Monat: Mai 2017

LudoWic – Elka Village (2017)

LudoWic – Elka Village
Label: Black Screen Records, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Künstler
Genre: Electronica, Synthie-Pop

Ein Mann, vornübergebeugt über Gerätschaften und Instrumente wie ein verrückter Wissenschaftler, vor ihm thront in dunklen Schatten eine Kirchenorgel. Wie sich LudoWic auf den Fotos präsentiert, lässt bereits viele korrekte Rückschlüsse auf seine Musik ziehen. Denn Thijs Lodewijk aus Holland zeigt seine elektronische Musik gerne von der bedrohlichen und düsteren Seite. Sein neustes Album „Elka Village“ darf darum auch gleich mit Synthie-Türmen und schwer drückenden Beats einsteigen.

Lieder wie „Boxed People“ vermögen es, die Schwere des Untergrund-Techno mit der Leichtigkeit der Melodienfindung in der Electronica zu verbinden – und lassen die Hörer in den fiktiven Ort des Albumnamens eintauchen. LudoWic zaubert seine Tracks mit analogem Equipment auf die Welt und hat somit immer eine organische Atmosphäre zwischen seinen Keyboard-Spuren und Drumpatterns. Wenn er dann mit Gastsängern wie in „Without You“ sogar den Pop begrüsst, dann ist dies nur der logische Gegenpol.

Denn was Künstler wie Trentemøller gross gemacht hat, das kann LudoWic schon lange. Beeinflusst durch seine Soundtrackarbeiten und Live-Jams werden Stücke „A Green Painted Garden“ zu abwechslungsreichen Tracks mit Einflüssen aus Minimal und Ambient. „Elka Village“ lädt sich somit eine Vielzahl an Wirkungen auf, vermag des aber meist wunderbar zu kombinieren. Auch wenn das Album seine anfängliche Genialität nicht bis ins Ziel bringen kann, gibt es hier spannende und variantenreiche Musik aus elektronischen Verbindungen.

Anspieltipps:
Boxed People, The Lost Kult, Without You

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Sorority Noise – You’re Not As _____ As You Think (2017)

Sorority Noise – You’re Not As _____ As You Think
Label: Big Scary Monsters, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Emo, Alternative, Indie

Was wurde Emo in den letzten Jahren nicht immer in Ungnade gebracht – durch falsche Aussagen und dumme Vorurteile. Dabei steht dieses Genre für extrem eindringlichen Emotional Rock, der auch oft heikle und schmerzvolle Themen anspricht. Aber zum Glück gibt es für jede Modeverunglimpfung auch ein grossartiges Original – wie Sorority Noise, welche seit 2013 von Amerika aus die Welt von vielen Menschen verbessern. Und dank „You’re Not As _____ As You Think“ auch meine.

Denn die dritte Scheibe der Gruppe ist ein verdammt ehrliches, verdammt direktes und ebenso gutes Stück Musik. Vom eröffnenden Lied „No Halo“ mit seinem stechenden Refrain bis hin zu dem versöhnlichen Abschluss „New Room“ werden Herzen repariert, Unsicherheiten aus dem Kopf geschafft und mit Instrumenten Berge versetzt. Sorority Noise wagen sich nämlich nicht nur an laute Stellen, welche auch Gruppen wie The Hotelier auszeichnen, sondern an eine musikalische Diversität, die man auch bei Brand New finden kann. Sanfte Indie-Aussprachen zwischen handgemachtem Alternative Rock – ausufernd in Punk.

Und dazu gesellen sich die gnadenlos ehrlichen Texte, welche von Verlust, Trauer und Depression erzählen – und somit viele Menschen unterstützen und begleiten können. Das gab es zuletzt bei La Dispute. Sorority Noise nehmen uns somit auf eine emotionale Achterbahnfahrt mit, halten sich in den richtigen Momenten zurück („Leave The Fan On“), nur um laute Stellen noch heftiger auszuschmücken. Alles gipfelt im Highlight „A Portrait Of“, welches die Gruppe formvollendet darbietet und zeigt, wie mitreissend und fantastisch der echte Emo sein kann. Anhören, mitleiden, Erlösung finden.

