Monat: April 2016

Coldplay – A Head Full Of Dreams (2015)

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Coldplay – A Head Full Of Dreams
Label: Parlophone, 2015
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Pop

Manchmal will man noch eine Ehrenrunde drehen, sich noch einmal allen zeigen, hat doch noch einen letzten Gedanken, den man mitteilen muss – und manchmal hört man einfach zu spät auf. Sicherlich ist es ja eigentlich löblich, dass sich Coldplay bei ihrem letzten Album nun etwas aus der Trauer und Melancholie lösen können. Aber musste dies unbedingt auf Kosten des künstlerischen Anspruchs geschehen? Oder wurde ihnen zuerst das Cover vorgelegt, und die Musiker mussten ihre Lieder dann der bunten Collage anpassen?

Wie das Album klingt, das wissen wohl alle. Die Vorabsingle „Adventure Of A Lifetime“ tötete effizient via Radioübertragung und Stream tausende von Nerven und Launen. Das Lied bewegt sich so billig in fröhlichem Pop, dass man der Band am liebsten die klimpernden Gitarren und Hintergrundgesänge in den Rachen stopfen würde. Aber natürlich hört sich nicht alles so schlimm an, wie man nun denken könnte. Sicherlich zeigen Coldplay auf „A Head Full Of Dreams“ grossartig, wie sich eine Band anhört, der nichts Interessantes mehr einfällt. Einfache Ideen werden mit vielen Mittel der Produktionskunst aufgeblasen, Gesangsmelodien sind fast nervtötend und die Instrumente versuchen sich aus dem Sumpf des Mittelmasses zu retten. Lustig ist bei dieser Platte, dass eigentlich nur die traurig wirkenden Lieder wirklich funktionieren. „Birds“ oder „Everglow“ versuchen die alten Gefühle wieder herbei zu zaubern, scheitern jedoch gegen die Gummibärenübermacht. Wenn sich dann plötzlich noch Gaststars wie Beyoncé oder Barack Obama auftauchen, dann verbiegen sie diese genau so unpassend wie „Amazing Day“. Denn hier nimmt R’n’B überhand und zeigt unweigerlich: Mit diesem süsslichen Werk haben sich Coldplay keinen Gefallen getan.

„A Head Full Of Dreams“ lässt sich anhören, aber nur wenn man durch etwas anderes abgelenkt wird und dabei die schlimmsten Stellen gleich wieder vergisst. Im Gegensatz zum direkten Vorgänger „Ghost Stories“ ersticken die wenigen Ideen an Lustlosigkeit und Auftragswirkung. Coldplay wollen in Zukunft keine Alben mehr veröffentlichen und verabschieden sich momentan von den Bühnen der Welt – man kann es ihnen nicht verübeln. Die Gruppe wird verloren und energetisch entladen. Schade, ihr Stern schien zu Beginn der Nullerjahre doch so hell.

Anspieltipps:
Birds, Everglow, Colour Spectrum

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Media Monday #251

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Hoffen wir jetzt bereits auf die 500? Wie auch immer, nach den Festlichkeiten geht es beim Medienjournal gewohnt weiter. Von meiner Seite mit kleiner Verspätung, weilte ich doch für ein paar Tage in Berlin.

1. Enttäuschung drückt nicht annähernd aus, was ich empfand, als ich in Berlin im Lego Store stand und all diese wunderschönen „Star Wars“-Sets betrachtete – und dann doch mit leeren Händen den Laden verliess. Was man nicht alles für die Vernunft macht.

2. Wenn andere so über Vinyl reden, dann höre ich meist gespannt zu. Auch bei diesem netten Kurzbericht über den Record Store Day von RBB sieht man liebe Menschen und das freudige Glänzen in den Augen. Man sieht mich übrigens ganz kurz beim furchtlosen Suchen nach Schätzen.

3. Manchmal fragt man sich ja, was die Verantwortlichen sich bei der Auswahl der Filmtitel denken, wie etwa bei „Miss You Already“, der in Deutschland wunderschön und prägnant mit „Im Himmel trägt man hohe Schuhe“ übersetzt wurde. Ja klar, weil ein Film der eher weibliches Publikum anspricht, muss ja mit Mode in Verbindung gebracht werden. Auch wenn dies dem eigentlich Inhalt komplett vorbei zielt und nun nach einem doofen Groschenroman klingt.

4. Bei historischen Stoffen werde ich meist nicht sehr aufgeregt. Doch zu erfahren, was die Muster und Farben auf den handgeknüpften Teppichen des Berber-Volkes in Marokko bedeuten, das war schon sehr spannend. Der Museumsführer machte daraus dann auch gleich ein kleines Quiz, meine Freundin und ich schlugen uns nicht einmal so schlecht.

5. Vom Set-Design her sind die klassischen James Bond Filme ja immer noch grossartig und wegweisend. Ken Adam war ein Visionär und schuf architektonische Meisterleistungen.

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6. Eines der wohl meistbemühten Klischees ist es ja wohl, dass man als Tourist immer nur den bekannten Markenketten und Fast Food Restaurants hinterher rennt. So war es ein wunderbar schlimmes Bild, am Alexanderplatz Leute mit Primark-Taschen aus dem Vapiano kommen zu sehen. Da gehe ich lieber in kleine Geschäfte und tolle Restaurants in Nebenstrassen.

