Live: Kraftwerk 3D, KKL Luzern, 15-11-17

 

Kraftwerk
Dienstag 17.11.2015
KKL, Luzern

Klare Linien, begrenzte Flächen, perfekte Rundungen – alles ist berechnet und weicht nicht von der Norm ab. Woraus erschliesst sich denn bei der abstrakten Technik ein Reiz? Wer, ausser der Hornbrillenträger und Kellerkinder, vertieft sich hinter Formeln und absehbaren Abläufen? Scheinbar Musikfanatiker, Liebhaber der Deutschen Klangszene und Interessierte aus allen Altersschichten. Denn wenn sich im Konzertsaal des KKL in Luzern vier Roboter wackelnd zu synthetischen Klängen bewegten, löste dies grossen Jubel aus. Eine verrückte Welt, in der wir uns befinden.

Kraftwerk aus Düsseldorf provozieren seit ihrer Gründung 1970 mit genau diesen merkwürdigen Aspekten. Die Urväter des Elektropop und Idole ganzer Künstlergenerationen wissen auch 2015 immer noch mit ihrem Kling-Klang und Bildfluss zu beeindrucken. Natürlich sind sich die Tüftler um Ralf Hütter nicht zu schade, sich neuste Technologien zu Eigen zu machen. Warum also nicht die Lieder mit optischer Tiefe verzieren? Was an Bass und Synthwellen schon für Höhen und Tiefen sorgt, wurde dank angepasster Bühnenshow und mit kleinen Helfern aus Karton auch in den Sehnerven zu einem wilden Ritt. Ob man mit dem Model über den Laufsteg ging, die Tour de France mitten im Feld mitfuhr oder mit einem Satellit über Luzern schwebte, ein 3D-Kinofilm war nichts dagegen. Die Bühne wurde erweitert, das Farbenspiel eindrücklich geometrisch bestritten.

Somit schafften es die Herren hinter ihren Kontrollpults, clever und unbemerkt die alten Geschichten neu an die Leute zu bringen. Denn bei Kraftwerk ist eigentlich klar, dass man weder neue Musik noch Visuals erwarten sollte. Nötig haben es die Musiker nicht, schliesslich können sie noch unzählige Jahre an ihrem Legendenstatus knabbern, ohne jemals zu hungern. Und immer noch lösen Lieder wie „Radioaktivität“, „Autobahn“ oder „Computerliebe“ frenetischen Jubel aus. Dank der wuchtigen Soundanlage und der perfekten Akustik im Konzertsaal wurde man regelrecht in die Sitze gedrückt und durchgeschüttelt. Bässe so tief wie die Wunden, die Atomkatastrophen hinterlassen haben; Melodien so schneidend, wie die Linien der Aerodynamik. Klanglich erneuert und mit extremer Fülle ausgestattet zeigten Kraftwerk einmal mehr ihr Genie. Egal ob Minimal, Techno oder Synthpop, ohne diese Mensch-Maschine gäbe es wenig davon.

Wie immer könnte man sich nun fragen, was die Künstler denn an ihren Stehpulten zwei Stunden lang machen. Doch all diese Fragerei ist hinfällig, handelt es sich hiermit schliesslich um eine Symbiose aus Technik und Fleisch. „Die Roboter“ wurde dann als Zugabe von ebendiesen präsentiert, um danach noch einmal darauf hinzuweisen, dass wir auf einem Planet der Visionen leben. Boing Boom Tschak – rauschende Ohren, zuckende Augen, pochendes Gehirn – alte Elektroliebe löscht sich nicht.

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