Anspieltipps:
A Portrait Of, Disappeared, Second Letter From St. Julien

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Oxil Saisonschluss Festival, Oxil Zofingen, 17-05-13

Oxil Saisonschluss Festival
Bands: El Ritschi, Pamplona Grup, The Konincks, Skullpriest
Samstag 13. Mai 2017
Oxil, Zofingen

Wenn die Zeit weiterhin so schnell läuft, dann ist das jüngste Kind in der Kulturszene der Aargauer Stadt Zofingen bald erwachsen. Denn bereits zum zweiten Mal durfte man mitfeiern, wie eine kunterbunte Saison ihr Ende fand. Und was passt da besser, als ein ganztägiges Festival mit kultureller und kulinarischer Feinschmeckerei? So wurden die Türen und Plätze bereits am sonnigen Nachmittag geöffnet und die Leute fanden sich mit ihren Kindern und Erinnerungen ein. Denn es war auch ein Tag voller alter Bekanntschaften.

So auch gleich beim ersten Act, ist El Ritschi doch Sänger bei der altbekannten Truppe Jolly And The Flytrap. Für seinen Auftritt in der ehemaligen Tankstelle reichten ihm aber seine Stimme und Gitarre. In zwei Sets unterhielt er zuerst die Leute mit niedlichen Stücken in Mundart – um zwei Stunden später mit einer halben Weltreise auch die Erwachsenen von den Bänken zu locken. Was nicht immer so einfach war – aber kein Wunder bei all diesem leckeren Essen und Getränken. Und den Poetry Slam und die Hula Hoop-Show sah man schliesslich auch vom Schatten aus.

Mit der Badener Balkan-Gruppe Pamplona Grup hiess es dann aber Füsse in die Höhe und losgetanzt – heisse Rhythmen und laute Bläser. Solche Musik belebt und funktioniert immer, besonders wenn sich die Sterne langsam zeigen und die Instrumente von den Lampen zum Glänzen gebracht werden. Mit Kontrabass und Bläsern in den Osten und pünktlich zurück zur Feuershow, dem brennenden Schlusspunkt des öffentlichen Programms auf den asphaltierten Belägen. Aber Schlafen musste man noch lange nicht, wollte schliesslich auch noch der Saal des Oxils betreten werden.

Mit The Konincks wurde dem Blues-Rock viel frisches Blut beigefügt und die Gäste dankten es mit grosser Teilnahme und Applaus. Kein Wunder wird man bei solchen Künstlern nicht müde zu betonen, dass gewisse Wurzeln von ihnen in Zofingen liegen. Davon besitzen auch Skullpriest mehr als genug, waren sie doch eindeutig die Lokalmatadoren an diesem Festival und der krachende Schlusspunkt. Ihr instrumentaler Psychedelic-Stoner-Doom ging durch Mark und Bein und liess das Lokal zu einer dröhnenden Messe werden. Unglaublich, wie versiert diese junge Band bereits klingt, da konnte man fast nicht genug davon kriegen.

Etwas sanfter aber ging es dann in die letzten Phasen der Nacht, die DJs The Niceguys liessen die Leute zwischen fröhlichen Geschichten, vollen Flaschen und schimmernden Augen umherzappeln. Und erneut war also dieser Schlusspunkt genauso vielfältig und mitreissend, wie sich das Oxil auch unter dem Jahr zeigt. Schade nur, muss man auf diesen besonderen Tag jetzt aber wieder ein Jahr warten.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Neo Noire, Kaserne Basel, 17-05-12

Neo Noir
Support: Hathors
Freitag 12. Mai 2017
Kaserne, Basel

Man konnte nicht anders, als sich immer wieder anzuschauen und etwas zu grinsen – denn was man hier hörte, brachte nicht nur viele Erinnerungen, und sondern auch Freude zurück. Und gibt es etwas schöneres für eine Band, als beim Publikum diese Gefühle auszulösen? Neo Noire sind natürlich keine Jungspunde ohne Erfahrung und wissen genau, wie man in den Leuten mit Musik Dinge auslösen kann. Und obwohl es sich bei diesem Auftritt um die Plattentaufe ihres ersten Albums „Element“ handelte, standen hinter den Instrumenten viele Jahre mit noch mehr gespielten Songs.