7. Zuletzt habe ich vor der Reise nach Berlin „Snowpiercer“ geschaut und das war genau so wie ich es mir erhofft hatte, weil der Film sich nicht nur neben den Genrekonventionen bewegt, sondern aufzeigt, dass Comicverfilmungen anders aussehen können. Und gewisse Schauspielerinnen laufen echt zu Höchstform auf.

Der dunkle Turm – Abschluss Stephen King Projekt 2016

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Erstaunlich schnell ging dies nun! Für den Vorsatz, alle acht Bände des „The Dark Tower“ Zyklus von Stephen King zu lesen, benötigte nur vier Monate. Diese Tage und Wochen zogen sich leider manchmal schier unendlich in die Länge, denn diese Romane stellten sich als mühsam und widerspenstig heraus. Was zuerst nach einem lockeren Lesevergnügen aussah, endete in einer mittleren Katastrophe. Schade, ich hatte mir mehr erhofft. Doch Fantasy scheint auch als Genremix und von King geschrieben nicht mein Ding zu sein. Doch genaueres lest ihr unten.

Gesamtkritik
„The Dark Tower“ ist als Zahlenspiel mehr als beeindruckend: Acht – teils überlange – Romane, geschrieben zwischen 1977 und 2011. Somit eine Jahrzehnte und Generationen überspannende Saga, alles aus dem Kopf des Horror-Meisters Stephen King. Von allen Seiten her liest man lobende Worte, Hollywood versucht sich 2017 an einer Verfilmung. Lange schon wollte ich diese Bücher selber austesten und mir das Epos zu Gemüte führen. Doch hoppla, so genial ist alles ja gar nicht.

Obwohl King besonders am Anfang überzeugende Arbeit leistet und eine faszinierende Welt erschafft, zerfällt diese jedoch schnell wieder. Der Stilmix zwischen Fantasy, Western, Horror und Sci-Fi ist zuerst frisch, dann verzettelt. Positiv ist wieder einmal anzumerken, dass King seine Charaktere perfekt beschreiben und zum Leben erwecken kann. Viele dürfen auch eine spannende Entwicklung durchmachen, so wird Roland vom Helden zur verzweifelten Nebenfigur und der Junkie Eddie wird zu einem waschechten Heroen. Lieder gibt es auch hier immer wieder Ausfälle, besonders die Figur von Susannah fand ich oft nervig. Und dieses Gefühl zieht sich durch alle Aspekte von „The Dark Tower“. King wollte zu viel, verlor sich in all seinen Einfällen und Geschichten und versuchte am Ende verkrampft alles in die geplanten Bahnen zu lenken. Somit wirken die Geschichten zu forciert, zu steif – und der Kniff, die Figur des Stephen King einzuführen ist einfach nur peinlich. Sicherlich, das Auftreten des Autors in seinem eigenen Werk ist kein neuer Trick, doch selten wurde es so schlecht ausgeführt wie hier.

Als Gesamtwerk gesehen ist „The Dark Tower“ somit von Unstimmigkeiten, Leerläufe, langweiligen Nebenschauplätzen und Löcher durchzogen. Was zuerst flott und spass zu lesen ist, wird mühsam und arbeitsintensiv. Freunde der Fantasy und ausschweifenden Erzählweise finden bestimmt viel Freude an dieser Saga, für mich war es doch zu ziellos.

Durchschnittliche Bewertung: 2.63 von 5 Punkte.


Einzelkritiken

Band 1: The Gunslinger
(2013) Der erste Band des Epos von Stephen King, eine faszinierende Mischung aus Horror, Fantasy und Sci-Fi. Sprachlich an gewissen Stellen noch nicht so gewandt wie bei seinen späteren Büchern, die Geschichte aber packt und stellt dem Leser viele Fragen. Die Antworten liefert der Band nicht, dafür Lust bald mit dem zweiten Teil weiter zu machen.
(2016) Auch beim zweiten Mal lesen macht der erste Teil der „The Dark Tower“-Saga immer noch Spass. Erstaunlich wie einfach und kurz King hier eine gesamte Welt und viele Figuren zeichnet, ohne hunderte von Seiten zu füllen. Diese Fähigkeit scheint er später etwas verloren zu haben. Auch macht die Mischung aus Horror, Western, Fantasy und Sci-Fi sehr viel Spass. Natürlich ist man am Ende ratlos, aber man weiss ja, dass noch viele Seiten folgen werden.
4 von 5

Band 2: The Drawing Of The Three
Im zweiten Teil von „The Dark Tower“ leitet King seine Geschichte ein Stück weit vom Fantasy-Horror weg und entspinnt mit „The Drawing Of The Three“ ein harter Krimi. Roland versucht verletzt und krank seine drei Helfer aus verschiedenen Zeitzonen unserer Welt zu ziehen. Mehr passiert eigentlich nicht, aber es ist dem Talent des Autors zu verdanken, dass dieser Inhalt ausreicht um 450 spannende Seiten zu füllen.
Dank den wunderbar beschriebenen Charakteren, den geschickten Zusammenhängen und vielen neuen Fragen macht auch der zweite Teil viel Spass. Das Buch ist zwar weniger mystisch, wirkt aber runder. Auch wenn es nur wie eine Überleitung zu den wichtigen Teilen wirkt.
4 von 5

