Interview mit Lùisa – Loops und Träume

luisa_img-20151126-wa0000Lùisa – eine junge, moderne und sehr talentierte Künstlerin aus Hamburg – bereist seit einigen Jahren die Bühnen der Welt und verzaubert mit ihrem New-Folk. Ich erhielt die wunderbare Gelegenheit der Musikerin ein paar Fragen zustellen.

Links: Facebook, HomepageInstagram

Zuerst möchte ich mich bei dir für diese Interview-Gelegenheit bedanken. Seit deinem Auftritt 2015 in Zürich begleitet mich deine Musik – wobei besonders ein Lied die Schuld trägt. „Vision“ ist einer dieser perfekten Popsongs. Wie erschafft man als Solokünstlerin denn solche Lieder? Wie transportiert man die Vorstellung in die Realität?
Vielen Dank für das Kompliment, ich freu mich, dass dir „Vision“ so gut gefällt! Die Inspiration eines Songs kommt meistens aus den Bildern vor meinem inneren Auge – bei „Vision“ waren es Traumbilder, die mich sehr beeinflusst haben. Das Schreiben von Songs ist am Anfang ein sehr intuitiver Prozess, meist mit der Gitarre, einigen Loops, und reduzierten Beats – Melodien entstehen dabei eigentlich wie von selbst.
Dann, etwas rationaler, webe ich dieses Grundnetz weiter, schreibe das Arrangement – bei „Vision“ zum Beispiel, wollte ich eine Klanglandschaft, die schwebend und traumhaft ist; aber auch einen Song, der immer tiefer in das Gefühl reingeht und sich stetig aufbaut, wobei der Beat natürlich eine wichtige Rolle spielt. Bei meinem Album „Never Own“ habe ich zusätzlich auch mit dem Schlagzeuger Benito Pflüger und dem Produzenten Filippo Cimatti zusammengearbeitet: Unsere Ideen haben sich immer gut ergänzt.

Dein Kreativprozess funktioniert live sowohl mit Band wie auch alleine auf der Bühne. Was kommt deiner Vorstellung von der Figur Lùisa am nächsten?
Es ist für mich auf jeden Fall beides reizvoll und die Musik schreibe ich so, dass beide Performance -Formen umsetzbar sind. Ich arbeite viel mit Live-Loops und Samples, die können aber auch von einem Schlagzeuger live gespielt werden. Die Soloperformance wirkt in Clubs absoluter, auf einer großen Festivalbühne ist ein voller Schlagzeugsound auch schön. Lùisa ist aber ein Soloprojekt – Soloperformances zeigen also stärker meinen wahren Kreativprozess.

Sind Loops verlässlicher als feiernde Begleiter?
Hehe, sowohl Loops als auch die Begleiter sind zuverlässig, freundlich mit mir und nicht allzu feierwütig! Wenn ich mit Band unterwegs war, waren meine Kumpanen meist früh im Hotelbett und haben sich’s mit einem Bierchen gemütlich gemacht. Ich bin noch losgezogen – beim Frühstück hat sich dann gezeigt, wer von uns die richtige Entscheidung getroffen hat.

Gibt es denn überhaupt eine Trennung zwischen dem Alltagsleben und den Stunden auf den erleuchteten Bühnen, oder bist du immer komplett du selbst?
Ich bin ich selbst, aber ich nehme an, dass das Selbst aus vielen verschiedenen Teilen besteht – auf der Bühne kommt ein Teil meines Selbst zum Ausdruck, der in der Alltagswelt nicht ständig präsent ist oder präsent sein kann. Ich lasse mich auf die Beschaffenheit der jeweiligen Welt ein. Ich konzipiere meine Rolle als Bühnenmusikerin auch nicht komplett durch – das Wichtige ist für mich empathisch mit der Bühnensituation umzugehen, spontan, möglichst unbefangen und unvoreingenommen zu sein. So gibt man dem Moment einen
einzigartigen Wert und auch die Möglichkeit, eine Verbindung zwischen der Musik, dem Musiker und dem Publikum tiefer und einmalig entstehen zu lassen. Sich auf den Moment einzulassen – das inspiriert mich auf jeden Fall auch für die Stunden, in denen ich nicht auf
der Bühne stehe.