GURD, Zatokrev, Disgroove, Slag in Cullet – was einen tollen Abend an einem Festival ergeben würde, kumuliert sich hier zu einer neuen Art von Supergroup. Die Künstler Thomas Baumgartner, Frederyk Rotter, Franky Kalwies und David Burger finden sich im Alternative Rock und bringen mit ihrer Musik momentan nicht nur Basel zum Beben. Das erste Album von Neo Noire schlug ein wie damals die erste Welle des Grunge – und holt sich aus dieser Zeit die besten Eigenschaften. Die Gitarren türmten sich auf, der Gesang war zweistimmig und der Klang breit und wuchtig.

Bereits mit dem ersten Song zeigten Neo Noire voller Selbstbewusstsein und Energie, wie wundervoll Rocksongs doch sein können. Von einer aufwändigen Lichtshow in helles Licht gehüllt legte die Band los und liess Stücke wie „Save Me“ oder „Shotgun Wedding“ durch den Saal schallen. Und egal wie stark diese Momente an Alice In Chains oder Smashing Pumpkins erinnerten, die Herren haben mit ihrer Musik auch eine eigene Identität erschaffen. Kleine Ausschweifungen des Post-Rock, ein paar heftige Trommelwirbel aus dem Metal – alles für einen perfekten Musikabend.

Auch Hathors aus Winterthur liessen keinen Stein auf dem anderen, als sie die Leute in den Abend einstimmten. Ihr gewaltig rumorender Noise-Rock mit Grunge-Mustern hatte viel Schwung und die Band bewies, dass sie mit ihrem aktuellen und dritten Album „Panem Et Circenses“ einige Lieder erschaffen hat, die einem das Brillengestell vom Kopf weghauen. Breitbeinig, wie ein Tiefdruckgebiet voller Rhythmen und Riffs und mit viel Spiellust – echter Rock ist eben doch keine Angelegenheit für langweilige und abgekämpfte Musiker.

 Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Xiu Xiu – Forget (2017)

Xiu Xiu – Forget
Label: Polyvinyl Record Company, 2017
Format: CD
Links: Discogs, Band
Genre: Avantagarde, Noise-Rock

Liebe Leute in den Schatten, der Moment ist gekommen: Xiu Xiu haben ein Album aus den sumpfigen Gewässer gehoben, das zugänglich ist! „Wondering“ geht dabei als drittes Lied auf der Platte sogar soweit, dass die Gruppe mit Beats und eingängigem Refrain den Pop in die dreckigen Gassen lockt. Somit ist „Forget“ ein musikalisches Werk, dass auch endlich alle Zweifler in das Boot der tief depressiven und schrägen Rock-Abgründe lockt.

Wobei, Jamie Stewart hat auch hier nicht die Sonne gefressen – so bleibt sein Gesang weiterhin ein unangenehmer Zwitter zwischen Jammer und Todesleiden. Klanglich entfernen sich Xiu Xiu auf „Forget“ zwar etwas von den verzettelten Pfaden der Noise-Avantgarde, aber es gibt immer noch krumme Industrial-Verzerrungen, übersteuertes Elektro-Dum und Melodien, die das Messer in deinem Rücken genüsslich umdrehen. Doch dank Momenten wie „Jenny GoGo“ ist das Werk nicht nur Trauma, sondern lockere Begrüssung des kommenden Zerfalls.

Wenn Xiu Xiu mit „Faith, Torn Apart“ die Bühne in Goth-Klammotten verlassen, dann hat man auch hier wieder eine emotionale Talfahrt erlebt – aber immerhin hüpfend. Die Band hat es zum wiederholten mal geschaffen, ihr klanglicher Kosmos auszudehnen und weiterhin ihre mysteriöse Anziehung zu bewahren. Und dabei steht ihnen auch dieses zugängliche Getue einfach nur perfekt. Es gibt weiterhin keine bessere Gruppe für die erdrückenden Stunden im Keller.

