Oregon Trail – h/aven (2018)

Verzweiflung entsteht oft im Schatten, kein Wunder also, klingen Oregon Trail auf ihrem zweiten Album nach Schmerz, Wut und Trostlosigkeit. Das Album wurde schliesslich im Nirgendwo von Le Locle geschrieben und und aufgenommen, immer schön von der menschenleeren und schier depressiven Landschaft beeinflusst. „h/aven“ tut also gut darin, sich das H gleich von der Oase abzutrennen und die Kanten messerscharf zu lassen – dieser Post-Hardcore ist roh und direkt. Erlösung und Luft nach Oben findet man somit erst am Ende der Platte, zuvor sind die Schweizer immer brutal.

Es tut dem Post-Hardcore aber sehr gut, dass er wieder einmal ohne Gnade angegangen wird. Oregon Trail aus Neuchâtel scheren sich nämlich nicht um eine reine Produktion, sondern lassen ihre Gitarren verrauscht davonziehen. „Aven“ steigert sich so von einer melodischen Überlegung zu einem wahren Wirbelsturm an Geschrei, Riffs und wildem Drumming. Die Band suhlt sich hier im Lärm und lässt den Hardcore in den flächigen Noise übergehen. Da braucht es für den Hörer einen kurzen Moment, die wirkliche Schönheit der Lieder zu erfassen. Wem dies aber gelungen ist, der kann sich der Faszination von „h/aven“ nicht mehr entziehen.

Ob die Texte nun naturalistische Themen aufgreifen oder Oregon Trail mit einer extremen Dynamik im Sound spielen („Aimless At Last“), diese Platte zeigt sich nie mit aufgestelltem Federkranz, sondern schlüpft von Schatten zu Schatten. Charles-A. Bernhard schreit sich die Seele aus dem Leib und das musikalische Gerüst hilft ihm aus der Verzweiflung. Bis „Marble Grounds“ zumindest, denn dort entfliegen wir zusammen mit den Musikerin in einem klanglichen Schauspiel, das den Post-Rock mitnimmt und die Sonne wieder aufgehen lässt. Es ist eben doch eine Zuflucht.

Anspieltipps:
Aimless At Last, Aven, Marble Grounds

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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