69. Filmfestival Locarno – Samstag 16-08-06

Bild von Cornelia Hüsser

Bild von Cornelia Hüsser

69. Filmfestival Locarno
Samstag, 06. August 2016

Dank einer wunderbaren Fügung des Glücks gewann ich bei Cineman zwei Tagespässe für die 69. Ausgabe des Festival del Film in Locarno. Und da ich schon immer einmal dieses weltbekannte Filmfest besuchen wollte, hielt mit am letzten Samstag nichts davon ab, mit meiner Freundin das Tessin zu besuchen. Sicherlich, 30 Grad und strahlender Sonnenschein sprechen nicht unbedingt dafür, Stunden in dunklen Sälen zu verbringen – doch was macht man nicht alles für die Kultur der bewegten Bilder.

Und zu wenig bietet das Festival del Film in Locarno an einem Samstag auf keinen Fall. Nicht nur muss man sich zwischen neun Orten und massenhaft Filmen entscheiden, dazwischen wollen auch noch Fragenrunden, Verleihungen von Auszeichnungen und das Festivalgelände voller Essensständen, Bars, Partyzelten und Boutiquen besucht werden. Kein Wunder, vergingen die Stunden wie im Flug und die Heimreise in der tiefen Nacht war schneller da als man Cinema schreien kann. Durch unsere geschickten Überlegungen schafften wir es aber, zwei Spielfilme als Weltpremiere, eine Dokumentation mit Anwesenheit des Regisseurs und einen fordernden Kurzfilmeblock zu geniessen.

Sicherlich, das Highlight des Festivals sind jeden Abend die Präsentationen von neusten Filmen aus aller Welt auf der wunderschönen Piazza Grande. Gleich zwei französische Produktionen durften in dieser warmen Sommernacht genossen werden – nachdem der amerikanische Schauspieler Harvey Keitel für sein Lebenswerk geehrt und ausgezeichnet wurde. Ein toller Moment, bekannte Stars wie ihn endlich in echt sehen und erleben zu dürfen. Das Gespräch mit Regisseur Gaspar Noé verpassten wir leider, doch dieser Kurzauftritt unter der riesigen Leinwand machte diesen Umstand wieder wett.

Cessez-le-feu
Regie: Emmanuel Courcol /Frankreich, 2016
Das Leben nach dem ersten Weltkrieg war für die Überlebenden kein einfaches – so finden auch die Brüder Marcel und Georges weder zueinander noch zum Frieden. Und leider findet auch dieser Film weder die richtigen Mittel noch die Tiefe, welche dieses Thema verdient hätte. Zu schnelle Szenenwechsel, zu platte Figuren – aber toll bebildert.

Dans la forêt 
Regie:Gilles Marchand / Frankreich, 2016
Mit seinen Söhnen verschwindet der Vater im schwedischen Wald – und scheint dabei nicht zu sein, was er scheint. Er schläft nie und wird immer ungehaltener. Ist er etwa der Teufel? Und genau so beklemmend wie diese Geschichte ist auch der Film von Marchand. Mit fesselnden Bildern und einer albtraumhaften Klangkulisse entführt er in eine Unterwelt voller psychologischer Fragen und Horrormomente. Echter Tipp für alle Thriller-Fans.

Bezness as usual
Regie: Alex Pitstra / Niederlande, 2016
Urlaub in Tunesien – früher das perfekte Mittel, um von seinen Problemen in Europa loszulassen und das Leben zu geniessen. Doch viele Frauen kehrten nicht nur mit einem neuen Mann, sondern auch einem Kind zurück. So erging es auch der Mutter von Regisseur Pitstra, der mit dieser einfühlsamen und extrem spannenden Dokumentation die Geschichte seiner Familie und seines tunesischen Vaters ergründet. Die Spurensuche führt dabei nach Basel, Lappland und in die merkwürdigen Eigenheiten einer fremden Kultur. Grossartig!

Setembro  
Regie: Leonor Noivo / Portugal, Bulgarien, 2016
Ein Kurzfilm über die Rückkehr einer Mutter mit ihrem Sohn nach Portugal. Erzählt in bedeutungsschwangeren Bildern und einer leisen Tonspur. Für meinen Geschmack etwas zu lose und nicht zwingend genug.

Cilaos
Regie: Camilo Restrepo / Frankreich, 2016
Auf der Insel La Réunion sucht eine Frau ihren Vater – und findet Rätsel und musikalische Abenteuer. Erzählt in Maloya-Rhythmen ist der Kurzfilm mehr Traum als Geschichte, aber bietet eine starke Anziehungskraft.

Sredi cheornyh voln
Regie: Anna Budanova / Russland, 2016
Der Animationsfilm basiert auf einer alten Legende, nach der ertrunkene Frauen sich in Meerestiere verwandeln. Wunderbar gezeichnet und in perfektem Tempo inszeniert zeigt uns Anna Budanova den Versuch eines Jägers, eine solche Frau als Mensch bei sich zu behalten.

Nuestra amiga la luna
Regie: Velasco Broca / Spanien, 2016
Dieser Kurzfilm sperrt sich jeglicher Definition, weder im Alter noch in der Form. Visuell berauschend und erzählerisch springend ist diese Arbeit eher ein Märchen als ein klassisches, bewegtes Bild. So sah man den Ganges noch selten.

Etage X
Regie: Francy Fabritz / Deutschland, 2016
Zwei Frauen stecken im KaDeWe im Lift fest und lassen alle Hemmungen fallen. Was zuerst wie eine Komödie anmutet, wird immer mehr zu einem Fetischtraum und schlägt eine Richtung ein, die man nie erwartet hätte. Sehr lustig, aber für mich dann doch eine Spur zu extrem.

Offen, interessant, fordernd und abwechslungsreich – das Programm am Festival del Film in Locarno bietet nicht nur für jeden Cineasten spannende Entdeckungen, sondern lädt dazu ein, unsere Welt aus vielen neuen Blickwinkeln zu betrachten. Dies wird bestimmt nicht mein letzter Besuch dieser Veranstaltung gewesen sein, und gerne zeige ich mich auch nächstes Jahr wieder in Locarno.

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