Live: Yann Tiersen, Tonhalle Zürich, 16-10-18

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Yann Tiersen
Dienstag 18. Oktober 2016
Tonhalle, Zürich

Vielleicht war es doch nicht die beste Entscheidung, Taschen und Jacken an der Garderobe abzugeben. Denn gleich nachdem das Saallicht ausging und sanfte Klänge aus dem Klavier einen wunderschönen Konzertabend einleiteten, fühlte man sich kilometerweit weg in die Natur transportiert. Die Macht der klassischen Musik nahm sofort alle Besucher gefangen und liess mehr als nur die Gedanken schweben. Yann Tiersen zeigte in der Tonhalle in Zürich, dass ernste Musik weiterhin funktioniert und man nur zehn Finger und wenige Instrumente für den Erfolg braucht.

Die neuste Tour bringt den französischen Künstler nämlich ohne Begleitung und in stark reduzierter Kulisse in die ehrwürdigen Konzertsäle von Europa. Zum ersten Mal darf man sein neustes Album „EUSA“ live erleben und dabei tief in die Klavierstücke eintauchen. Mit scheinbar schwerelosen Fingern zauberte der Komponist sanfte Melodien und klangvolle Akkorde aus den einzelnen Tasten und füllte im ersten Konzertteil die stillen Stellen mit Feldaufnahmen der bretonischen Insel. Krähen kreisten über den Köpfen der Zuhörer, das Meer rauschte sanft und man spazierte in Gedanken durch Felder und an Stränden entlang.

Nicht wenige Male ertappte man sich selbst dabei, eine Jacke überziehen zu wollen, um den wunderbaren Herbstabend draussen geniessen zu können. Zurückgeholt wurde man vom tosenden Applaus des ausverkauften Saales und der Begeisterung über das grosse musikalische Talent von Yann Tiersen. Denn nicht nur am Klaiver, sondern auch an der Geige und der Elektronika überraschte uns der Musiker – er spielte alte und bekannte Stücke seiner Karriere als reduzierte Versionen und voller Virtuosität. Wie bereits bei den Klavierstücken wurde zwischen meditativen Malereien und wilden Eskapaden gewechselt – man konnte nicht anders, als hochkonzentriert in der Musik aufzugehen.

Egal ob Herr Tiersen nun etwas zerlumpt aussehend am Klavier sass, am Boden kauerte oder als Einziger auf der geschmackvoll ausgeleuchteten Bühne voller schier kindlicher Lebensfreude alte und brandneue Musik zum Leben erweckte – dieser Auftritt war stets dynamisch in der Musikerfahrung, energetisch in der Präsentation und poetisch im Inhalt. Ein Konzert, dass zwischen Natur und Mensch sowie zwischen Unterhaltung und Ernsthaftigkeit die Verbindungen schlug. Man war am Ende wie betäubt von der Schönheit, und zu Recht wurde am Schluss die Intimität durch tosenden Jubel aufgebrochen.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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