Live: Jochen Distelmeyer, Bogen F Zürich, 16-09-15

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Jochen Distelmeyer
Donnerstag 15. September 2016
Bogen F, Zürich Hardbrücke

Gleich nach dem ersten Lied weiss man was Sache ist, seine spitzen Fingernägel werden von einer ebenso spitzen Zunge begleitet. Aber es hilft, denn sofort ist die Verbindung zwischen Publikum und Künstler da, es fällt auch nicht weiter auf, dass der Bogen F in Zürich schon stärker gefüllt war. Jochen Distelmeyer braucht keine schreienden Massen, er will ein konzentriertes und aufnahmefähiges Publikum, dann funktionieren seine Lieder am besten. Wobei, eigentlich zeigte er an seinem Soloauftritt im Viadukt ja fast nur fremdes Material. Gerissen wie der ehemalige Frontmann von Blumfeld aber ist, fiel dies gar nicht auf.

Es zählt schon zu der hohen Kunst, Liedmaterial von den Bee Gees, The Verve, Radiohead oder Lana Del Rey zu mischen, und dies ohne Brüche oder Stolperfallen. Distelmeyer zuckte nicht einmal mit der Wimper und fand zwischen allen Liedern die perfekte Überleitung. Falls nötig über zehn Umwege und Anekdoten, gerne auch gewürzt mit fast schon flachen Witzen und grosser Publikumsinteraktion. Man konnte den Mann nur gleich ins Herz schliessen und war mehr als froh, seinen Donnerstagabend im Bogen F zu verbringen. Endlich konnte man seine heimliche Liebe zu „Toxic“ von Britney Spears ausleben, lernte wie der Gitarrist bei Dr. Feelgood hiess und wie man Supertramp sexy mit Hüftschwung ausspricht.

Jochen Distelmeyer ging mit seinen akustischen Gitarren komplett auf und benötigte den Begleiter am Keyboard oft gar nicht. Auch die alten Blumfeld-Klassiker fügten sich reduziert gut an „Videogames“ oder „Tragedy“ an. Eine Rückkehr der Hamburger Schule, mit Bildungsfaktor und einem geschlossenen Kreis. Denn was mit männlichen Masturbationsfantasien begann, fand in der Textzeile von „Bitter Sweet Symphony“ sein Gegenstück: „Have You Ever Been Down?“ Nur etwas stimmt nicht ganz, Wilco benannten sich leider nicht nach Wilko Johnson. Aber egal, der Herr Distelmeyer verzauberte mit seinem Lachen, seinen Gesangmelodien und Gitarrenzaubereien. Ein wahres Lehrstück in reduziertem Pop.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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