Band 3: The Waste Lands
„The Waste Lands“, seines Zeichens der dritte Band in der The Dark Tower Saga von Stephen King, ist ein Meilenstein. Gunslinger Roland hat seine Helfer beisammen, die Gruppe reist durch die wilde Landschaften und landet in der zerstörten Stadt Lud. Natürlich lauern an jeder Ecke Gefahren.
Sprachlich wunderbar und im Aufbau bis zum letzten Wort durchdacht, hat King hiermit eines seiner besten Bücher geschrieben. Es treibt nicht nur die Saga vorwärts, sondern präsentiert tolle Charaktere und eine überbordende Fantasie. Sicherlich funktioniert der Roman nur wirklich in der Reihe, strahlt da aber über alle hinaus.
5 von 5

Band 4: Wizard And Glass
Stephen King war leider noch selten ein Meister der Kürze, somit gerät auch die Reihe um den dunklen Turm im vierten Band endgültig in den Strudel der hunderten von Seiten. „Wizard And Glass“ taucht dabei tief in die Vergangenheit von Roland ab und erzählt eine Abenteuergeschichte um Raub, Liebe und Hexerei.
King lässt das Buch leider stark zu einem Western verkommen und verliert etwas von der spannenden Stilrichtung. Somit hatte ich Mühe den Roman als fesselnd zu empfinden, weder Genre noch Geschichte faszinieren mich. Viel lieber hätte ich erfahren, was das Ka-Tet nun alles erlebt. Die Herkunft und Kindheit von Roland wäre auch als Schatten und Mysterium passend gewesen. Das Buch ist für mich der bisherige Tiefpunkt in der Saga, kann am Ende mit der Oz-Parabel aber wieder punkten.
3 von 5

Band 5: Wolves Of The Calla
So langsam nervt mich King mit seinem dunklen Turm endgültig. Anstatt die interessante und vielschichtige Hauptgeschichte voran zu treiben, verliert er sich im fünften Band der Reihe in langweiligen und zähen Nebenfiguren und Randereignissen. Das bisher längste Buch der Saga ist nicht nur schwach erzählt, sondern auch sprachlich oft nervig. So werden Phrasen und Kunstwörter bis zum Erbrechen wiederholt. Ebenfalls ist es nicht faszinierend sondern stümperhaft, scheinbar wichtige Details wie die Zahl 19 auf fast jeder Seite zu erwähnen und in das Buch einzubringen. Natürlich ist es faszinierend, dass er nun „Salem’s Lot“ und somit seine sonstige Romanwelten in die Geschichte einflechtet und dazu unsere Realität plötzlich im Buch erscheinen lässt. Doch diese wenigen positiven Aspekte gehen unter der Last der tausenden von Wörtern über doofe Bewohner von Calla und ihren hirnrissigen Dialekt unter. Es ist immer ein sehr schlechtes Zeichen, wenn man fast ein komplettes Buch überspringen könnte und trotzdem von der Geschichte nichts wichtiges verpasst.
2 von 5

Band 6: Song Of Susannah
You write true. I say f*ck ya.
Dieses Buch ist so schlecht, dass eine Veröffentlichung wohl nur geschah, weil der Autor Stephen King heisst. „The Dark Tower“ verkommt langsam zu einer mühsamen Pflichtübung, die Geschichte verläuft wackelig auf Bahnen, die vor Jahrzehnten zu Recht gelegt wurden und nun ohne Kompromisse begangen werden. So ist es einfach nur billig und zum Fremdschämen, wenn King sich als handelnde Figur ins Geschehen einbringt, mit Mina plötzlich aus dem Nichts eine neue Persönlichkeit von Susannah herbeizaubert, den verdammten Dialekt seitenweise ausschlachtet und konstant von der Nummer 19 schreibt. Ja, ich habe es begriffen: Die Nummer ist wichtig, Ka und Ka-Tet sind zentrale Elemente. Aber dies muss nicht alle fünf Seiten wiederholt werden, und man darf eine Geschichte auch mal anpassen oder umschreiben. Diese Saga wird immer verwirrender, sinnloser und zäher – ein Buch, das nur ermüdet – auch weil King scheinbar seine eigenen Rätsel nicht beantworten kann oder gar wieder vergessen hat.
2 von 5

Band 7: The Dark Tower
Da sind wir nun also, am Ende der Reise und vor dem dunklen Turm. Und was bleibt? Ein bitteres Gefühl, ein entnervter Zustand und die typischen Stephen King Krankheiten. Doch beginnen wir von vorne:
Was bei „The Gunslinger“ als kurzweiliger Genremix begann, der auf wenigen Seiten eine faszinierende Magie entfaltete, verlor sich immer mehr in sinnleeren Nebengeschichten und ewig langen Texten über nichts. King versuchte krampfhaft, mit „The Dark Tower“ ein Epos auf die Beine zu stellen, das alles in den Schatten stellen sollte. Leider zeigt es vor allem seine Schwächen als Autor auf.
Der abschliessende Band „The Dark Tower“ ist somit wiederum viel zu lange geraten, beantwortet entscheidende Fragen nicht, hält sich mit Nebensächlichkeiten und neuen (langweiligen) Figuren auf, versucht erneut, den Autor selber als Charakter hoch zu halten und zerfällt am Ende dann komplett. Gewisse Passagen machen zwar wieder viel Spass, als Ganzes funktioniert das Buch aber nicht wirklich. Die Geschichte nervt, wird – durch verkrampft festgelegte Punkte – unübersichtlich und wirr und schliesst die Saga überschnell und plump ab.
Schade, diese Reise war es für mich nicht wert beschritten zu werden.
3 von 5

