Live: U2, Mercedes-Benz Arena Berlin, 15-09-24 / 25

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U2
Donnerstag 24.09.2015
Freitag 25.09.2015
Mercedes Benz Arena, Berlin

Ach Berlin, wie habe ich dich vermisst. Deine dreckigen Häuser und versprayten Fassaden, dein Abfall überall auf den Strassen, deine Obdachlosen, deine (Un-)Freundlichkeit, deine unzähligen Baustellen, deine Unmengen an Bars, Clubs und Restaurants, dein unlogisch klares U-Bahnnetz, dein Bier, dein schrecklich günstiges Essen, deine Bewohner und Punks, deine unterschiedlichsten Viertel und deine unfertigen Flughäfen. Endlich nun kehrte ich zurück, besuchte Freunde und lernte eine Bloggerverbündete endlich in echt kennen. Ganz erstaunlich auch, wie sich die Stadt konstant verändert und sich jedes Mal von einer neuen Seite zeigt. Alles fliesst, nichts bleibt wie es nie war.

Hauptgrund für meine Reise war aber die Fortsetzung meines wahnsinnigen Unterfangens, die irische Band U2 auf ihrer aktuellen Tour sechs Mal anzuschauen. Ob dies noch gesundes Fantum oder bereits irrational ist, das kann ich selber nicht beurteilen. Die kurze Reise nach Berlin bestätigte meine Entscheidung aber spätestens beim zweiten Konzert am Freitagabend. Es wurde mehr als nur eine Show, es wurde zu einer intimen und emotionalen Erfahrung.

Das erste Konzert am Donnerstag war für mich eine Premiere: Nachdem ich in Turin einen Sitzplatz inne hatte und somit die wunderbare Show in ihrer Gesamtheit geniessen durfte, tauchte ich nun in die Menge ab und suchte mir einen Stehplatz in der Nähe des Catwalks. Eine weise Entscheidung und wahrlich der beste Ort, um die Konzerte als einheitliche Erfahrung zu geniessen. Besteht der aktuelle Bühnenaufbau aus einer Hauptbühne am Ende der Halle und einer kleinen, gegenüberliegenden B-Stage, ist das Herzstück interessanterweise aber der Laufsteg, der beide Bühnen verbinden und über dem die gewaltige, doppelseitige LED-Wand hängt. Mit diesem Mittel werden im Verlauf des Konzertes nicht nur die Lieder mit Videos untermalt und die Bandmitglieder darauf projiziert, nein die Musiker können selber in diese Leinwand eintreten und darin herumspazieren und spielen. Zum ersten Mal wird dies bei „Cedarwood Road“ genutzt, Bono scheint wirklich auf der gezeichneten Strasse in Dublin hin und her zu gehen.

Danke diesen Effekten ist die Band stets sehr nahe beim Publikum. Man hat aus dem Gigantismus der 360°-Tour gelernt und wollte wieder zurück in kleinere Hallen und näher an die Fans heran. Da der Innenraum auch nicht zum bersten gefüllt ist und viel Platz zum tanzen und bewegen bietet, kann man locker bis auch etwa 3 Meter an Bono heran und The Edge genau auf die Saiten schauen. Gerade diese zwei Herren wandern konstant auf der Konstruktion umher und bieten somit jedem Zuschauer einen genauen Blick auf ihr Tun. Larry ist umstandsmässig eher statisch, wechselt während der Show aber zwischen drei Drumsets und einer Trommel, und wird meist von Adam begleitet.

Wie sich das Konzert nun nach drei besuchten Shows anfühlt ist fast nicht in Worten zu erklären. Obwohl die Grundstruktur der Konzerte auf einem konstanten Aufbau beruht, und nur wenige Lieder pro Abend gewechselt werden, hat sich bei mir nun eine Tiefe und Bedeutung aufgetan, die ich nach Turin noch nicht erkannte. Ist man zuerst geblendet von den Bildern, den Songs und seiner eigenen Aufregung, konnte ich mich am zweiten Abend in Berlin auf die Botschaft konzentrieren. Innocence + Experience erzählt nicht nur mit seinen multimedialen Aspekten eine Geschichte, sondern verknüpft genial alle Phasen von U2 zu einer Einheit. Dabei erhalten Songtexte plötzlich eine neue Bedeutung und verbinden sich zu einem fliessenden Ablauf, nein auch die wahren Absichten der Musiker erschliessen sich.

So waren U2 schon immer eine politische Gruppe mit wichtigen Aussagen zu aktuellen Themen, dies hat sich auch 2015 nicht geändert. Hauptthema war das Zusammenleben und die Toleranz in der heutigen Welt. Gerade mit der Flüchtlingskrise und den Kriegen im nahen Osten ein wichtiger Punkt, der auch in eine Stadion-Rock Show gehört. Hierfür änderte Bono die Texte von „Pride“ und „Bullet The Blue Sky“, die Band verlieh „Zooropa“ einen gewaltigen Wert und liess diese Aussagen mit wichtigen Filmausschnitten untermalen. Diese Konzerte erzählen somit nicht nur die Herkunft und Jugendjahre der Musiker, sondern auch ihre Ansichten und Meinungen zu aktuellen Themen und dem Zusammenleben. Gerade als U2-Liebhaber, kann man dies eigentlich ohne Probleme nachvollziehen. Schliesslich trifft man bei einem Konzert Menschen aus aller Welt und schliesst neue Bekanntschaften. Am Donnerstagabend zog ich somit mit einer Gruppe aus Dänemark um die Häuser, nur um am zweiten Abend Italiener wieder zu sehen und noch mehr Freunde zu machen. Und dieses Verhalten lässt sich doch auf die gesamte Welt übertragen, den Alltag und jede Situation. Muss.

Liedertechnisch gab es übrigens für mich ein paar Überraschungen. Am Donnerstag wurde „Zoo Station“ gespielt, ein Lied, das nach Berlin gehört, sowie „Elevation“. Das Ende des Auftritts machte „One“, gesanglich stark unterstützt vom Publikum. Die zweite Nacht war eher konventionell und unterschied sich nicht gross zu Turin, bot aber mit einem, als Macphisto verkleideten Fan ein wahres Highlight. Witzig auch die Livekommentare auf der Streamübertragung während „Desire“ und „Angel Of Harlem“. Da wurde vor allem über Bonos Anzug diskutiert, trägt er doch jeden Abend denselben. Lange Rede kurzer Sinn: Mit ihrer aktuellen Tour haben sich die Iren neu erfunden, auf die wichtigen Werte besinnt und eine Konzertreihe auf die Beine gestellt, die ihresgleichen sucht. Nach anfänglichen Bedenken bin ich nun noch aufgeregter über die Konzerte in Köln und London, und kann es kaum abwarten.

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