Monat: April 2018

David Howald – The Double (2017)

„Melody Shaker“ – hört euch dieses Lied an und sagt mir danach, wieso diese Platte nicht schon lange in eurem Besitz ist! Was der gebürtige Basler Künstler David Howald auf seinem zweiten Soloalbum „The Double“ abliefert, ist nämlich beeindruckende, düstere und seelenstarke Musik. Egal ob er dabei Recoil kanalisiert oder sich wie ein junger Leonard Cohen durch seine Kompositionen schwingt, er ziert sich wunderbar mit der Dunkelheit und findet in jedem Schwarzton eine angenehme Theatralik und deren Reiz.

So pendelt er geschickt zwischen einer tief schürfenden Ein-Mann-Show mit Einblick in die persönlichen Gedanken, und einer avantgardistischen Version des Kammer-Pop mit Streicher und aufbrausendem Drum. Was früher bei Nick Cave zum guten Ton gehörte, das ist auch bei David Howald ein Zeichen für Qualität. Kleine Klaviermomente wie „7black0“ treffen auf Schunkler im Gebiete des Swing, der in Welten zuhause ist, die nur aus Nachtclubs bestehen.

Dank der tatkräftigen Unterstützung von befreundeten Musikern und jahrelanger Arbeit in Studios in Berlin, Basel und Wien ist aus „The Double“ ein wundervolles Album entstanden, das mit mit einer starken Intensität und Geschmackssicherheit überzeugt. David Howald scheint damit am Ende der Bar zu stehen und trinkt gedankenverloren seinen Drink, um ihn kreisen die Grössen der alternativen Musik. Und so poetisch wie diese ist er selbst schon lange.

Anspieltipps:
7black0, Melody Shaker, The Ghost And The Missing Dime

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Minni – Dark Horse (2017)

„Dark Horse“ kommt zwar nur mit drei Liedern und einem zusätzlichen Remix um die Ecke, zeigt als EP aber gleich die volle Kraft, die ein solches Format in den richtigen Händen bieten kann. Minni, welche nach ihrer Kindheit in Kroatien nun in Berlin kreativ arbeitet, zeigt mit diesen neusten Songs nämlich, dass Synthie-Pop bei ihr zu einem wahren Wunderstil wird. Stimmlich und atmosphärisch nahe bei Sade zu verorten, damals als man noch nachdenklich zur Musik schmachten durfte, beginnt „Fool“ herrlich verträumt und gross. Fast vergisst man, dass die Musik aus Synthies und Drum Machines kommt.

Und mit den klanglichen Huldigungen geht es auch gleich weiter, „Dark Horse“ sucht das Glück in den Anfängen von Talk Talk, nutzt seine Melodie aber auch, um schwerelos über die Landschaften zu gleichen. Es ist grosses Kino, was Minni hier abliefert und knappe fünf Minuten Liedlänge sind immer zu wenig. Das gilt auch für „Give A Little Love“, das mit fantastischem Bass bei Bryan Ferry anklopft und dann romantisch in den toll gesungenen Refrain einsteigt. Dazu gesellt sich das zurückhaltende aber wirkungsvoll gespielte Saxophon von Otis Sandsjö und die filigrane Perkussion von Jason Cooper.

Im direkten vergleich zwischen „Dark Horse“ von Frau Perry und dieser EP sollte schnell klar sein, wo sich Minni positioniert. Mit nur drei neuen Stücken verzaubert uns die Musikerin und bringt endlich die wahre Sensualität zurück in den Pop. Da braucht es kein riesiges Budget, da benötigt man keine Effekthascherei – diese Klangwelten nehmen gefangen und wollen immer wieder genossen werden. Ein solches Pferd hätten die Trojaner auch lieber erhalten.

