückschlägen an das Gute glauben. Die rockigen und lebendigen Lieder sind bis heute betörend, wichtig und aktuell. Darum feiern wir nicht nur alle den 20. Geburtstag der Platte, sondern rücken wieder näher zusammen. Und wem dies nicht reicht, die Neuauflage bietet einen 20 Lieder langen Livemitschnitt aus dem NYNEX.

Anspieltipps:
Kevin Carter, Everything Must Go, Interiors (Song For Willem De Kooning)

Marillion – Colours And Sound (2006)

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Marillion – Colours And Sound
Label: Racket Records, 2006
Format: Doppel-DVD mit Booklet
Links: Discogs, Band
Genre: Dokumentation

Fannah, sympathisch und menschlich – gewisse Bands zeichnen sich während ihrer gesamten Karriere damit aus, dass sie nie den Kontakt zu ihren Freunden verlieren. Man kann gross werden, Hallen füllen und tausende von Alben verkaufen, und trotzdem immer noch das Auge für jeden einzelnen Unterstützer behalten. Marillion gehören in diese Gattung von Musikgruppe und wissen seit Jahrzehnten ihre Liebhaber zu schätzen. Nicht nur stellen sie ihre Platten mit dieser Liebe auf die Beine, ihre gesamte Karriere ist eine einzige Aussage zur Nähe von Konsument und Künstler. Und genau da kommt „Colours And Sound“ ins Spiel.

Obwohl die Dokumentation bereits zehn Jahre auf dem Buckel hat, spielt sie immer noch eine wichtige Rolle im Gesamtspektrum der englischen Gruppe. Begleitete der Film damals die Entstehung und Bespielung des Albums „Marbles“, steht er auch heute noch für ein Dokument der Ehrlichkeit. Zwar beleuchtet der Hauptfilm nicht unbedingt die klassischen Themen der Entstehung eines neuen Werkes, liefert aber ehrliche und tiefe Eindrücke in das Wirken und Touren von Marillion zu diesem Zeitpunkt. Die Platte war nämlich ein weiterer Versuch der Musiker, nicht im Stillstand zu verharren. Man wagte sich wieder an grössere Medienpräsenz, veröffentlichte Single-Auskopplungen und gab vor jedem Konzert mehrere Interviews und begrüsste die Fans. All diese Einblicke erhält man mit der DVD und bleibt dabei immer auf dem herzlichen Niveau des Fehlbaren. Denn der Film ist weder in Bild noch Ton perfekt, oft sind die Aufnahmen grobkörnig und amateurhaft. Aber genau dies gewährt den originalen Einblick in das Leben auf der Strasse, als Mitglied der Band oder der Crew. Interviews mit ehrlichen Kommentaren zu Aufnahme, Auftritten und Reisen wechseln sich mit Klamauk und Stileindrücken ab. Daraus ergibt sich ein wunderbar unpolierter und nie geschönigter Eindruck der Firma Marillion. Man fühlt sich aufgenommen, verstanden und mitgerissen.

Das DVD-Set ergänzt den Film sogar um weitere sechs Stunden an Material, im Verlaufe der Spielzeit kommen wirklich alle Mitwirkenden zu Worte. Seien es die Designer, Roadies, Manager oder Besucher – wer genügend Zeit aufbringt, erhält ein stimmiges Komplettbild einer Albumreise. „Marbles“ hat bis heute eine Ausnahmestellung im Katalog der Band, mit „Colours And Sound“ wird so manchem klar, warum. Denn auch wenn die Art-Rocker damals den Schritt zum Grösseren gewagt haben, im Herzen sind sie immer noch da, wo sie begonnen haben: Als Musikfanatiker und Freunde der Klänge. Und die DVD gibt es bei Racket Records momentan zum Spottpreis.