Live: 4. Kapitän Platte Fest, Nr z P Bielefeld, 15-10-24

Kapitän Platte Festival-15-MBohli-Nihiling

Kapitän Platte Fest 2015
Nr Z P / Cutie, Bielefeld
Samstag 24.10.2015

Wenn man zu später Stunde in einem kleinen Club mit Mitgliedern von Bands, deren Freunden und sonstigen unbekannten Menschen wild feiert und tanzt, für seine solche Gelegenheit eine Zugfahrt von neun Stunden in Kauf nimmt und zwei Tage lang fast nicht schläft, dann war es eine super Party. Und dies bereits zum vierten Mal, denn das Bielefelder Vinyl-Label Kapitän Platte feierte erneut die Musik, die Bands und sein eigenes Bestehen. Als langjähriger Freund und Liebhaber der Kutterbande musste man mich nicht zwei Mal fragen, ob ich auch wieder mitfesten will. Somit waren mein Kumpel und ich dann zwar die einzigen Besucher aus der Schweiz, gleichzeitig aber eine kleine Attraktion. Wer verliert sich für diese Konzerte schon aus dem Ausland nach Bielefeld?

So ausgelassen wie der Samstag endete, so gemütlich begann er. Wir genossen die Gastfreundschaft der Labelbesitzer und frühstückten mit ihnen, eine echte Ehre, denn die Bands durften erst einen Tag später sich verwöhnen lassen. Konsum 1, Kreativität 0 – oder so. Am Abend zeigten sich aber die wahren Helden auf der Bühne des Nr Z P, einem kleinen Kulturlokal mit Charme. Obwohl sich der Raum zu Beginn eher gemächlich füllte, zeigten Zinnschauer (Hamburg) allen versammelten Leuten gleich zu Beginn, was eine intensive und atemberaubende Vorstellung ist. Jakob steht alleine auf der Bühne, mit seiner akustischen Gitarre und Mikrofon. Er schreit, er leidet, er spielt wie ein Teufel und vollbringt schier Unmögliches. Seine ureigene Mischung aus Singer-Songwriter, Screamo und Kunst sperrt sich vor jeglicher Konvention und Regel und ist dadurch immer unberechenbar. Leise gezupfte Gitarre und neben dem Mikrofon geflüsterte Zeilen treffen auf ohrenbetäubende Schreie und verzerrte Gitarrenriffs. Plötzlich dann eine Geige, ein Schlagzeug, mehrstimmiger Gesang von hinten. Der Raum lebt die Musik, man ist umkreist und kann nicht weg. Intensiv und unfassbar gut.

Die Umbaupause kam nach einer solchen Darbietung mehr als Recht, sonst wäre das nachfolgende Konzert von Halma aus, wieder, Hamburg nicht zur Geltung gekommen. Stilmässig konnte man sich nun komplett umstellen auf instrumental dargebotenen Psychedelic Rock. Die Gruppe wusste zum Glück, wo die Grenzen liegen und baute ihre Songs nicht unnötig aus. Zu Beginn war ich etwas über die gemächliche Präsentation erstaunt, nach dem dritten Lied machte es aber klick. Mit geschlossenen Augen liess ich mich von der Musik umspülen und versank total darin. Wie alleine in einem riesigen Raum fühlte ich mich, die Gitarren setzten Akzente und in meinen Gedanken wurde aus Halma ein Eisbrecher im kalten Polarmeer, der regelmässig seine Fracht im Wasser versenkt. Selten hat mich ein Konzert so hypnotisiert und nach deren Auftritt war ich wie ohne festen Boden.

Nihiling (nochmals eine Gruppe aus Hamburg) waren da konventioneller, brachen aber immer wieder die Formel des Post-Rock. Zu fünft standen sie auf der engen Bühne und überraschten vor allem mit ihrer Reife. Die Stücke waren durchdacht, voller Tiefe und viel Talent. Wie kann man als solch junge Gruppe schon Musik in dieser Form spielen? Besonders abenteuerlich waren die Wechsel der Instrumente. Bass gegen Synth, Gitarre gegen Elektrodrum, und dazwischen immer wieder Gesang. Dank der weiblichen Stimmen wirkten gewisse Momente fast sakral, bevor sie wieder von lauten Gitarren zertrümmert wurden. Was mich auf ihrem neusten Album nicht wirklich packen konnte, zeigt sich live als ausgeklügelt und innovativ. Das Konzert wurde zwar mit einem eher typischen Stück des Instrumentalrock beendet, welches vor allem mit der Laut-Leise Dynamik spielte, war aber ein Gewinn auf gesamter Länge. Diese hübschen Leute werden auch nach mehreren Konzerten nicht langweilig.

Da aber nicht die gesamte Musikszene aus der Hansestadt stammen kann, brachen Monophona zum Abschluss mit dieser Tradition und zeigten den Besuchern wie düsterer, elektronischer Dance-Post-Indie in Luxemburg gemacht wird. Schlagzeug, elektrische Knöpfchenstation, Mikrofon, Gitarre. Mehr braucht das Trio nicht, um die Leute mit dunklen Songs zum tanzen zu bringen. Ihre Musik spielt mit schrägem Beat, gezupften Melodien und einem treibenden Schlagzeug. Live kam diese tolle Mischung noch druckvoller und satter zur Geltung, kein Bein stand still. Zwischen den Liedern gab Frontfrau Claudine ein paar Anekdoten zum Besten und zeigte, dass die Band echt sympathisch ist. Kein Wunder fand man in den vordersten Reihen nun auch Leute, die vor wenigen Stunden noch selber auf der Bühne standen. So wurde Monophona auch nicht von der Bühne gelassen, ohne drei Zugaben gespielt zu haben. Ein wunderbarer Abschluss des live dargebotenen Teils, vier von vier Konzerten haben komplett überzeugt.

Auch wenn ich mich wiederhole, man kann es nicht oft genug betonen: Als das wunderbare Vinyllabel gegründet wurde, bewiesen zwei Männer und eine Frau nicht nur Weitsicht und Mut, sondern Geschmack. Selten überzeugen alle Gruppen an einem Abend oder in einem Katalog durchweg, selten macht es so viel Spass, neue Musik zu entdecken und zusammen zu geniessen. Danke Pietsch, danke Tanja, danke Karl.

Viele Veröffentlichungen aus dem Hause Kapitän Platte wurden auf diesem Blog schon besprochen. Hier kann man sich beispielsweise etwas herauspicken. Mehr folgen bald.

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