Anspieltipps:
Fool, Dark Horse, Give A Little Love

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Them Fleurs – Run (2017)

Die Aussage, Them Fleurs bewegen sich zwischen Szenen und Zeitgeist ist nicht nur eine leere Worthülse um Kundschaft anzulocken, spätestens beim dritten Song „The End (Part One)“ erfährt man dies während zehn abwechslungsreichen und gefühlvollen Minuten. Die Band aus Bern hantiert hier nämlich zwischen nationalem Pop, alternativen Gitarrenmomenten und ausufernden Instrumentalpassagen. Und genau diese Bereitschaft, die Musik nicht immer im gewohnten Ort enden zu lassen macht aus dem neusten Werk „Run“ eine spannende Platte zwischen Radio und Kulturkeller.

Seit 2014 versuchen die Mannen um Sänger Samuel Schnydrig nicht nur bewährte Tugenden der leichteren Musik für sich zu nutzen, sondern dem Stil auch eine neue Färbung zu verpassen. Ob man Them Fleurs nun im Indie oder im Post-Irgendwas verankern will, so richtig passt keine Beschreibung zu diesen Songs. Und genau dies macht aus Ohrwürmern wie „Run“ oder langsam aufgebauten Rockern wie „Casino“ Lieder, die man sich gerne anhört und ohne grosse Anstrengungen geniessen kann. Keyboardtupfer und toll in sich verwobenen Gitarrenspuren geben der Musik einen variantenreichen Teppich und wirken immerzu bunt.

Schnell vergisst man somit auch, dass die englischen Texte manchmal etwas stark mit Akzent gesungen werden, schliesslich haben Them Fleurs auch in die Worte viel Eigenes gepackt. Ob persönlich und mehrfach überdacht oder dann doch aktuell und gesellschaftsbezogen, diese Platte passt sehr gut in dieses Jahrzehnt. Dazu kommen mit viel Raum und Dynamik vollgepackte Szenen wie „All I Need“ welche immer wieder zum gemütlichen Wippen einladen. Die Schweiz kann so entspannt und versiert klingend daherkommen.

Anspieltipps:
Run, The End (Part One), Casino

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

10 Years – (How to Live) As Ghosts (2017)

„Burnout“ ist einer dieser typischen Rock-Songs, für die man eigentlich zu abgeklärt im Leben steht um ihn zu lieben. Aber 10 Years seien gepriesen, denn auch mit ihrem achten Studioalbum haben sie wieder Ohrwürmer geschrieben, die sich nicht um solche Gedankengänge scheren und mit eingängigen Riffs, herrlich gefühlsvollem Gesang und packenden Refrains zu neuen Lieblingen werden. „(How To Live) As Ghosts“ versprüht das erlösende Gefühl einer Wiedergeburt, schien die amerikanische Alternative Rock Band doch kurz vor ihrem Ende zu sein.

Denn was 1999 voller Elan begann, wurde immer schwieriger und gemäss Aussagen von Frontmann Jesse Hasek waren die Aufnahmen zum Vorgängeralbum extrem mühsam. Nach einigen Besetzungswechsel und frischen Einfällen kehren 10 Years nun aber doch wieder erstarkt auf die Bühnen der Welt zurück und bieten mit „(How To Live) As Ghosts“ elf neue Songs, die zwischen modernem Rock, nicht ganz so brutalen Deftones und grossen Gefühlen pendeln. Genauso vielfältig und überlegt zeigen sich auch die Lyrics, welche viel von den Tourerfahrungen Haseks laben.

10 Years bieten also mit ihrem neusten Werk lebensbejahende Musik, die gerne gross und voluminös daherkommt („Ghosts“), sich heroisch steigert („Blood Red Sky“) oder auch verliebt mit kleiner Lautstärke anlocken kann („Lucky You“). Die Mannen gehen dabei immer klar strukturiert vor und vermeiden eine zu wilde Präsentation, doch diese saubere Produktion passt ganz gut zu ihrer Musik. Und mit Stücken wie „Vampires“ erhält man schliesslich trotzdem wunderbar treibende Minuten mit dem gesunden Pathos.

