Monat: Juli 2015

The Afghan Whigs – Do To The Beast (2014)

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The Afghan Whigs – Do To The Beast
Label: Sub Pop, 2014
Format: Doppelvinyl im Gatefold, mit Booklet und Download
Links: Discogs, Band
Genre: Alternative Rock

Bestechend schöne Gestaltung mit tollen Bildern und hübschen Schriftzügen – der erste Eindruck von „Do To The Beast“ ist ein sehr angenehmer und visueller, düster, aber mit eleganter Schönheit. Für ihr Comeback-Album haben sich The Afghan Whigs in ein hübsches Kleid gesteckt. Die entstandene Stimmung zieht sich dann auch durch die Musik weiter – ob man die Klänge nun in grau vor sich sieht oder um Jahre zurück versetzt wird, das Werk ist mehr als gelungen.

Wenn so lange Zeitspannen zwischen Alben liegen, sich Bands dazwischen sogar aufgelöst und mehrmals reformiert haben, dann sind die Vorzeichen nicht immer die besten. Oft schliessen sich die Leute nur zusammen, um dank dem alten Ruhm wieder Geld für die Steuerbehörden zu sammeln. Bei „Do To The Beast“ darf man aber erleichtert aufatmen, denn Greg Dulli hat erneut ein Album voller schleppender und schwerer Rocksongs geschrieben, denen auch mal die Verzweiflung ins Gesicht gezeichnet wurde. Wie von der Band gewohnt, sind die Lieder gefüllt mit harten Riffs, gewichtvollen Schlagzeugrhythmen und dem wunderbaren Gesang Dullis. Rücksicht auf den Hörer wird dabei nicht genommen, die Stücke werden so hart präsentiert und die Magengrube geprügelt wie sie sind. Egal ob es um puren Sex oder Beziehungsdramen geht, nur wer einstecken kann, wird bis zum Ende durchhalten. Die bekannte Melasse aus Rock, Soul und Alternative wird dazu mit Zutaten aufgelockert, die faszinieren. In „Matamoros“ trifft somit der eingängige Refrain auf hart gespielte Gitarre und Geigenzwischenspiel. Eine umwerfende Mischung, die funktioniert – auch bei allen anderen Tracks und Beigaben. Dank der herausragenden Produktion und dem königlichen Songwriting versinkt das Album nie im Schatten seiner Vorgänger, sondern erschafft sich eine eigene Plattform und transportiert die Band in die Gegenwart. Alles wirkt frisch und gleichzeitig vertraut, schon nach wenigem Hören schliesst man „Do To The Beast“ ins Herz und kann sich keinen besseren Partner für traurige Regentage vorstellen.

Wüstenrock, Dark-Soul, mörderische Ballade und dreckigen Alternative Rock – die wieder auferstandenen Afghan Whigs setzen ihre beachtliche Karriere mit einem grossartigen Album fort. Das Biest lässt sich zwar nicht zähmen, will aber in seiner gesamten Wildheit und grimmigen Ausstrahlung geliebt werden. Greg Dulli hat ein weiteres Mal ein Meisterwerk abgeliefert, ein Album das wächst, immer dichter wird und das eigene Herz vor Emotionen fast zerdrückt. Unglaublich.

Anspieltipps:
Matamoros, Algiers, These Sticks

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Daniel Cavanagh – Memory and Meaning (2015)

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Daniel Cavanagh – Memory and Meaning
Label: Eigenveröffentlichung
Format: CD, Download
Links: Künstler, Wikipedia
Gerne: Akustik, Cover

Bekannte Musiker und grosse Künstler verneigen sich gerne vor ihren Vorbildern und zollen Tribut. Dies ist oft nicht nur eine gute Gelegenheit, ohne grossen Aufwand ein neues Album zu produzieren, sondern eine Möglichkeit, die eigenen Wurzeln an seine Fans weiterzugeben. Oft ist es doch genau so spannend herauszufinden, wo die Einflüsse liegen, wie die Musik seiner Lieblingsband selber anzuhören. Daniel Cavanagh, Gitarrist von Anathema, hat nun via Pledgemusic ein solches Tributalbum veröffentlicht.