Anspieltipps:
Wondering, Jenny GoGo, Forget

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Riverside, Z7 Pratteln, 17-05-10

Riverside
Mittwoch 10. Mai 2017
Z7, Pratteln

Wiedergeburten, oder eher Neuanfänge, sind schwierig – zu vieles erinnert an die vergangenen Zeiten, zu schwer lasten die Gefühle auf dem Herzen. Für die polnische Progressive Rock Band Riverside war es gar noch schwerer, ihre aktuelle Tour in Angriff zu nehmen – verstarb doch im Februar 2016 ihr Gitarrist Piotr Grudziński. Lange war unsicher, wie die Zukunft der Gruppe aussehen würde. Nun können wir alle kollektiv aufatmen, denn die Reise geht weiter. Für ihre aktuelle Konzertreihe hat sich das Trio Maciej Meller für die Saitenzauberei ins Boot geholt und besuchte somit in neuer Formation und mit radikal geänderter Setlist das Z7.

Dies war auch nötig, denn nicht nur zwischen den Musikern herrschen nun andere Emotionen, auch das Publikum in Pratteln war sich bewusst, dass dieser Auftritt von einer gewissen Trauer begleitet werden würde. Egal wie oft man Riverside schon zugejubelt hatte, es tat weh Mariusz Duda, Piotr Kozieradzki und Michał Łapaj mit diesem Wissen entgegenzutreten. Sich dessen bewusst, wandte sich die Band gleich zu Beginn an die Leute und erklärte sich und ihre Hoffnungen und den Abend – welche sich dann auch alsbald bewahrheiteten. Man wurde Zeuge eines selbstbewussten, gefühlvollen und energiegeladenen Auftrittes. Wie es bereits Heraklit sagte: „Alles fliesst.“ Und so wirkte auch die Musik an diesem Abend.

Umrahmt von dem wunderschönen „Coda“ tauchten Riverside in ein Set voller langer, ausdrucksstarker und progressiver Liedern ein. Gleich zu Beginn führten uns lange Tracks wie „Second Life Syndrome“ oder „Caterpillar and the Barbed Wire“ vor Augen, dass die Polen zu Recht als eine der besten Bands im Bereich des modernen Art-Rock gelten. Was diese Herren zu viert auf die Beine stellen, ist extrem berührend und umwerfend. Fantastische Songstrukturen, grossartige Harmonien und wild ausufernde Instrumentalstellen – gepaart mit dem bezaubernden Gesang von Duda. Egal ob sich stetig steigernd wie bei „Escalator Shrine“ oder sofort pochend wie bei „02 Panic Room“, mit jeder Minute stieg die Stimmung in der Konzertfabrik.

Alsbald wurde aus Zweifel und Schmerz ein neues Gefühl des Aufbruchs, der Hoffnung und der Liebe. „Towards the blue horizon / We could open minds / Let me tell you a story / About you and me in those days / We just lived our lives“ – Riverside fanden die perfekte Mischung aus Rückschau, Gegenwartsfestigung und Herantasten an die kommenden Jahre. Und egal was noch passieren wird, solche wundervolle Konzerte wie dieses wird uns nie mehr jemand nehmen können. Es stimmt halt schon, was Duda am Ende noch anmerkte – zwischen dieser Band und den Fans ist keine Freundschaft, es ist eine Familie.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

British Sea Power – Let The Dancers Inherit The Party (2017)

British Sea Power – Let The Dancers Inherit The Party
Label: Caroline, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Rock, Indie

„Sechs Freunde, sechs Freunde“ – es wird in „Keep On Trying“ tatsächlich Deutsch gesungen. Auch die Musik hört sich an, als würde man zusammen mit den Musikern gleich in ein jugendfreundliches Abenteuer starten,  und allgemein erwarten einen auf „Let The Dancers Inherit The Party“ glückliche und sanfte Klänge. Mit ihrem ersten Studioalbum seit vier Jahren stellen sich British Sea Power nämlich selbstbewusst gegen die aktuellen Strömungen des politischen Rock von der Insel – und handeln dabei ein Unentschieden aus.

Seit 2000 versuchen sich British Sea Power an der kecken Taktik, ihre Musik aus einem Amalgam bekannter Gruppen aus England zu gestalten. Früh in ihrer Karriere funktionierte dies wunderbar, und auch beim sechsten Album gibt es immer wieder magische Momente. Lieder wie „International Space Station“ oder „Saint Jerome“ mischen fröhlich Indie, Brit-Pop, Wave und Rock und erreichen damit fehlerlos ein tolles Ergebnis. Durch und durch englisch ist die Platte dabei immer, oft auch träumerisch mit dem Kopf im Nebel.