Band 8: The Wind Through The Keyhole
Wenn Stephen King noch etwas zu sagen hat, dann macht er es auch richtig – in Buchform und ausgearbeitet. Somit serviert der Autor uns allen mit diesem Roman noch eine letzte Episode aus der Saga des dunklen Turms. Eingepasst zwischen Band 4 und 5 vermochte das Buch meine Aufmerksamkeit nur wenige Seiten zu tragen. Dabei hätte man den Inhalt so viel passender präsentieren können.
Das Hauptproblem besteht darin, dass King in diesem Buch drei Geschichten ineinander verschachtelt, und diese somit minderwertig aufstellt. Der Roman gaukelt uns vor, weitere spannende Abenteuer von Roland und seinem Ka-Tet zu erzählen, dies dient aber auf wenigen Seiten nur dazu, eine Geschichte aus Rolands Kindheit zu präsentieren. Doch auch diese Erzählung wird nach wenigen Seiten unterbrochen und man kämpft sich durch über 160 Seiten, bestehend aus einer komplett irrelevanten und mediokren Sage. Das trägt nichts zur Geschichte des dunklen Turms bei, noch ist dieses Märchen besonders interessant. Die Leselust verging mir somit sehr schnell.
Wieso hat King diese Kurzgeschichten nicht losgelöst gesammelt und dann als „Weitere Geschichten und Sagen aus der Welt des dunklen Turms“ präsentiert? Das wäre ehrlicher gewesen und hätte keine falschen Hoffnungen geweckt. Somit ist dieses Buch eigentlich überflüssig und vergreift sich sogar teilweise in der Charakterisierung gewisser Figuren. Schade lieber Stephen, vielleicht ist Mid-World doch keine Umgebung für dich.
Ein Punkt scheint vielleicht ungerechtfertig für den Inhalt und Schreibstil – doch das Buch hat mich von Anfang bis Ende nur enttäuscht und nie Lesespass generiert. So etwas unter dem Banner „The Dark Tower“ zu publizieren ist eine Frechheit.
1 von 5

Danke und tschüss. Stephen King wird nun für einige Zeit im Regal liegen gelassen, Fantasy wohl für immer. Autsch. Auf den Film freu ich mich, wegen den Schauspielern, trotzdem.
Und wie erging es euch so?

Anna Känzig- Sound And Fury (2016)

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Anna Känzig – Sound And Fury
Label: Columbia, 2016
Format: CD
Links: Künstlerin, Facebook
Genre: Pop

Als damals Bob Dylan von der akustischen zu elektrischen Gitarre gewechselt hatte, schockierte dies einen Grossteil seiner Fans und der gesamten Musikgemeinde. Eine solche Reaktion heute zu erreichen ist einiges schwieriger – in der Musik kennt man schliesslich nur noch wenige Grenzen. Trotzdem, „Sound And Fury“ von der Zürcher Künstlerin Anna Känzig wird so beworben – atmen ihre Lieder schliesslich nun die Luft des Pathos und der Electronica. Eine gute Richtung, doch irgendwie ein paar Jahre zu spät.

Frau Känzig spielt schon lange Gitarre und singt gerne Lieder über den Alltag. Für ihre neuste Veröffentlichung wendet sie sich aber der modernen Popmusik zu und lässt die Singer-Songwriter-Kluft im Schrank. Bereits mit „Get Out“ unterstützt sie ihre Melodien und den Gesang mit grossen Synthflächen, Beats und euphorischem Gesang. Dabei stellt sie sich auch mit ihrem hübschen Auftreten in die Reihe von Ellie Goulding und Konsorten, eine illustre Gesellschaft. Man summt mit, man wippt mit dem Fuss und merkt plötzlich: Irgendetwas fehlt auf „Sound And Fury“. Obwohl es der Titel verspricht, vermisst man Wildheit und Raserei. Liedern wie „House Of Cards“ oder „Suburban Sky“ fehlt der Durchhaltewillen. Oft schleicht sich das Gefühl ein, Anna Känzig habe hier extra das Tempo raus genommen und sich der Zurückhaltung geübt. Ein Fehler, denn viele Ideen vermögen die Lieder nicht während der drei bis vier Minuten zu tragen, das Album erhält zu schnell einen abgenutzten und langweiligen Belag. Dass es auch anders geht, zeigt die Musikerin bei „Lights Go Out“ oder „Bonnie & Clyde“. Diese Stücke sind eingängig, unterhalten und machen auch Spass. Hier fügen sich die grossen Gesten der elektronischen Mittel wunderbar mit ihren intimen Gedanken zusammen. Nur passiert dies halt leider zu selten.