Die Auswahl der Lieder erfolgte dabei anhand seiner sehr persönlichen Einflüsse und Emotionen, Songs die Cavanagh seit Jahren begleiten und wichtige Erinnerungen in sich tragen. Der Künstler erhofft sich damit eine intime und direkte Bindung an seine Fans, nach der alle voneinander mehr wissen und sich gewisse Eigenheiten erschliessen. Um diese introvertierte Stimmung zu erschaffen, begnügte sich der Musiker nicht mit dem blossen Nachspielen der Lieder. Reduziert und auf ihre wichtigsten Elemente beschränkt wurden die Coversongs in einem Take eingespielt. Keine Overdubs, keine Nachkorrekturen. Was man auf diesem Album hört, hat Daniel Cavanagh eigenhändig im Studio eingespielt – bewaffnet nur mit Gitarre und Loop-Geräten. Mit diesem Wissen ist das Erlebnis noch intensiver, werden doch die meisten Lieder von Beats und mehreren Melodien begleitet. Klar denkt man zuerst, hier seien mehrere Musiker zugange. Schön auch, dass die Musik so geerdet wird und sehr real rüber kommt. Jeder Atemzug, jeder Ton geschah im Moment und ist unverfälscht. Faszinierend wie dabei flinke Melodien erklingen und an Anathema erinnern („Big Love“ von Fleetwood Mac), oder Hitparadenknaller plötzlich zu melancholischen Kätzchen werden („Smile like you mean it“ von The Killers). Die Essenz der Stücke bleibt dabei unangetastet, Canavagh schmückt sie aber mit einem komplett neuen Klangkleid aus. In der Grundstimmung nachdenklich und sanft, aber doch hochemotional. Sehr schön ist auch die Auswahl selber: Pink Floyd tummeln sich neben Iron Maiden, Tim Buckely und Radiohead schütteln sich gegenseitig die Herzen aus. Auch meine Lieblinge U2 sind mit dem wunderbar gespielten „With Or Without You“ vertreten.

„Memory And Meaning“ ist das beste Beispiel für gelungene Tributalben, bei denen der Kern der Songs mit neuer Bedeutung versehen wird. Die Scheibe ist zu keinem Moment sinnlos oder überflüssig, sondern auch für Liebhaber der leisen Singer-Songwriter interessant. Vorwissen über Anathema benötigt man keins, der Genuss dieser Gitarrenleistungen ist immer gewährleistet.

Anspieltipps:
Big Love, With Or Without You, High Hopes

Clark – Clark (2014)

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Clark – Clark
Label: Warp Records, 2014
Format: Doppelvinyl mit Download
Links: Discogs, Künstler
Genre: IDM, Techno, Ambient

Manchmal lässt man sich leicht täuschen. Als ich das Album von Clark im Regal entdeckte und kurz etwas darüber las, vermutete ich darunter das Debütalbum eines Elektro-Künstlers. Selbstbetitelte Alben müssen aber nicht immer Erstgeborene sein, so ist auch „Clark“ bereits das siebte Werk vom Engländer Christopher Stephen Clark. Der Produzent und Künstler kann bereits auf eine gelungene Karriere im Bereich des IDM und Techno zurückschauen und legt auch hier ein tolles und abwechslungsreiches Album vor.

Wenn man am Ende mit dem zweckmässig reparierten Raumgleiter auf dem nassen Asphalt landet, begleitet von tiefen und voluminösen Synths, dann fühlt man sich nicht nur in den 80ern angekommen, sondern auch in Blade Runner getaucht. Der Weg hierhin würde eine solche Ankunft nicht vermuten lassen, schlussendlich ist es aber eine logische Entwicklung. Die Schönheit in „Petroleum Tinged“ findet man von Anfang an auf „Clark“ und lässt sich auch nicht von den wildesten Beats und Breaks unterkriegen. Das Intro „Ship Is Flooding“ dröhnt wie ein Schiffshorn auf MDMA, legt mit seinen Flächen den Boden für das erste Highlight „Winter Linn“. Die Beats beginnen sich aufzutürmen, alles knarrt und kratzt – und dann der völlig gegen den Strich gehende Melodienverlauf. Solche Momente sind typisch im IDM und fordern angenehm beim Konsum der Musik. Was hier im Wohnzimmer funktioniert, klappt auch im Club. Die Musik von Clark fordert geradezu lautes Hören auf einer guten Anlage, Drink oder Bier in der Hand aber optional. Getränke würde man im Verlauf der Platte wohl auch verschütten, wechselt der Künstler doch gerne die Genres. Die Stücke lehnen sich mal stärker in den Electro, dann wieder in den härteren Techno oder verschwinden ganz im Ambient. Grob gesagt findet man auf der ersten Vinylscheibe vor allem die harten Beats und schnellen Tempi, auf der zweiten dann die Musik, die auch zum Träumen geeignet ist. Chris Clark hält dabei aber immer Überhand und dirigiert die einzelnen Bestandteile mit sicherer Hand ins Ziel. Egal wie unterschiedlich, alles fügt sich zu einem Gesamtbild mit einheitlicher Stimmung zusammen. Und da sich Clark wohl bei grossen Meistern wie Vangelis orientierte, findet man keine Schwachstelle.

