Swans – The Seer (2012)

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Swans – The Seer
Label: Young God Records, 2012
Format: 3 Vinyl in Gatefold, mit Poster und Download
Links: Discogs, Band
Genre: Noise-Rock, Post-Rock

Repetition, Einschränkung, Lärm – mit „Lunacy“ starten die Swans sperrig und laut in ihr Meisterwerk „The Seer“. Auf über sechs Vinylseiten erwarten den Hörer tonnenweise Gitarren, Geräusch und auch eine Spur Wahnsinn. Was die Gruppe um Michael Gira hier aufgenommen hat, ist ein Jahrhundertwerk und steht alleine auf weiter Flur. Wer hätte gedacht, dass nach dem Zusammenbruch der Gruppe Anfangs der Neunzigerjahre das Kollektiv noch einmal so munter auftritt und ein Brett nach dem anderen raushaut. Da darf der Hörer nicht vergessen zu atmen.

Den Hals zieht es einem teilweise schon zusammen, wenn sich die Instrumente in einem hypnotischen Schlaufspiel immer näher ans Zentrum wagen und ihre Mantras über die Ohren vergiessen. Durch die konstante Repetition werden aus den Stücken fast unendliche Schleifen, Zeit und Ort verlieren ihre Bedeutung. Besonders zur Geltung kommt dies bei „Mother Of The World“ oder den langen und schweren Stücken wie „The Seer“. Gira bringt seine Musik somit an einen Punkt der Auflösung, es geht nicht mehr um Strukturen und Formen, sondern um den Klang an sich und seine Position im Kosmos. Die Instrumente vermengen sich zu einem Strudel, der nicht nach Melodien greift, sondern Lärm und Frequenzen bündelt. Bis diese Strömungen ihren Endpunkt erreichen, vergeht auch gerne mal eine halbe Stunde, wie beim titelgebenden Lied. Interessant ist dabei, dass die Musik nie zum Selbstzweck verkommt oder langweilt. Wie in den Genres Ambient oder Post-Rock findet sich der Reiz in der langsamen Gestaltung und der Wiederholung. Langsam schälen sich Spuren und Harmonien aus dem Dickicht, Akzente werden mit Perkussion und Dudelsack gesetzt, Bläser greifen Höhepunkte auf. Mit dem Gesang wird ebenfalls keine Sicherheit in die Lieder gebracht, sondern das Album um eine unheimliche Ebene erweitert. Mit Jarboe findet man weibliche Unterstützung, Erleichterung nicht mit eingeschlossen. Denn bei den vulkanartigen Eruptionen voller Geräusch und Lärm gibt es kein Halten mehr. Wer nicht in der Klangflut untergeht, hat zumindest den Boden unter den Füssen verloren und treibt nun mit. Da helfen auch Anleihen an den Blues, Punk oder Rock nicht.

„The Seer“ ist ein hartes Album, ein schwieriges und keines, das gefallen will. Trotzdem, die Lieder und die Musik machen süchtig, man kann sich fast nicht satt hören. Somit vergehen die zwei Stunden wie im Fluge, und wer sich getraut, kann noch einmal von vorne beginnen. Gira und seine Mannen haben ein umwerfendes Werk erschaffen. Und wer bisher glaubte, Lärm kann man sich nicht anhören, der wird hier eines besseren belehrt.

Anspieltipps:
Lunacy, The Seer, Avatar

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