Anna Känzig ist talentiert und umgibt sich mit den richtigen Menschen, doch leider will ihr neustes Werk „Sound And Fury“ nicht so richtig zünden. Nach mehrmaligem Hören weiss man, die Schweiz hinkt in gewissen Strömungen leider immer vier oder fünf Jahre hinterher. Mit diesem Album wäre Anna Känzig um 2010 gross herausgekommen, heute reicht es leider nur für das Plätschern im Radio. Schade, denn liebenswürdig und aufrichtig sind ihre Songs immer.

Anspieltipps:
Get Out, Bonnie & Clyde, Lights Go Out

Live: Impetus Festival, Les Docks Lausanne, 16-04-08

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Impetus Festival
At The Drive-In, La Muerte, Le Butcherettes
Freitag 08. April 2016
Les Docks, Lausanne
Setliste von At The Drive-In

„Dancing On The Corpses‘ Ashes“ – und das meinen die ernst. Der gesamte Konzertraum, prall gefüllt mit Leuten und Bierlachen, singt – nein, schreit – die Zeile der Band entgegen, welche mit ohrenbetäubender Musik entgegenhält. Es ist dabei nicht wichtig, ob man alle Finessen heraushört, ob man klaren Gesang vernimmt oder das Konzert für sich geniessen will. Die Rückkehr der Post-Hardcore-Legende At The Drive-In dient nicht der Zelebrierung von Details, sondern dem Triumph des Zusammenhaltes und der Euphorie gegenüber Streit und Egoismus. Die Band aus den USA hat sich nach ewig langen Jahren wieder zusammengetan und erobert nun erneut Europa.

Ihr einziger Auftritt in der Schweiz fügte sich perfekt in das Programm des Impetus-Festival in Lausanne ein und lockte dabei nicht nur Menschen aus den umliegenden Kantonen, sondern auch aus Deutschland, Wales und vielen weiteren Ländern an. At The Drive-In sind immer noch eine Macht – ein Umstand, den auch das Konzert bewies. Entgegen vieler Ängste zeigte sich die Band gut gelaunt und bereit, ihr Vermächtnis zu vergrössern. Bereits mit „Arcarsenal“, dem brachialen Einstieg in den Auftritt, verloren alle Zuschauer die Beherrschung und der Saal des Les Docks wurde ein einziges Tollhaus.

Auch wenn Gitarrist Jim Ward die Band nicht mehr begleitet, es fühlte sich wieder an wie in den wilden 90er-Jahren. Bereits kleine Andeutungen von den messerscharfen Riffs, den genialen Schlagzeugmustern oder dem unberechenbaren Gesang von Cedric Bixler lassen alle aufjubeln. Wie ein tonnenschwerer Güterzug, auf mit über 300 Megaherz geladenen Schienen rasten At The Drive-In heran, Bixler sprang immer wieder in die Menge und Omar Rodriguez führte die Band in experimentelle Instrumentalpassagen. Wilder Post-Hardcore mit viel Noise von feinster Güte, schönster Krach und Balsam für einsame und verletzte Seelen – solche Wiedervereinigungen rechtfertigen alles.

Wobei nicht nur die Amerikaner als Rückkehrer in Lausanne ankamen, auch die düstere Post-Metal / Doom-Rock Band La Muerte aus Belgien formierte sich 2015 endlich wieder neu. Verkleidet und mit Kerzen beleuchtet bretterten die Musiker los, wie in einem Horror-Roadmovie auf staubigen Strassen. Die Lieder waren lang, voller tiefer Gitarrentöne und wilden Growls. Gespenstisch und wirkungsvoll – und genau das Gegenteil von der ersten Gruppe am Impetus Festival. Denn Le Butcherettes aus Mexico waren offenherzig, spielfreudig und wie aus einem verrückten Puppentheater entfallen.

Geführt von Teri Gender Bender – die wie ein tanzender Teufel über die Bühne fegte – schmiss das Trio eine abgefahrene Mischung aus mexikanischer Herkunft, Garage-Punk und Rockabilly von der Bühne. Harte Rhythmen mit vielen Wechseln, Basstöne wie Schiffsrümpfe die aneinander reiben und Orgelklänge mit schrillem Gesang: Eine klangliche Urgewalt, die man so selten antrifft. Komplett in rot gehüllt überraschte die Gruppe alle Anwesenden und sorgte für einen perfekten Start in den erfüllenden und glücklich machenden Festivalabend. Willkommen zurück an alle, bleibt für immer!

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Motorpsycho – Here Be Monsters (2016)

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Motorpsycho – Here Be Monsters
Label: Stickman Records, 2016
Format: Vinyl im Gatefold, mit CD
Links: Discogs, Band
Genre: Psychedelic Rock, Retro-Rock

So langsam glaube ich, die Referenzen der Albumtitel beziehen sich auf die Musiker hinter Motorpsycho selber. Denn was die norwegische Band seit Jahrzehnten vollbringt, kann unmöglich von Menschenhand geschaffen sein. Monster und Fabelwesen haben bestimmt ihre Klauen im Spiel und leiten die Künstler auf ihrem Weg. Denn warum sollte sonst eine trocken anmutende Auftragsarbeit zum 100. Geburtstag des Norwegischen Technischen Museums zu einem weiteren Meisterwerk in Folge anwachsen? Voller genial geschriebener und gespielter Rockmusik? Eben, das schafft doch niemand in dieser Frequenz.