„Clark“ sammelt viele Gegensätze und Unterschiede auf einem Album, verzettelt sich aber dabei nie. Dank der Gestaltung mit viel Verzerrung, Rauschen und Zerfall erhalten die Lieder eine Schlagseite der Imperfektion – dies steht dem Werk ausgezeichnet. Schönheit mit Rostflecken sozusagen. Wer sich also für etwas düstere und fordernde Musik im Bereich IDM-Techno interessiert, der muss hier zuschlagen.

Anspieltipps:
Winter Linn, The Grit In The Pearl, Petroleum Tinged

Swans – The Seer (2012)

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Swans – The Seer
Label: Young God Records, 2012
Format: 3 Vinyl in Gatefold, mit Poster und Download
Links: Discogs, Band
Genre: Noise-Rock, Post-Rock

Repetition, Einschränkung, Lärm – mit „Lunacy“ starten die Swans sperrig und laut in ihr Meisterwerk „The Seer“. Auf über sechs Vinylseiten erwarten den Hörer tonnenweise Gitarren, Geräusch und auch eine Spur Wahnsinn. Was die Gruppe um Michael Gira hier aufgenommen hat, ist ein Jahrhundertwerk und steht alleine auf weiter Flur. Wer hätte gedacht, dass nach dem Zusammenbruch der Gruppe Anfangs der Neunzigerjahre das Kollektiv noch einmal so munter auftritt und ein Brett nach dem anderen raushaut. Da darf der Hörer nicht vergessen zu atmen.

Den Hals zieht es einem teilweise schon zusammen, wenn sich die Instrumente in einem hypnotischen Schlaufspiel immer näher ans Zentrum wagen und ihre Mantras über die Ohren vergiessen. Durch die konstante Repetition werden aus den Stücken fast unendliche Schleifen, Zeit und Ort verlieren ihre Bedeutung. Besonders zur Geltung kommt dies bei „Mother Of The World“ oder den langen und schweren Stücken wie „The Seer“. Gira bringt seine Musik somit an einen Punkt der Auflösung, es geht nicht mehr um Strukturen und Formen, sondern um den Klang an sich und seine Position im Kosmos. Die Instrumente vermengen sich zu einem Strudel, der nicht nach Melodien greift, sondern Lärm und Frequenzen bündelt. Bis diese Strömungen ihren Endpunkt erreichen, vergeht auch gerne mal eine halbe Stunde, wie beim titelgebenden Lied. Interessant ist dabei, dass die Musik nie zum Selbstzweck verkommt oder langweilt. Wie in den Genres Ambient oder Post-Rock findet sich der Reiz in der langsamen Gestaltung und der Wiederholung. Langsam schälen sich Spuren und Harmonien aus dem Dickicht, Akzente werden mit Perkussion und Dudelsack gesetzt, Bläser greifen Höhepunkte auf. Mit dem Gesang wird ebenfalls keine Sicherheit in die Lieder gebracht, sondern das Album um eine unheimliche Ebene erweitert. Mit Jarboe findet man weibliche Unterstützung, Erleichterung nicht mit eingeschlossen. Denn bei den vulkanartigen Eruptionen voller Geräusch und Lärm gibt es kein Halten mehr. Wer nicht in der Klangflut untergeht, hat zumindest den Boden unter den Füssen verloren und treibt nun mit. Da helfen auch Anleihen an den Blues, Punk oder Rock nicht.