Anfangs erwähnt ist „Vision“ von deinem Album „Never Own“ ein ganz besonderer Song – genauer gesagt die Wirkung des unscheinbaren Wechsels bei 3:34 Minuten. Wie gelingt einem als Musiker ein solch hypnotischer Moment?
Vielen Dank – ich finde es schön, dass du sagst, der Moment sei hypnotisch, in „Vision“ geht es um das Hypnotische, das Traumhafte. Ich glaube, es ist gut, wenn man dem Ursprungsgefühl erst genug Raum gibt sich frei zu entwickeln und es dann im Arrangement zu stärken und in Szene zu setzen versucht.

Gerät man oft in die Gefahr, seine eigenen Lieder zu überladen, zu stark zu bearbeiten oder nicht mehr loslassen zu wollen?
Das ist natürlich immer eine sehr verlockende Gefahr! In Zeiten, in denen so viele Sample-Datenbänke, Plug-Ins und auch Inspirationsquellen wie die Musik anderer Musiker so zugänglich sind, kann man sich in den potentiellen Möglichkeiten verlieren. Wenn ich das beim Songschreiben oder beim Produzieren merke sage ich mir: „Soo, genug für heute!“ Ich geh dann mal raus, treff ein paar Freunde, trinke mal einen Wein und setzte mich ein anderes Mal wieder dran. Die Musik hat eine Sogkraft auf mich, manchmal muss man
sich aber auch zum Abstand zwingen.

Du bereist seit mehreren Jahren nun Europa als Begleitung von anderen Bands oder für dich selbst. Wie ist es als junge Frau, die Welt so kennen zu lernen?
Es ist wirklich toll! Ich bin dieses Jahr quasi das ganze Jahr getourt und habe so viele unglaublich tolle Ort entdecken dürfen. Im Januar die polnischen und tschechischen Winterlandschaften, weiter nach Paris, London, Amsterdam. In der Schweiz habe ich im März zwischen verschneiten Bergen auf einem Festival in Andermatt gespielt und im gleichen Monat im blühenden, frühlingshaften Rom. Nebst der tollen Erfahrung zu reisen und neue Orte zu entdecken, sind es natürlich auch die offenen und begeisterungsfähigen Menschen, die man in der Musikszene trifft, die das Touren schön machen. Ob nun das Publikum, die Techniker, die Veranstalter – ich hatte mit allen auf meinen Europatouren tolle Erfahrungen.

Wird man als hübsche Frau auf der Bühne oft sexualisiert, oder sticht dein Talent alle Vorurteile aus?
Jeder Mensch hat Vorurteile und es ist wichtig daran zu arbeiten, dass man sie loslässt. Ich habe schon oft Sätz gehört wie „Das hätte ich dir ja gar nicht zugetraut.“ Oder „Klein, blond, zierlich und dann so eine Stimme“. Solche Kommentare zeigen ein sexistisches Denken, aber leider auch, dass es wenig Musikerinnen gibt. Es ist derzeit noch ungewöhnlich, dass Frauen Musik schreiben und produzieren und dann auf der Bühne ihre Kompositionen darbieten. Das hat sicher verschiedene Gründe, z.B. gibt es nicht viele weibliche Rollenvorbilder in dem Bereich an denen sich junge Musikerinnen orientieren können und die ihnen Zuversicht geben. Gut aussehende, tanzende Pop-Sängerinnen gibt es zu Genüge, aber ich spreche von weiblichen Vorbildern mit einer umfassenderen künstlerischen, musikproduzierenden Tätigkeit, in der die Performance nur ein Teilaspekt ist.
Es ist also eine Art Teufelskreis und es ist gut den zu durchbrechen indem man zeigt, dass man durchaus als Künstlerin in einer Männer dominierten Musikszene seinen selbstbestimmten Platz finden kann. Vorurteile mit einem wissenden Lächeln zu brechen ist eher meine Methode als mich über Vorurteile am laufenden Band zu beklagen. Aber als mir einmal ein besoffener Affe vor der Bühne zugeschrien hat, ich soll mich doch endlich ausziehen, hab ich ihn danach ziemlich zusammengefaltet. Schön, dass er dann kleinlaut wurde. Es gibt durchaus Grenzen.