„Here Be Monsters“ ist aber auch eine kleine Rückbesinnung, ein Gesundschrumpfen. Als die neue Musik aufgenommen wurde, konnte das Mitglied Ståle Storløkken leider nicht teilnehmen und machte dafür mehr Platz für Thomas Henriksen. Dieser drückt an den Synths und Orgeln genau so heftig auf die Tasten und der Umstand wird nie zu einem negativen Punkt. Dabei wandelt sich auch die Stimmung des Albums, denn Motorpsycho nehmen wieder etwas Abstand vom schweren und komplexen Prog der letzten paar Veröffentlichungen. Lieder wie „Lacuna / Sunrise“ oder „I.M.S.“ zeigen die Gruppe wieder im entspannteren Gebiet des psychedelischen und retroaktiven Rock. Die Musiker nehmen sich Zeit für ihre Figuren und Melodien, formen genüsslich die Akkorde um und lassen die Stücke auf perfekter Höhe schweben. Monster schleichen sich auch in der Musik ein, denn mit „Spin, Spin, Spin“ covern Motorpsycho H.P. Lovecraft aus den USA und landen mit gewellten Haaren in San Francisco. Wer sich mit den Norwegern auskennt, der denkt wieder zurück an „Timothy’s Monster“ oder „It’s A Love Cult“. Natürlich betören weiterhin die genialen Gitarrenmelodien, der groovende Bass und die hypnotischen Schlagzeugmuster – jetzt aber auch mit Chorgesang und fliegender Harmonie.

„Here Be Monsters“ fliesst, ist in sich geschlossen und eine weitere, perfekte Platte aus dem nordischen Kosmos des Rocks. Motorpsycho können komponieren was sie wollen, ihre Lieder sind immer vollendeter als die der Konkurrenz. Dass sich ihre neuste Platte nun wieder zugänglicher zeigt ist schön, denn man kann das Album gleich von Anfang an lieben. Und mit den süssen Fledermäusen auf dem Cover wird man schon im Design auf die richtige Fährte gelockt: Reduziert und doch perfekt ausgeführt.

Anspieltipps:
Lacuna/Sunrise, Spin Spin Spin, Big Black Dog

Suede – Night Thoughts (2016)

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Suede – Night Thoughts
Label: Warner Music UK, 2016
Format: Doppelvinyl im Gatefold, mit Download
Links: Discogs, Band
Genre: Indie, Rock

Wenn es etwas länger dauert, dann ist die Überraschung oft umso grösser. Mein Erstkontakt mit Suede ist nun also die zweite Veröffentlichung seit ihrer Wiedervereinigung, und nicht etwa eines der klassischen und viel gefeierten Alben. Doch „Night Thoughts“ ist ein perfekter Einstieg, um die Geschichte der wichtigen englischen Band von hinten aufzurollen und dabei schon jetzt die Vorzüge geniessen zu können. Suedes neuste Scheibe ist ein konzeptuell gehaltenes Album, wird durch einen Film begleitet und klingt in vielen Situationen überlebensgross – Alltag aus England also.

Liebe, Verlust und Tod – was geistern nicht immer alles für beängstigende und schwere Gedanken durch die Köpfe der Menschen, die den Schlaf suchen. Schnell wird aus der Erholung grosse Sorge, der Austausch muss her. Musikalisch sind solche Momente nicht einfach zu transportieren, Suede waren aber schon immer Meister der Gestik. „Night Thoughts“ weiss somit von der ersten Minute an mit elegischen Melodien, Orchesterunterstützung und wahrlich fantastischer Gitarrenarbeit zu überzeugen. Die erste Seite ist dabei genial gelungen, alles fliesst und die Lieder sind geschickt untereinander verknüpft. Lieder wie „Not Tomorrow“ oder „Outsiders“ wirken riesengross und sind klangliche Kathedralen. Riffs und Licks der Gitarren sind wunderbar, holen das Beste aus den Stücken heraus und transportieren die Band auf eine neue Ebene. Auch der Gesang von Brett Anderson verführt und schmeichelt – Suede sind also endlich wieder auf Augenhöhe mit ihren Grosstaten der 90er-Jahre. Indie-Rock mit viel Emotion und Können – ein Album, das sich als Ganzes wahrlich lohnt und sogar die begleitenden Singles übertrumpft. Denn mit wiederkehrenden Melodien, doppeltem Einsatz des Intro und umfassendem Thema ist „Night Thoughts“ wahrlich eine Neudefinition des Albumbegriffes.

Sicherlich, die zweite Hälfte weiss leider nicht so mitzureissen wieder Einstieg, trotzdem erholt sich das Werk gegen den Schluss wieder und webt geschickt die Atmosphäre weiter. Suede wissen immer noch, wie man den alternativen Rock spannend gestalten kann und haben hier eine Grosstat vorgelegt. Wer sich von einer gesunden Portion Bombast, überlagernden Gitarrenspuren und frechem Stolz nicht abschrecken lässt, der findet mit „Night Thoughts“ endlich wieder Gitarrenmusik für die Seele.