„The Seer“ ist ein hartes Album, ein schwieriges und keines, das gefallen will. Trotzdem, die Lieder und die Musik machen süchtig, man kann sich fast nicht satt hören. Somit vergehen die zwei Stunden wie im Fluge, und wer sich getraut, kann noch einmal von vorne beginnen. Gira und seine Mannen haben ein umwerfendes Werk erschaffen. Und wer bisher glaubte, Lärm kann man sich nicht anhören, der wird hier eines besseren belehrt.

Anspieltipps:
Lunacy, The Seer, Avatar

Florence And The Machine – How Big, How Blue, How Beautiful (2015)

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Florence And The Machine – How Big, How Blue, How Beautiful
Label: Island Records, 2015
Format: Doppelvinyl mit Download
Links: Discogs, Künstlerin
Genre: Bombast Pop, Indie

Florence Welch sollte keine Einführung mehr benötigen. Spätestens seit 2009 und dem Erscheinen ihres ersten Albums „Lungs“ ist die englische Sängerin, Stilikone und Model in aller Munde. Ihre tolle Mischung aus Indie, Rock und Pop, kombiniert mit ihrer vollen Stimme, machte das Album und die Single „You’ve Got The Love“ zu weltweiten Hitparadenstürmer. Nach dem zweiten Werk „Ceremonials“ mussten die Fans aber geschlagene vier Jahre warten, bis endlich neues Material auf dem Plattenteller landete. Das hat jetzt ein Ende, und die Musikerin macht eigentlich genau da weiter, wo sie aufgehört hat.

Mit dem Eröffnungssong „Ship To Wreck“ erhält man alle geliebten Zutaten: Lockere Gitarren, ein Rhythmus zum tanzen und natürlich die voluminöse Stimme von Florence. Wie gewohnt zaubert sich auch aus den einfachsten Zeilen ein opernhafter Moment. Wenn ihre Stimme dann noch zu einem Chor geschichtet wird, glaubt man an ausserirdische Fähigkeiten. Doch nicht alles bleibt beim Alten, denn bereits mit „What Kind Of Man“ halten die Gitarren mit energischen Riffs und lauten Licks gegen den Gesang an. Florence And The Machine entfernen sich ab hier ein wenig von der bombastischen und orchestralen Lautmalerei des Zweitlings. Eigentlich keine schlechte Sache, hatte die Musik schon immer die Neigung, überladen zu wirken. Genau diese Wahrnehmung wird leider auch durch den Gesang verstärkt – oder besser gesagt, durch Florences Ausdrucksweise. Ihre Stimme folgt weniger Gesangmelodien, sondern zieht einzelne Silben und Laute auseinander, laut und lang. Das klingt immer sehr gut und intensiv, aber über die Gesamtlaufzeit des Albums kann es auch zu viel werden. Versteht mich nicht falsch, ich bin Fan von ihr und mag ihre Musik sehr. Aber irgendwie füllt sich mein Gehör mit ihrer Stimme auf und muss zuerst wieder Abstand gewinnen, um das Album vollenden zu können. Eigentlich schade, denn die Musik ist vorzüglich aufgenommen und produziert, die Lieder sind abwechslungsreich und wissen ihre Reize einzusetzen. Dies passt auch zu den Themen in den Songs, welche weltoffen und lebensbejahend sind. Am besten kommen die Zeilen in den eher ruhigen Liedern wie „Various Storms & Saints“ oder dem bluesigen „Mother“ zur Geltung, welches das Album auch gelungen abschliesst.

Wer mit Florence And The Machine bisher nichts anfangen konnte, der wird auch mit „How Big, How Blue, How Beautiful“ kein Fan. Für alle anderen bietet das Album aber gewohnt qualitativ gute Musik mit einer ausserordentlich talentierten Sängerin. Eine Prise mehr Stadion, etwas weniger Bombast, fertig ist das dritte Werk. Der erwartete Überflieger ist es aber für mich nicht geworden.

Anspieltipps:
What Kind Of Man, Various Storms & Saints, St. Jude

Live: Portishead, Montreux Jazz Festival, 15-07-10

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Portishead
Support: Thought Forms
Freitag 10.07.2015
Stravinski Auditorium, Montreux
Setlist

Lärm, Lautstärke, Ausdruck – mit diesen drei Wörtern umschreibt man den zweiten Konzertabend am diesjährigen Montreux Jazz Festival perfekt. Wie schon letztes Jahr, hiess es auch 2015 erneut „willkommen zurück, alte Trip-Hop Legenden“. Nachdem vor zwölf Monate Massive Attack das Stravinski Auditorium zum Beben brachten, durften nun Portishead ran, zum ersten Mal in ihrer Karriere. Die hübsche Konzerthalle und das musikinteressierte Publikum boten einen ebenbürtigen Gegenpol zur komplexen und grossartigen Musik.