Dabei werden British Sea Power selten laut, viele Stücke sind eher spielerisch sanft („Don’t Let The Sun Get In The Way“) oder gar schmalzend („Electrical Kittens“). Manchmal fehlt „Let The Dancers Inherit The Party“ somit etwas der Biss, dies macht die Gruppe aber mit ihrer unwiderstehlichen Art wett. Und obwohl die Musik damit nie revolutionär oder aufwühlend sein kann, nimmt man Songs wie „Bad Bohemian“ mit seinen tollen Riffs und Melodien gerne an die Hand. Es ändert zwar nichts, aber die Welt dreht sich trotzdem im Sonnenschein weiter.

Anspieltipps:
International Space Station, Keep On Trying, Saint Jerome

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Lonely Robot – The Big Dream (2017)

Lonely Robot – The Big Dream
Label: Inside Out, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Künstler
Genre: Art-Rock, Prog

Wenn sich ein Musiker mit markanter Stimme und klaren Stilmitteln in diversen Bands tummelt, kann schon kurz Verwirrung entstehen. John Mitchell war in den letzten Jahren nämlich nicht nur bei It Bites, Frost* oder Arena tätig, sondern startete unter dem Namen Lonely Robot ein weiteres Soloprojekt. Mit dem zweiten Album „The Big Dream“ steht uns ein weiteres Album voller emotionaler und gitarrenlastiger Musik im Bereich des Art-Rock ins Haus – oder ins Raumschiff. Und komplett neu wirkt die Musik dabei nicht immer.

Im Gegensatz zum direkten Vorgänger „Please Come Home“ ist Lonely Robot hier zu einer festen Band gewachsen, die vielen Gaststars gehören der Vergangenheit an. Vielmehr dreht sich alles um die knackigen Songs, für die Mitchell immer wieder wunderbare Hooklines und Refrains erfindet. Lieder wie „Sigma“ oder „Symbolic“ leben von den gewaltig grossen Mittelteilen und machen damit aus Modern Prog und rockigem Pop eine homogene und oft treibende Einheit. Dabei haftet auch „The Big Dream“ diese technische und etwas futuristische Aura von Mitchells Musik an – was aber wunderbar zu dem lyrischen Szenario passt. Schnelle Rhythmen und Powerchords treffen auf Keyboardflächen und weibliche Sirenen.

Erneut darf man sich mit dem Astronauten auf die Suche nach dem perfekten Riff begeben und merkt dabei, dass auch unscheinbare Lieder bei Lonely Robot mit der Zeit zu besten Freunden auf dem Mars werden können. Dank toller Produktion und Instrumentierung funkelt es bei Stücken wie „Everglow“ stärker als auf den Solarsegeln der ISS. Sicherlich, diese Platte revolutioniert weder den Art-Rock noch die Musik von John Mitchell, bietet den Fans aber genau die richtige Portion an neuer Musik. Geerdet, auf seine Stärken konzentriert und immer empathisch – dieser Roboter kann bleiben.

Anspieltipps:
Sigma, Everglow, Symbolic

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Xiu Xiu, Dachstock Bern, 17-05-09

Xiu Xiu
Support: Verena von Horsten
Dienstag 09. Mai 2017
Dachstock, Bern

Wieso ist es den Menschen oft extrem unangenehm, wenn sie in einer etwas fremden Umgebung plötzlich die Anonymität verlieren und sich direkt mit einer Konfrontation beschäftigen müssen? Besuchen wir Konzerte doch nur, um uns vom ermüdenden Arbeitsalltag abzulenken, oder schämen wir uns für die natürlichen Gefühlszustände, dass wir es keinen Fremden zeigen wollen? Ein Versteckspiel gab es bei dem letzten Konzert der aktuellen Tour von Verena von Horsten nämlich nicht. Die Zürcher Musikerin liess ein letztes Mal ihr neustes Album „Alien Angel Super Death“ laut erschallen und gedachte ihrem toten Bruder. Auf Augenhöhe, mit direktem Blickkontakt mit den Besuchern.