Anspieltipps:
Novacaine, Vampires, Lucky You

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Ghostmaker – Aloha From The Dark Shores (2017)

Direkt aus dem Herzen von Berlin, mit Vollgas und viel Lust zum Lärm kommen uns Ghostmaker mit ihrer neuen EP „Aloha From The Dark Shores“ entgegen. „Modern Termination“ groovt und rast schneller dahin als es Queens Of The Stone Age heute jemals könnten, die Gruppe um Frontmann Chris W. Jany bringt den Spass zurück in den noisigen Rock. Dass es sich hier um ihre erste Veröffentlichung und nur um den Vorboten zum im Februar kommenden Album handelt, kann man fast nicht glauben.

Denn mit bluesig angehauchten Tracks wie „Fork Man“ bringen die Mannen Momente auf das Parkett, die nach jahrelanger Erfahrung klingen. „Tiger Hates Pi“ schlittert mit Druck und Power um die Ecke, wie es bei Spidergawd immer passiert und Ghostmaker zelebrieren die Liebe zum kräftig aufgebauten und dargebotenen Heavy Rock. Weit weg von den dreckigen Punk-Strassen der Deutschen Hauptstadt ist „Aloha From The Dark Shores“ eher in den nördlichen Legendengebieten des Rock zuhause.

Schön auch, dass sich Ghostmaker mit dieser EP getraut haben, dreckige Stücke wie „Violence“ auch genauso rau klingen zu lassen. Weder die Produktion noch die Riffs sind glatt, alles wirbelt Staub auf und suhlt sich auch gleich darin. Kleine Samples und viel Verzerrung sorgen für einen krachenden Sound und zeigen, dass auch Lärmorgien ohne klare Melodie perfekt aufgehen können („Foreign Admiral“). Ich würde sagen: Wir sind bereit für die Langspielplatte.

Anspieltipps:
Modern Termination, Fork Man, Violence

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

The Devils – Iron Butt (2017)

Euch ist das Flötengedudel so etwas von verleidet? Euch nervt dieses brave Pullovertragen unter dem erleuchteten Baum? Dann gibt es eine kleine Ergänzung für euer Familienfest, das nicht nur den Grosseltern die Augen aus dem Kopf kullern lassen wird: „Iron Butt“, das neue Teufelskind aus Italien, ein Albumbastard zwischen blasphemischen Gedanken und gnadenlosem Garage Trash. The Devils packen sich jeden Engel von hinten und rasen danach mit ihrem zweiten Werk auf dem Motorrad durch die Backstube davon.

Bei klangvollen Liedernamen wie „Guts Is Enough“ oder dem alles klar machenden „Put Your Devil Into My A**“ werden erste Zweifel gleich mit Peitsche und Lederkluft klein geprügelt und The Devils füllen den Raum mit extrem übersteuertem Punk und Rock’n’Roll. In zwanzig Minuten prügelt sich das Duo mit Erica Toraldo am Schlagzeug und Gianni Pregadio an der Gitarre wie ein Wirbelwind durch schnelle und energetische Tracks. „Pray You Parrots“ macht jeden Pogo-Tänzer zum glücklich strahlenden Kind, anderes wie „White Collar Wolf“ macht mit extremer Fuzz-Gitarre aus jeder Freak-Show einen Weltuntergang.

Ob sich The Devils nun am Lo-Fi No Wave aus New York angleichen oder ganz Europa mit ihrem harten Garage Rock brennen lassen, „Iron Butt“ ist immerzu extrem laut, wild und lustvoll. Wer mit diesen Teufeln tanzt, der verspürt zwar eine extrem beglückende Lust, wird sich wohl aber auch die Seele verbrennen und sein Karma ans Kreuz nageln. „Don’t Tell Jesus“ singen die beiden Künstler, aber wieso sollte man auch, hier spielt das Leben und die ausgelassene Freude.

Anspieltipps:
Put Your Devil Into My Ass, Pray You Parrots, Don’t Tell Jesus

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Brand New – Science Fiction (2017)

Acht Jahre ist es her, seit wir mit „Daisy“ nicht nur erwachsener, sondern das Musikleben noch einmal packender und fesselnder wurde. Und jetzt endlich, nach langer Zeit voller Zweifel, Warten und enttäuschter Hoffnungen ist es da, das fünfte Studioalbum der Amerikanischen Post-Hardcore Band Brand New – und ist in jedem Takt und zu jeder Sekunde wieder ein extrem mitreissendes und faszinierendes Werk geworden. Immerzu wandelnd und sich nie vor Experimenten scheuend, von Alternative Rock zu Emo zu Hardcore. „Science Fiction“ ist einer der hellsten Sterne am diesjährigen Himmel.