Schon bei der Vorband war ein offener Geist und Aufmerksamkeit gefragt, Thought Forms spielten intensive und klangkreative Lieder mit viel Energie. Schlagzeug und zwei Gitarren, mehr braucht das Trio aus England nicht um Träume oder Wahnvorstellungen zu erschaffen. Laut und wuchtig drifteten ihre Songs zwischen Post-Punk, Shoegaze und Ambient-Metal. Es lässt sich zwar drüber streiten ob die Lieder zum Teil etwas langgezogen waren, mir gefällt jedoch diese Sogwirkung durch mäandernde Strukturen. Da störten auch Schreie oder plötzlich ausbrechende Gitarren nicht. Und als am Schluss noch Flöte und Effektgeräte bearbeitet wurden, flog wohl so mancher Zuhörer spirituell auf eine neue Ebene. Eine Band die man sich merken muss, und dank Label und Produzent Jim Barr in direkter Verbindung zu Portishead stehen.

Nach so viel Wucht wollte man sich in der Pause kurz erholen, leider dürfen in das Auditorium keine Getränke reingenommen werden. Somit blieb uns nichts anderes übrig, als zwei Mal den Gang durch die Menschen zu wagen. Pünktlich zurück auf dem Parkett wurde die Stille mit dem wilden „Silence“ durchstossen. Wie schon vermuetet, spielte die Band auch an diesem Abend kein neues Material und begnügte sich mit Lieder von ihren ersten drei Alben, wobei die Hälfte von „Third“ stammte. Das ist einerseits kein Problem, ist die Musik dieser Gruppe schliesslich über alle Zweifel erhaben und angenehm fordernd, andererseits aber auch etwas ausgelutscht. Wer die Band – wie ich – bereits mehrmals in den letzten Jahren live erleben konnte, der weiss wie die Konzerte ablaufen und was gespielt wird. Dank der Perfektion und minutiösen Darbietung der Stücke fehlen Soli ebenso wie geänderte Strukturen. Ganz klar ist das Jammern auf höchstem Niveau, aber ich frage mich, wie lange sich Portishead so noch relevant halten können. Trotzdem, Lieder wie „Machine Gun“ mit den aktuellen politischen Bildern, „Wandering Star“ mit seinen betörenden Melodien oder „Glory Box“ mit seiner unzerstörbaren Schönheit strahlen auch heute noch genau so hell. Beth Gibbons ist zwar älter geworden, leidet stimmlich aber immer noch wie ein sterbender Schwan. Und was Geoff Barrow als Zeremonienmeister aus seiner Truppe herausholt ist immer wieder umwerfend.

Wer ohne Innovationen auskommt (diese folgen aber bestimmt mit dem vierten Album, ca. 2025) und gerne die alten Klassiker in lautem Gewand hört, der kommt auch heute nicht an Portishead und ihrem progressiven Trip-Hop vorbei. Falls ihr aber auch zu den Menschen gehört, die schon mehrmals in den Genuss einer Perfomance kamen, der kann auch getrost neue Talente entdecken und die Engländer für einmal auslassen. Dass sie grossartig sind, das wissen wir schliesslich alle.

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Live: SBTRKT + Jamie XX, Montreux Jazz Festival, 15-07-09

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Jamie XX, SBTRKT, Hudson Mohawke
Donnerstag 09.07.2015
Montreux Jazz Lab

Das renommierte und weltbekannte Montreux Jazz Festival bot auch dieses Jahr wieder umengen an Konzerten und Shows die einen Besuch rechtfertigten. Wir entschieden uns am ersten Abend für moderne, elektronische Musik, auf dem Teller präsentiert von drei jungen Männern. Als erstes wartete aber eine Überraschung auf uns. Der als Hauptact vermutete Jamie XX sollte als erster auftreten, danach SBTRKT und als Abschluss Hudson Mohawke, ausgerechnet der Künstler, den wir nicht kennen. Wie dem auch sei, assen wir das Desert halt zuerst.