Denn als Lieder wie „What You Say“ in langen und vernichtenden Versionen den Dachstock erzittern liessen, zog Verena durch die spärlichen Reihen der Zuschauer und verband die Bedeutung ihrer Stücke mit Intensivität. Ausweichen konnte man nicht, nur die Hingabe oder Flucht waren als Optionen erhältlich. Und genau darum wurde der verschobene Synthie-Rock zu einer kathartischen Neuerfindung für die Band und alle anderen zugleich. Verlust, Trauer und Angst – schräge Beats, harter Bass und dröhnendes Schlagzeug als Klangboten für Emotionen, die aus dem Körper ausbrechen müssen.

Da war es fast etwas merkwürdig, während der Umbaupause wieder im Licht zu stehen und normale Gespräche zu führen – denn die Schatten von Xiu Xiu aus Amerika wucherten schon lange in den Herzen und Seelen herum. Die Band von James Stewart, in Bern in Begleitung von Perkussionistin Shayna Dunkelman, steht seit 2002 für depressiven Noise-Pop mit Antihaltung und tickender Zeitbombe. Auch an diesem Dienstagabend liessen die zwei Künstler ein beengendes und schier bipolares Set auf die Leute los. Da war es nicht verwunderlich, dass auch neue und eher zugängliche Lieder wie „Wondering“ oder „Jenny GoGo“ plötzlich zu krachenden Cholerikern wurden. Selbstbewusstsein und Verständnis für die Welt ging dem Konzert spätestens mit „I Luv Abortion“ verloren und man versank in eine tief verstörte und dunkle Nacht.

Keine andere Band auf der Welt leidet so eindrücklich, laut und schmerzend wie Xiu Xiu. Gitarrenriffs sind dazu da, deine Ohren zum Kochen zu bringen, Beats zerquetschen deine Eingeweide und mit dem flehenden Gesang werden stumpfe Gegenstände an die Adern geführt. Selbst machomässige Rock-Hits waren dagegen nicht gefeit, und „Sharp Dressed Man“ von ZZ Top blieb genauso in diesem Teer hängen wie alle Läuterungsversuche. Innen wurde aussen, Verena und James nahmen unsere Ängste und Sorgen und machten daraus eine Neugeburt.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Pharmakon – Contact (2017)

Pharmakon – Contact
Label: Sacred Bones, 2017
Format: Download
Links: DiscogsKünstlerin
Genre: Noise, Electronica

Sind dies Maden, die sich nass und genüsslich auf dem Gesicht winden? Nein, ein zweiter Blick auf das Cover von „Contact“ klärt auf – hier tasten und wühlen sich eine Vielzahl an Händen durch Haar und über Haut. Das unangenehme Gefühl bleibt aber weiterhin bestehen, und auch die Musik hilft hier nicht weiter. Denn das vierte Album von Margaret Chardiet unter dem Namen Pharmakon ist merkwürdige und schmerzende Electronica. Mit diesem Werk macht man automatisch den Schritt in eine Welt voller Geister und körperlosen Empfindungen.

Dass die Künstlerin aus New York City kommt, kann man der Musik anhören – oder besser gesagt, die Entfremdung der Welt. Viel mehr aber sind Lieder wie das eröffnende und drohende „Nakedness Of Need“ oder die Noise-Single „Transmission“ in ihrer Form weither geplant, lange durchdacht und nie zufällig. Auch wenn die Musik von Pharmakon oft so klingt, als wären halb zerstörte Synthies wieder angeschaltet und willkürlich lauter gedreht worden, ist hier alles gewollt. Das Ziel, mit „Contact“ die transzendentalen Gedankenspiele darzustellen, gelingt durch Erschütterung, Schmerz und Frequenzstörung.

Sicherlich, Alben wie dieses machen nicht wirklich Spass. Anstelle von Gesang erhält man verzerrtes Geschrei, Melodien im eigentlichen Sinne gibt es nicht, und alles ist immer laut und krachend wie in einer Fabrikhalle. Aber trotzdem sind Stücke wie „No Natural Order“ extrem anregend und verheissungsvoll. Pharmakon steht nun bereits seit 10 Jahren für eine elektronische Musik, die sich nicht in Formate stecken lässt, sondern brutal und verschmutzt den Hörer herausfordert. Für alle, die Noise und Industrial lieben, ist dies ein abstraktes Festmahl.

Anspieltipps:
Nakedness Of Need, Transmission, No Natural Order

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.