Wie es auch nicht anders von Brand New zu erwarten war, beweisen sie mit abwechslungsreichen und extrem detailliert ausgearbeiteten Songs wie „In The Water“ erneut, dass man sehr wohl schwerwiegende Überlegungen mit immerzu packender Musik verbinden kann. Die Musiker wagen sich erneut an Fragen zu Moral, Ehrlichkeit und den Umgang mit psychologischen Problemen. Verpackt in sanften Gitarrenklängen und zerbrechlichem Gesang („Could Never Be Heaven“) oder brutal ausbrechenden Riffs und eindringlichem Geschrei („Same Logic/Teeth“), die Musik auf „Science Fiction“ wechselt immer im richtigen Moment ihre Form und Gefühle.

Sehr bitter ist nur, dass „Science Fiction“ das wohl letzte Album von Brand New bleiben wird, die Band hat angekündigt sich Ende 2018 aufzulösen. Das stimmt auf der einen Seite sehr traurig, lässt uns diese zwölf neuen Songs aber umso mehr geniessen. Denn die Reise mit treibender Kraft und wahrlich fantastischen Harmonien („Out Of Mana“) übertrifft alle Erwartungen, lässt uns zu Tränen gerührt zurück, bietet uns allen einen vertrauenswürdigen Freund und gibt uns Hoffnung, dass wir auf dieser Welt doch einen angenehmen Weg finden werden. Danke für alles, Brand New.

Anspieltipps:
Same Logic/Teeth, Out Of Mana, Batter Up

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Doom Side Of The Moon – Doom Side Of The Moon (2017)

Wie oft kann man ein Album anhören, sich neu erarbeiten oder gar neu aufnehmen? Beim weltweiten Klassiker „The Dark Side Of The Moon“ von Pink Floyd geht dies scheinbar unendlich und für alle Ewigkeit. So dachten sich die Musiker von The Sword einmal etwas angeheitert, dass Lieder wie „Time“ in schwerem Stoner-Rock zu spielen vielleicht ganz unterhaltsam wäre. Schneller gemacht als studiert, hier ist „Doom Side Of The Moon“ – gespielt von The Sword mit Sänger Alex Marrero, Saxophonist Jason Fray und Keyboarder Joe Cornetti. Und erstaunlicherweise sind die Musiker in ihrer Bearbeitung nie brachial.

Doom Side Of The Moon wissen um die wichtigen Merkmale dieser Platte bescheid und kastrieren weder das berühmte Riff von „Money“, noch lassen sie die wichtigen Orgelflächen weg. Klar, bei „The Great Gig In The Sky“ wird nicht gesungen sondern mit dem Saxophon betört und instrumentale Experimente wie „On The Run“ sind hier eher tief brummelnde Zwischenteile. Als Gesamtes ist diese Huldigung zum 50 jährigen Jubiläum der Platte aber vor allem eine Verneigung von Fans – mit teilweise wild tobenden Schlagzeugen und ausufernden Gitarrenstellen.

Was Doom Side Of The Moon hier beweisen ist der Umstand, dass das Vermächtnis von Pink Floyd zu Recht riesengross ist. Kompositionen wie „Us And Them“ oder „Eclipse“ sind tatsächlich auch 2017 nach dem 1000. Mal immer noch frisch und mitreissend anzuhören, die neu hinzugefügten Kilos machen das Album weder schwerfällig noch kollabiert ein Stück. Man spürt immer die Freude an dieser Ummünzung und wird somit schnell von der Lust der Musik mitgerissen. Und wem Pink Floyd bisher immer etwas zu schwach auf der Brust war, der erfährt hier sein Verzerrungswunder.