Und was für ein Zuckerkuchen das Set von DJ Jamie Smith war. Viele hatten wohl vor allem die Lieder von seinem phänomenalen Debüt „In Colour“ erwartet, aber so einfach machte es der Engländer dem Publikum nicht. Einstieg und Rausschmeisser waren wundervolle Kombinationen aus Beats, Jazz und Soul. Passend für das Festival und von einem wunderbaren Umgang mit der musikalischen Vergangenheit zeugend, mischte Jamie Abschnitte und Passagen aus diversen Liedern zu einem pumpenden Set voller Überraschungen. Und als dann plötzlich aus dem Nichts die Stimme von Gil Scott-Heron erklang und das erste Mal Jamies eigene Musik die Halle flutete gab es kein Halten mehr. Nacheinander wurden auch „The Rest Is Noise“, „Gosh“ und „Stranger In A Room“ angespielt und reingemischt. Wäre ich dem Set nicht schon zuvor verfallen, spätestens jetzt war ich Fan vom Talent des Künstlers. Mit der Kombination aus Jazzmusik und dem Gesang zu „Loud Places“ wurde der Musik eine weitere Ebene hinzugefügt und nach einer Stunde bestand der Saal nur noch aus begeisterten Gesichtern.

Was danach folgte lässt sich mit Wörtern fast nicht beschreiben. Während der Pause wurden auf der Bühne Trommeln und Schlagzeug aufgebaut, in der Mitte eine Synth-Burg. Hatte ich mir unter dem Auftritt von SBTRKT eher ein DJ-Set vorgestellt, kam er mit Schlagzeuger und Percussionist auf die Bühne und prügelte von Anfang bis Ende seine Songs auf die Zuhörer. Was zu Beginn noch verwirrte, verströmte eine grossen Sog und faszinierte extrem. Auch sanfte und leise Lieder wurden zu gewaltigen Ausbrüchen und das Konzert erhielt viel vom Flair einer afrikanischen Trommelzeremonie. Sogar ein wilder Remix von Radiohead wurde in den Wirbelsturm gezogen und haute jeden einzelnen Zuschauer aus den Socken. SBTRKT selber hantierte wie ein verrückter Wissenschaftler an den elektronischen Geräten und füllte die Leerräume mit Flächen und Beats. Grossartig und viel wuchtiger als ab Platte!

Hudson Mohawke konnte danach nur verlieren, und wusste leider meine Begeisterung nicht mehr zu entfachen. Sein Dubstep ist zu simpel und zu stark auf Effekthascherei ausgerichtet, um in mir etwas zu berühren. Für die Nintendo gewohnten Ohren sicher kein Ausfall, aber zwischen all den schreienden Synths fand ich zu wenig Herz. Somit liessen wir den Abend an der Bar ausklingen und schwelgten in den nachhallenden Erinnerungen der Sets von Jamie XX und SBTRKT.

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Bild von Cornelia Hüsser

Bild von Cornelia Hüsser

Alcest – Shelter (2014)

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Alcest – Shelter
Label: Prophecy Productions, 2014
Format: CD im Digipak
Links: Discogs, Band
Genre: Post-Rock, Shoegaze

Was passiert, wenn man einer Musikrichtung all ihre Merkmale wegradiert und nur die Grundinstrumente lässt? Es entsteht eine radikal verformte Basis, einem komplett neuen Stil zuzuordnen. Alcest aus Frankreich haben diesen Schritt gewagt und präsentieren mit „Shelter“ ein Album ohne Black Metal. Ihre vorherigen drei Werke waren diesem Subgenre angehörend, mit gutturalem Gesang und wilden Prügeleien, zeichneten aber bald einen starken Wandel in Richtung Post-Rock und Shoegaze ab. Hier nun aber sind sie am Ende ihrer Reise angelangt und steigen in neue Sphären auf.

