Live: Xiu Xiu, Dachstock Bern, 17-05-09

Xiu Xiu
Support: Verena von Horsten
Dienstag 09. Mai 2017
Dachstock, Bern

Wieso ist es den Menschen oft extrem unangenehm, wenn sie in einer etwas fremden Umgebung plötzlich die Anonymität verlieren und sich direkt mit einer Konfrontation beschäftigen müssen? Besuchen wir Konzerte doch nur, um uns vom ermüdenden Arbeitsalltag abzulenken, oder schämen wir uns für die natürlichen Gefühlszustände, dass wir es keinen Fremden zeigen wollen? Ein Versteckspiel gab es bei dem letzten Konzert der aktuellen Tour von Verena von Horsten nämlich nicht. Die Zürcher Musikerin liess ein letztes Mal ihr neustes Album „Alien Angel Super Death“ laut erschallen und gedachte ihrem toten Bruder. Auf Augenhöhe, mit direktem Blickkontakt mit den Besuchern.

Denn als Lieder wie „What You Say“ in langen und vernichtenden Versionen den Dachstock erzittern liessen, zog Verena durch die spärlichen Reihen der Zuschauer und verband die Bedeutung ihrer Stücke mit Intensivität. Ausweichen konnte man nicht, nur die Hingabe oder Flucht waren als Optionen erhältlich. Und genau darum wurde der verschobene Synthie-Rock zu einer kathartischen Neuerfindung für die Band und alle anderen zugleich. Verlust, Trauer und Angst – schräge Beats, harter Bass und dröhnendes Schlagzeug als Klangboten für Emotionen, die aus dem Körper ausbrechen müssen.

Da war es fast etwas merkwürdig, während der Umbaupause wieder im Licht zu stehen und normale Gespräche zu führen – denn die Schatten von Xiu Xiu aus Amerika wucherten schon lange in den Herzen und Seelen herum. Die Band von James Stewart, in Bern in Begleitung von Perkussionistin Shayna Dunkelman, steht seit 2002 für depressiven Noise-Pop mit Antihaltung und tickender Zeitbombe. Auch an diesem Dienstagabend liessen die zwei Künstler ein beengendes und schier bipolares Set auf die Leute los. Da war es nicht verwunderlich, dass auch neue und eher zugängliche Lieder wie „Wondering“ oder „Jenny GoGo“ plötzlich zu krachenden Cholerikern wurden. Selbstbewusstsein und Verständnis für die Welt ging dem Konzert spätestens mit „I Luv Abortion“ verloren und man versank in eine tief verstörte und dunkle Nacht.

Keine andere Band auf der Welt leidet so eindrücklich, laut und schmerzend wie Xiu Xiu. Gitarrenriffs sind dazu da, deine Ohren zum Kochen zu bringen, Beats zerquetschen deine Eingeweide und mit dem flehenden Gesang werden stumpfe Gegenstände an die Adern geführt. Selbst machomässige Rock-Hits waren dagegen nicht gefeit, und „Sharp Dressed Man“ von ZZ Top blieb genauso in diesem Teer hängen wie alle Läuterungsversuche. Innen wurde aussen, Verena und James nahmen unsere Ängste und Sorgen und machten daraus eine Neugeburt.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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