Anspieltipps:
Breathe (In The Air), Time, Us And Them

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Zero Zero Baden – Tag der offenen Tür mit Jack Slamer

Tag der offenen Tür
Bands: Jack Slamer, Izamanya
Samstag 09. Dezember 2017
Zero Zero, Baden

Es ist immer wieder ein paradiesisches Gefühl, wenn man über die Schwelle in den grossen Verkaufsraum von Zero Zero in Baden tritt. Regale um Regale voller Vinyl, von brandneu bis alt und rar, als Boxsets, Singles oder schwere Pressungen auf bunten Scheiben – man muss weit reisen, um ein Geschäft zu finden, das mehr bietet. Aber wie auch in den meisten anderen Record Stores läuft es hier im Dachgeschoss des Merker-Areals nicht mehr so rund wie früher. Grund genug, mit einem Tag der offenen Tür alte Freunde, Stammkunden und neugierige Erstbesucher in die heiligen Hallen des gepressten Erdöls zu locken.

Pedro und Emma haben dazu nicht nur die neusten Veröffentlichungen ausgepackt, sondern boten gleich zwei Schweizer Bands zu einem Showcase auf. Und Izamanya nutzten dies gleich, um ihr erstes Album „Second Life“ vorzustellen. Zusammengesetzt aus Iza Loosli (Bluesaholics), Many Maurer (Ex-Krokus) und Chasper Wanner (Poltergeist) spielten die drei ein akustisches Set mit neuen Songs, die zwischen kernigem Rock und doppelten Gitarrenläufen die Leute zum Mitwippen animierten. Hier spürte man, dass diese Musiker viele Erfahrungen mitbringen und sich im Gebiet der langen Haare und kratzenden Stimmen gut auskennen.

Richtig laut und wild wurde es danach mit einem exklusiven kleinen Konzert von Jack Slamer. Die Band aus Winterthur steht sonst meist auf grossen Bühnen und vor vielen Menschen, hier im Zero Zero waren sie aber für einmal wieder auf dem Teppich und auf Augenhöhe mit den begeisterten Zuhörern. Ihr treibender und von den Siebzigern geprägter Rock durchdrang die Dachbalken und liess die Platten von Vorbildern wie Led Zeppelin freudig wackeln. Mit einer abwechslungsreichen Mischung aus Stücken von beiden Alben „Noise From The Neighbourhood“ und „Jack Slamer“ wurden sie ihrem guten Ruf mehr als gerecht und bewiesen, dass der alte Rock auch heute frisch klingen kann.

Mit Häppchen, Getränken, lockeren Unterhaltungen und einer tollen Musikbeschallung durch den DJ genoss man nach den Auftritten noch den restlichen Nachmittag in fröhlicher Stimmung im Zero Zero. Und wieder einmal zeigte sich dabei, dass die Gemeinschaft eines Plattenladens einzigartig und unerreicht ist. Vergesst das digitale Shopping, fallt nicht auf die falschen Versprechen der Social Media rein – das wahre Leben und die echte Leidenschaft zum Vinyl findet man nur beim Händler des Vertrauens. Und Baden ist dafür die erste Adresse.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Fog Town Fest II, Schützi Olten, 17-12-08

Fog Town Fest II
Bands: 1000 Mods / Greenleaf / The Atomic Bitchwax / Steak / No Mute
Freitag 08. Dezember 2017
Schützi, Olten

Es dauerte nicht lange, und aus dem erstaunlich zurückhaltenden Nebel wurden grosse, schwere Flocken. Doch dies trübte weder die Stimmung, noch wurde es wirklich bemerkt – denn in der Schützi in Olten tobte ein wildes Fest, angetrieben durch heftigen Rock. Freunde von überall her und Bands aus aller Welt sorgten dafür, dass man den Winter- und Weihnachtsstress für einen Abend komplett vergass und es allen wieder einmal bewusst wurde: Die Macht der Gitarre wird nie versiegen. Das zweite Fog Town Fest holte sich die Stadt im Bahnzentrum im Sturm.