Neue Sphären ist der richtige Ausdruck, hat man doch beim Genuss des Albums konstant das Gefühl, meterhoch über dem Boden zu schweben. Die Musik trägt einem ab der ersten Minute wie auf Flügel über die Landschaft und gibt einem das Gefühl, dem Himmel ein Stück näher zu sein. Gitarrenwände werden weich gewaschen und mit hochtönenden Synths ergänzt, das Schlagzeug klingt wie in Watte gehüllt und tut auch bei einer lauten Passage nicht weh. Fortwährend werden die Lieder in eine voluminöse Klangwand gehüllt und Instrumente werden geschichtet. Wie es sich für den Shoegaze gehört (die Bezeichnung stammt aus dem exzessiven Gebrauch von Effektgeräten), vermengen sich die Instrumente zu einem Ganzen. Einzelne Spuren oder Melodien kann und will man nicht immer wahrnehmen, der Gesamteffekt ist betäubend. In diese Doktrin ordnet sich auch der Gesang ein, der wie im Intro „Wings“ als Chor präsentiert wird, oder als sanfte, schon fast gesprochene Sätze auf Französisch. Dieser Wechsel lässt eine fantastische Dynamik entstehen, wie bei „Opale“, das zwischen intensivem Refrain und träumerischen Strophen wechselt. Hier betört zusätzlich eine schnell und laut gespielte Leitgitarre, Schönheit in musikalischer Form. Auch der Rest des Albums weicht nicht gross von dieser Formel ab, wird aber auch nie repetitiv und langweilig. Neige und Winterhalter wissen, wie der Stil zu variieren und die Lieder auszuschmücken sind. Dabei streifen sie oft Stimmungen und Momente, die extrem an Anathema erinnern. Besonders deren neustes Werk „Distant Satellites“ konnte mit denselben Mitteln viel Wirkung erzeugen. Eine Kopie sind Alcest aber zu keiner Sekunde, dafür sind sie zu talentiert.

„Shelter“ ist ein Album, um die Gedanken abzuschalten, Ruhe zu finden und den Alltag zu vergessen. Während über 40 Minuten kann man sich in Musik baden und das Glück finden. Dank dem stilvollen und passenden Artwork ist die Transition kein Problem, man spürt die Sonne förmlich im Gesicht und den Wind in den Kleidern. Wunderschön und vollendet.

Anspieltipps:
Opale, L’éveil Des Muses, Délivrance

Tocotronic – Das Rote Album (2015)

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Tocotronic – Das Rote Album
Label: Rock-O-Tronic Records, 2015
Format: CD in Kiste mit Booklet, Poster, Aufkleber
Links: Discogs, Band
Genre: Pop, Alternative

Tja, da ist es nun, das reine Pop-Album von Tocotronic, verpackt in hübschem Rot. Als ich zum ersten Mal davon gelesen habe, wurde ich sofort unsicher. Musikalisch reduziert, schmalzig und nur ein Thema – die Liebe. Tocotronic begleiten mich nun aber schon seit vielen Jahren und wussten immer wieder zu begeistern, als zögerte ich auch hier nicht lange, als ich das Album in Deutschland zum Verkauf auffand. Stilecht in der Deluxe Box, mit rotem Poster, roten Aufklebern und roter CD. Wenn das nur keinen Ärger mit den USA gibt.

Ehrlich gesagt: Die ersten paar Hördurchgänge schockten mich schon ein wenig. Vom vollen Klang der Band mit vielen Gitarrenspuren und ausufernden Arrangements bleibt nicht mehr viel übrig. Wenn die Entwicklung bei „Wie Wir Leben Wollen“ schon vom grossspurigen Rock wegführte, so ist die Band nun vollends im minimalen Klang angelangt. „Prolog“ gibt gleich den Ton an, mit minimalisierten Schlagzeug, zupfendem Bass und der nackten Stimme von Dirk von Lowtzow. Bis zum Refrain dauert es, dann ertönt ein wenig Gitarre und Stimmenlaute werden elektronisch verfremdet. Wäre nicht der markante und Deutsche Gesang, würde keiner die Band erkennen – auch wenn gegen Ende doch noch ein kleines Solo hinzukommt. Wer sich aber Zeit nimmt, die Musik setzen lässt und sich von Vorurteilen trennt, der merkt: Hoppla, die Gruppe hat sich doch etwas dabei gedacht. „Ich Öffne Mich“, ein erstes Highlight das mit sanftem Synth und einem Chor startet, die Saiten aufheulen lässt und den Gesang mit Keyboardflächen untermalt. Die Musiker schaffen hier mit wenig Ton sofort eine Atmosphäre und werden im Refrain wieder zu Maurern. Klar, die Wand ist nie so gross wie damals bei „Gift“, aber gerade diese introvertierte Präsentation gibt dem Album eine spannende Wirkung. Mehr Elektronik, mehr Fokus auf die Texte, weniger unnötiger Ballast. Lowtzows Texte waren schon immer so reichhaltig, dass sie auch schlechte Musik tragen könnten. Hier haben dies die Worte weiterhin nicht nötig, lassen sich aber noch klarer erfassen. Da fällt angenehm auf, dass hier keine Klischees bedient werden und das Thema Liebe ohne Schmalz und übermässige Gefühle portraitiert wird. Genau so wie man es von der Band kennt, auch ihr fokussierter Umgang mit der Musik. Und ob die Band nun eher mit The Cure kuschelt als mit dem Post-Rock, Geniestreiche findet man immer wieder.