Glaubst du, es ist noch möglich die Welt mit Musik positiv zu ändern? Dein Album ist europaoffen und hoffnungsvoll. Ist dies deine Wahrnehmung von Deutschland?
Ich denke auf jeden Fall, dass es möglich ist, mit Musik die Welt positiv zu verändern. Ob es explizit politische Texte sind oder nicht: Musik kann Menschen verbinden; Musik kann therapeutisch und kathartisch wirken; durch Musik können wir uns anders wahrnehmen. Sie kann uns helfen, die Welt nicht mehr nur im Licht eines neoliberalen Utilitarismus zu begreifen – sondern die Welt wieder als einen Ort voller Magie wahrzunehmen. Zumindest trifft alles auf mich zu. Ich gehe davon aus, dass ich als Musikerin auch die gesellschaftliche Aufgabe habe, dies weiterzugeben.
Gleichzeitig gewinne ich viel daraus, dass ich einige europäische Sprachen lerne und mich auf der Tour in der jeweiligen Sprache mit den Menschen verbinden kann. So fühle ich mich insgesamt eher als Europäerin als als Deutsche, das war schon immer so und hängt auch mit meiner Familie zusammen. Aber was ist europäisch? Wichtig finde ich es auch, offen zu sein für ein Europa, das sich wandelt und neu erfindet, z.B. durch Menschen, die nicht hier geboren wurden. Ich persönlich nehme ein Großteil der Deutschen hoffnungsvoll und europaoffen wahr und auch eine Politik gutheißen, die keine Zäune und Grenzen baut. Aber es gibt auch in Deutschland – wie überall in Europa derzeit – starke Tendenzen zum Rechtspopulismus und zur kulturellen Überheblichkeit, die aus Angst und Vorurteilen entstehen oder dem Gefühl, selbst politisch vernachlässigt zu sein. Da muss man gegenwirken.

luisa_photo-by-marie-hochhaus-3_swWie weit greift denn konkret Hamburg in dein Songwriting ein?
Ich würde sagen, dass mich der Ort in dem ich lebe auch immer künstlerisch prägt. Ich gehe mit meinem Umfeld immer eine Art Osmose ein. Ich bin nicht ursprünglich aus Hamburg sondern wuchs in einem Haus mit großer Familie, Hunden und Katzen direkt am Wald auf, war somit jeden Tag in der Natur. So habe ich dort mit 17 unter großen Linden meine ersten Songs geschrieben. Auch in meiner Ästhetik bin ich durch diese Prägung eher naturverbunden. Aber je länger ich in Hamburg wohnte habe ich auch die urbane Welt kennen und lieben gelernt und merke, dass die Eindrücke und Einflüsse aus dieser Stadt auch meine neue Lebensrealität und meine Inspiration sind. Das hört man auch in der Musik und wird man in neuen Kompositionen sicher auch hören.

Nebst all deinen Konzerten wurdest du nun auch an die Universität eingeladen. Wann hast du zwischen all diesen Verpflichtungen Zeit, uns allen ein neues Album zu schenken?
Ich war dieses Jahr wirklich viel unterwegs um mein Album „Never Own“ zu spielen; klar habe ich nebenbei auch geschrieben. Momentan widme ich mich wieder ausgiebiger dem Schreiben und Produzieren und spiele in den kommenden Monaten weniger Konzerte. Die Resultate teile ich aber erst wenn ich zufrieden bin. Aber könnte schon sein, dass es im nächsten Jahr etwas Neues zu hören gibt.

Und wann kommst du wieder auf einen Besuch in der Schweiz vorbei?
Ich toure echt super gern in der Schweiz und hatte dort nur tolle Erfahrungen! Also komme ich sehr gern, wenn ich eine neue CD für euch habe.

Besten Dank für deine Antworten – und natürlich deine tolle Musik.
Vielen Dank für deine tollen Fragen!

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s