Anspieltipps:
Outsiders, No Tomorrow, I Don’t Know How To Reach You, Like Kids

Zlang Zlut – Crossbow Kicks (2016)

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Zlang Zlut – Crossbow Kicks
Label: Czar Of Crickets, 2016
Format: CD in Digipak
Links: Bandcamp, Band
Genre: Rock, Alternative

Immer diese Zwei-Mann-Bands – irgendwie vermögen mich solche Duos selten wirklich zu fesseln. Ein Instrument kommt immer zu kurz, etwas wird immer zu stark weggelassen. Doch zu jeder Regel gehört auch mindestens eine Ausnahme, das wissen wir spätestens seit dem Französischunterricht. Die Rolle des verändernden Faktors spielen hier Zlang Zlut, eine Band aus Basel mit Cellist Beat Schneider sowie Schlagzeuger und Sänger Fran Lorkovic. Das liest sicht nicht nur interessant anders, sondern erinnert gleich etwas an Egopusher. Im Gegensatz zu den frischen Zürcher Jungs beackern Zlang Zlut das Feld des kräftigen Rock seit sechs Jahren – und legen mit „Crossbow Kicks“ nun ihr zweites Album vor.

Dabei machen die Männer gleich von Anfang an klar, dass hier niemand mit dem Bogen gestreichelt wird. Denn Schneider bearbeitet sein Cello wie ein Gitarre, haut ein knackendes Riff nach dem anderen heraus und drückt aus allen Takten den letzten Saft. Da verkommt das Schlagzeug manchmal fast selber zur Nebensache, bis es sich vom Staunen erholt und wild herumtobt. Breaks, harte Beats und gewirbelte Figuren – die Lieder auf „Crossbow Kicks“ geben alles. Doch nur gerade Strassen herunterzubrettern wäre mit der Zeit auch zu langweilig, darum weiss das Duo immer wieder Schickanen einzubauen. Erinnerungen an Faith No More und andere Akrobaten werden wach, „Against The Wall“ zeigt zum ersten Mal im Gesang und den Harmonien viel Biss. Von da an kennt die Gruppe keine Hemmungen mehr und zerlegt zuerst die Garage und dann gleich die ganze Nachbarschaft. Obwohl die beiden Musiker mit nur wenigen Mitteln agieren, schaffen sie doch, über das gesamte Album eine Spannung aufzubauen und aus den Fellen und Saiten immer wieder Überraschendes herauszuholen. Effekte kommen zur Hilfe, Sturmgewitter übernehmen.

Zlang Zlut sind ein versiertes Duo, die sich von niemandem etwas vormachen lassen. Wieso also nicht ein klassisches Instrument mit dem Grundstein des Rockerschweisses kombinieren, alternativen Rock mit ungestümer Punkeinstellung aufmischen und alles frisch und heiss auf eine Platte pressen? „Crossbow Kicks“ macht Laune und lässt sich immer gut hören, denn die schulische Ausbildung der Herren garantiert eine Vielfalt und ein intelligenter Angriff auf die Rock-Konventionen. So etwas sorgt für gern gehörte Wellen im Rhein.

Anspieltipps:
Shake Me Up, Against The Wall, Freedom Is A Bitch

IAMX – Metanoia (2015)

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IAMX – Metanoia
Label: Orphic, 2015
Format: Vinyl im Gatefold
Links: Discogs, Band
Genre: Dark Wave, Synth-Pop

Die Welt wird wieder ein Stückchen schwerer und das Tanzen funktioniert wieder besser mit schwarzer Schminke im Gesicht und hängenden Schultern: IAMX sind wieder da und steigen erneut in ihre eigene Welt aus Synth-Pop, Selbstverstümmelung und Dark Wave ab. „Metanoia“ wurde erneut dank kräftiger Mithilfe der Fans auf die Beine gestellt und lässt diese auch nicht im Schatten stehen. Denn was IAMX hier abliefern ist ihre bekannte und geliebte Eigenständigkeit – ein Zustand, der gerne alle Grenzen durchbricht und sich selber nicht zurückhalten kann. Warum auch, die Emotionen sind einfach zu stark.

Bereits in „No Maker Made Me“ singt uns Chris Corner gegen Ende des Liedes die Zeilen heftig entgegen, die Beats knacken krumm und dreckig. Synthspuren foltern Melodien scheinbar unbarmherzig, trotzdem wollen die Laute nie falsch klingen. Synth-Pop mischt sich genial mit Wirkungen des Techno, der Dark Wave akzeptiert die Veränderungen ohne mit den Wimpern zu zucken. IAMX wussten sich von Beginn an in ihrem eigenen Klangkosmos einzunisten und haben diese Gestalt perfektioniert. Corner ändert auch auf „Metanoia“ nichts an dieser Formel – man weiss also, was einen erwarten kann. Trotzdem, die neuste Platte ist wieder auf der grüneren Seite der Wiesen. Oft hatte ich meine Probleme mit den Alben, wollten mir doch immer nur etwa die Hälfte der Lieder wirklich gefallen. Hier startet Chris aber mit voller Wucht und Breitseite in ein neues Abenteuer und knallt bereits auf der ersten Seite mit „Happiness“ und „North Star“ verführerische Highlights raus. Höchst emotional und persönlich dienen viele Songstrukturen nur dazu, den Gesang und die Keyboards am Ende komplett zum Ausrasten zu bringen. Es ist ein befreiendes Gefühl, wenn man sich zusammen mit dem Künstler ungeniert verausgaben und endlich mit Schreien und zackigen Bewegungen in dunklen Räumen austoben kann. Obwohl diese Qualität nicht durchgängig gehalten wird macht es Spass, wie ein Kobold den Kapriolen zu folgen.