Sicherlich, man fragt sich schon, was denn die gesamte Band während gewissen Songs nun macht. Aber eine solch radikale Abkehr von ihren Tugenden wie verschrien ist „das rote Album“ auch nicht geworden. Der Minimalismus steht den Herren gut und macht den alten Affen Liebe zum neuen Freund. Ausfälle oder Redundanzen gibt es selten. Und jetzt alle: „Ich hafte an dir / Wie Tinte / Auf Papier / Wie ein Sticker / An der Tür.“

Anspieltipps:
Ich Öffne Mich, Haft, Jungfernfahrt

Lùisa – Never Own (2015)

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Lùisa – Never Own
Label: Nettwerk, 2015
Format: CD im Digipak
Links: Discogs, Künstlerin
Genre: Pop, Folk

Zwischen Livedarbietung und Studioaufnahme liegen meist Welten. So muss man als leidenschaftlicher Musikhörer oft feststellen, dass gewisse Effekte und Momente leider nicht von der Bühne auf die Platte transportiert werden können. Bei Luisa hatte ich diese Befürchtung, spielte sie live doch alleine auf und verzauberte mit ihren Fähigkeiten an den Loopgeräten, ihrer rauen Stimme und dem wundervollen Lachen. Glücklicherweise haben sich meine Bedenken sehr schnell in Luft aufgelöst, denn auch auf ihrem ersten Album auf dem Nettwerk-Label umgarnt uns die Musikerin aus Hamburg mit all ihrem Talent.

„Under The Wild Skies“ lässt eine schüchterne erste Begegnung zu, die Künstlerin singt das Lied mit sanfter Begleitung und ohne grosses Tamtam, aber auch mit schöner Steigerung gegen den Schluss. Wer nun aber befürchtet, eine gehauchte und fast nicht hörbare Platte gekauft zu haben, der sei beruhigt: Schon mit dem zweiten Song gesellt sich zur Gitarre und den feinen Synthspuren eine volle Band hinzu. Zwar bleiben die Musiker unaufgeregt und spielen nur die Spuren und Noten, die auch wirklich dem Song dienen, kreieren aber ein wunderbar volles Hörerlebnis. Elektronische Spielereien wie ein sanfter Beat oder Flächen aus dem Keyboard machen das Album wandelbar, ein erstes Highlight erreicht man mit dem leichtfüssigen „Vision“. Sofort krallt sich das Stück im Kopf fest und lässt nicht mehr los, auch dank der wunderbaren Stimme von Luisa, die mit ihrem heiser und tief anmutenden Gesangsstil viel Charme verbreitet. Diese Wirkung wird durch die authentischen und wahrhaftigen Texte unterstützt. Ebenso dadurch, dass sich die talentierte Künstlerin nicht von den Möglichkeiten überfordern liess, sondern ihre Ideen mit viel Raum präsentiert. Den Liedern haftet somit etwas Anmutiges an, zwischen den Klängen kann man sich umschauen und genau forschen. Auch beim Französisch gesungenen Text in „L’Hiver En Juillet“ stolpert man somit nicht, es fügt sich alles perfekt zusammen.

„Never Own“ ist ein vielfältiges und wunderbar anzuhörendes Folk-Pop-Album geworden. Luisa kam für mich aus dem Nichts und strahlte gleich aus der Masse der Musikerinnen heraus. Ihre Lieder verfügen über Kanten, gelungene Ideen und immer wieder wunderschön geschriebene und gespielte Abschnitte. Dieser Künstlerin steht noch viel bevor, und uns hoffentlich weitere so gute Alben von ihr wie dieses hier.

Anspieltipps:
Vision, Wouldn’t Mind, More