Auch klar, dass No Mute die Ehre galt, diesen Abend voller langer Haare und dunkler Klamotten zu eröffnen. Die Hard Rock-Gruppe aus Olten ist ein altbekannter Gast und bewies erneut, dass sie auch am frühen Abend bereits für gute Stimmung und lauten Jubel sorgen kann. Mit starkem Drumming und tollen Riffs floss somit schnell mehr als als ein Feierabendbier und die Verzerrungen der Verstärker füllten den Raum. Auch wenn ihre Lieder weniger Preise in Innovation gewinnen, war es doch der perfekte Einstieg in dieses Fest.

Das Steak wurde heiss und blutig serviert – fast noch roh. Die vier Herren aus London präsentierten fadengeraden Stoner ohne Schnickschnack – ein Hoch auf den die Erfindung des Drop-D-Tunings – tief und wummrig. Sie prügelten los und heizten der Schützi so richtig ein, die Köpfe des Publikums wippten im Gleichtakt. Das erste Bier wurde verschüttet, kein Stein blieb auf dem anderen und das Fest nahm Fahrt auf. Dieser harte und schnörkellose Sound war zu diesem Zeitpunkt des Abends genau richtig. Vielleicht etwas gar kritisch, und wahrscheinlich auch ihrem Setup mit nur einer Gitarre geschuldet: Ich hätte mir etwas mehr Überraschungen in ihren Songs gewünscht. Feinheiten, Harmonien, ein wenig mehr der Abdrifterei. Dass die Jungs dies durchaus können, zeigen sie auf ihren Platten. Trotz alldem: Das Steak hat sehr gut geschmeckt!

Wer sich einen Namen wie The Atomic Bitchwax zulegt, der schürt zu Recht die Erwartungen. Angereist aus Amerika sorgte das Trio dafür, dass Stoner Rock neu erfunden wurde. Mit weniger Musikern als die vorangegangenen Bands, aber dafür extremen Geschwindigkeiten, perfekter Härte und sogar zweistimmigem Gesang mischten die Künstler eine gehörige Portion Retro-Gefühl in die Instrumente. Irgendwo zwischen verschwitzten Haaren, herumgetragenen Konzertbesuchern und heftig vibrierenden Lautsprechern landete die Gruppe punktgenau mit Liedern von ihrem neuen Album „Force Field“. Unglaublich wie energetisch diese Mannen auch 25 Jahre nach ihrer Gründung noch unterwegs sind.

Vom ersten Takt weg zündete bei Greenleaf der Funke und sprang von der Bühne direkt ins in der Zwischenzeit schon gut angeheiterte Publikum. Nur schon die Band zu sehen, ihr Auftreten, ihre Freude auf der Bühne und ihr Lachen unterschied die vier Bären aus Schweden von dem sonst dem Musikstil des Abends geschuldeten eher grimmigen und düsteren Auftreten der anderen Bands. Damit gewannen sie definitiv den Sympathiepreis. Obwohl die Songs von Greenleaf stark vom Stoner Rock beeinflusst sind, stellte ihre Musik an diesem Fest etwas eigenständiges und weniger plakatives in diesem Genre dar. Ihr fuzziger Sound war in Feinheiten abgestimmt, detailliert, verspielt, ausschweifend, mit metallischen, progressiven und bluesigen Einflüssen, ohne an Wucht und Härte zu verlieren. Genau in der richtigen Dosis!

Was konnte nach all diesen Highlights noch folgen? Wie wäre es denn mit einer Stoner-Truppe aus Griechenland? 1000Mods beglücken die Welt seit etwas mehr als zehn Jahren mit ihrem schweren und voluminösen Rock, der sich auch in der Psychedelica gewisse Zutaten geklaut hat. Und somit sorgten sie auch in der Schützi für glückliche Gesichter, wilde Tanzeinlagen und viele Crowdsurfer. Gleich mit zwei Gitarren wurden die Licks und Riffs zu monstermässigen Wänden, die Lieder zu unberechenbaren Elementen und das Konzert zu einem hitzigen Ereignis. Das betörte nicht nur die „Desert Side Of Your Mind“, sondern war der verdient fulminante Schlusspunkt zu diesem grandiosen zweiten Fog Town Fest.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.