„Metanoia“ ist ein weiterer Schritt einer Reise, die Chris Corner zusammen mit Gefolgschaft und Hörern vor fünf Alben begonnen hat. Unter dem Banner IAMX steht er dabei für eine Klare Richtung und Einstellung. Man muss der Musik schon verfallen sein, um hier wieder in grossen Jubel auszubrechen. Denn wirklich neu wirken Lieder wie „The Background Noise“ nicht. Wer aber schon immer Freude an IAMX hatte, der wird auch hier einen neuen Spielgefährten finden. Bis zum nächsten Album.

Anspieltipps:
No Maker Made Me, North Star, Oh Cruel Darkness Embrace Me

Live: a-ha, Hallenstadion Zürich, 16-04-04

Bilder von Anna Wirz: http://awfoto.ch/

Bilder von Anna Wirz: http://awfoto.ch/

A-ha
Support: Max von Milland
Montag 04. April 2016
Hallenstadion, Zürich Oerlikon
Setliste
Bilder: Anna Wirz

Jeder hat eine verbindende Geschichte mit a-ha – und genau darum füllen die Herren aus Norwegen 34 Jahre nach ihrer Gründung noch immer die grossen Hallen. Meine Verbindung beginnt in der Kindheit, bei James Bond und somit einer meiner ersten CDs. „The Living Daylights“ ist ein altes Lied, das im Hallenstadion erst spät Zürich erbeben liess. Doch man traf sich in der Mitte – wohl das Motto des gesamten Abends. Und egal, mit welchem Gefühl man nach Hause ging: Etwas Bitteres blieb haften, und schnell waren viele Dinge bereits wieder vergessen.

Die Schweiz liegt zwischen Schweden und dem Südtirol, Support Max von Milland brachte seine Heimat trotzdem in den grossen Saal. Auf Mundart spielte er hübsche und geerdete Lieder, lief dabei aber oft Gefahr, in Richtung Schlager-Pop abzudriften. Man schunkelte lieber, als sich mit Schmiss ins Konzert zu stürzen. Keyboarderin und Schlagzeuger setzten ihre Akzente, wundersames geschah aber nicht. Obwohl, falsch als Vorgruppe für a-ha war dies nicht unbedingt. Denn auch die Helden von früher wissen, wie man mit Bergen von Zucker umgehen muss. Max zeigte somit volksverbunden und wusste die Zuschauer schon bald zu packen. Seine ehrliche Art konnte man nur mögen.

Wobei das wahre Schauspiel und Theater natürlich erst mit der Synth-Pop Band aus dem Norden begann. Plötzlich hallte lautes Donnergrollen durch das Stadion, und unter Lichtblitzen betraten drei Musiker und eine Sängerin die Bühne. Erstaunlich, dass sich a-ha live von einer solch grossen Band unterstützen lassen. Diese drückte gleich von Anfang an auf das Pedal und holte alles aus den Popsongs heraus. Der wahre Jubel galt aber natürlich dem Kerntrio, das sich kurz danach dazugesellte und den Abend mit „I’ve Been Losing You“ startete. Und plötzlich stockte alles. Frontmann Morten Harket bewegte sich kaum, verzog keine Miene und sang schier emotionslos. Auch Pal und Magne blieben meist an einem Fleck stehen, die Songs knallten ohne Begeisterung auf die Massen herunter. Als bei „Move To Memphis“ auf den Screens alte und halb zerfallene Gebäude gezeigt wurden, konnte man nicht anders, als dies als Sinnbild für a-ha zu sehen. Die Gruppe zeigte sich leider verloren und lustlos, das Konzert war vor allem zu Beginn ein merkwürdiger Mix aus älteren Liedern und neuen Langweilern. Eine Schlagerparty ohne Kraft, ein Pop-Konzert ohne Sexappeal.

Die Leute störte dies nicht gross, jeder Song wurde beklatscht. Wahre Euphorie kam jedoch erst gegen Schluss der Darbietung auf. Die meisten Zuschauer waren sowieso nur wegen Klassikern wie „The Sun Always Shines On TV“, „Hunting High Or Low“ und natürlich „Take On Me“ erschienen – und begannen jetzt endlich zu hüpfen und johlen. Zu spät, um den Abend zu retten, denn die Musik von a-ha ist eingerostet und nicht mehr relevant. Wobei sich die Band an diesem Abend zu viele Hürden selbst in den Weg gelegt hatte. Wieso nicht bereits in der Mitte des Konzertes ein paar solcher Knaller raushauen? Schliesslich versuchte auch die Lichtshow alles grösser zu gestalten, als es war. Man traf sich in der Mitte und sprach plötzlich nur noch von Erinnerungen – und nicht dem eben Erlebten.

Bilder von Anna Wirz: http://awfoto.ch/

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