Julia Holter – Have You In My Wilderness (2015)

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Julia Holter – Have You In My Wilderness
Label: Domino, 2015
Format: Vinyl mit Download
Links: Discogs, Künstlerin
Genre: Pop, Indie, Jazz

Jetzt hast du aber Glück gehabt, Steven Wilson – denn fast wärst du vom Thron gestossen worden. Gerade erst kürte ich dich mit deinem neuen Album zum König von 2015, dann empfiehlst du mit deiner Bestenliste ein Album einer gewissen Julia. Der Name war mir nicht sehr geläufig, ich konnte mich aber daran erinnern, ihr neues Album „Have You In My Wilderness“ auf einigen Jahreslisten ganz vorne gesehen zu haben. Nun schreiben wir 2016 und die Platte von Frau Holter rotiert unzählige Male auf meinem Spieler. Ich bin hin und weg, was für wunderschöne Musik. Hätte ich dich bloss schon letztes Jahr gehört, dann wäre die Top Ten komplett anders ausgefallen.

Pop ist ein sehr schlechter Begriff um Musik zu beschreiben, denn viele Leute assoziieren damit gleich den Industriemüll, den wir tagtäglich im Radio aushalten müssen. Dabei ist die Musik von Julia Holter so viel mehr, erlebt man durch ihre Lieder Geschichten und Gefühle, die uns nie mehr verlassen werden. Ihre Musik ist eine wundervolle und zuerst unscheinbare Mischung aus klassischen Instrumenten, Pop-Struktur und Ausführung im Jazz. Hört man sich „Have You In My Wilderness“ zum ersten Mal an, nimmt man ihre liebliche Stimme mit, ihr Gespür für feine Instrumentierung und Harmonien, und die eingängigen Melodien. Was somit schnell als einfache Kost abgetan werden könnte, wird mit jedem Mal grösser und faszinierender. Langsam schälen sich die Lieder wie „Lucette Stranded On The Island“ aus ihrem Kostüm und offenbaren eine Tiefe, die man so in letzter Zeit selten vernommen hat. Sphärischer Chorgesang, Geige und Cello, verträumtes Schlagzeugspiel und Schichten, die sich Ergänzen, gegenseitig verändern und kreuzen. Es ist dem unglaublichen Talent der Künstlerin zu verdanken, dass am Ende der Songs alles immer aufgeht. Da kann ein Stück zuerst ernst guckend nach vorne stapfen wie „Sea Calls Me Home“, gegen Ende dann aber engelsgleich in die Höhen steigen – und es ist das schönste, was man in letzter Zeit vernommen hat. Den Höhepunkt erreicht Julia Holter mit „Vasquez“, einem Lied, das wie ein unsortierter Jam beginnt, dann plötzlich alles in korrekte Bahnen lenkt und im Refrain pure Emotion ausstrahlt. Das Lied könnte ich unendlich hören und darin wie in warmem Wasser untergehen.

„Have You In My Wilderness“ ist ein Juwel, ein Meisterwerk, eines der besten Alben seit langer Zeit. Was Julia Holter hier geschaffen hat, scheint heller als jedes Licht, bewegt stärker als jedes Buch, jeder Film und fasziniert unendlich. Sicherlich braucht die Platte zuerst etwas Zuneigung und Zeit, doch dann will man sich nie mehr von diesen zehn Liedern trennen. Diese Scheibe ist ein Muss für alle Leute, die sich auch nur ein klein wenig mit Musik beschäftigen. Schöner und besser kann man Lieder nicht schreiben – manchmal muss man unter der Oberfläche suchen.

Anspieltipps:
Feel You, How Long?, Vasquez

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