Live: Portishead, Montreux Jazz Festival, 15-07-10

Portishead_Montreux_MBohli

Portishead
Support: Thought Forms
Freitag 10.07.2015
Stravinski Auditorium, Montreux
Setlist

Lärm, Lautstärke, Ausdruck – mit diesen drei Wörtern umschreibt man den zweiten Konzertabend am diesjährigen Montreux Jazz Festival perfekt. Wie schon letztes Jahr, hiess es auch 2015 erneut „willkommen zurück, alte Trip-Hop Legenden“. Nachdem vor zwölf Monate Massive Attack das Stravinski Auditorium zum Beben brachten, durften nun Portishead ran, zum ersten Mal in ihrer Karriere. Die hübsche Konzerthalle und das musikinteressierte Publikum boten einen ebenbürtigen Gegenpol zur komplexen und grossartigen Musik.

Schon bei der Vorband war ein offener Geist und Aufmerksamkeit gefragt, Thought Forms spielten intensive und klangkreative Lieder mit viel Energie. Schlagzeug und zwei Gitarren, mehr braucht das Trio aus England nicht um Träume oder Wahnvorstellungen zu erschaffen. Laut und wuchtig drifteten ihre Songs zwischen Post-Punk, Shoegaze und Ambient-Metal. Es lässt sich zwar drüber streiten ob die Lieder zum Teil etwas langgezogen waren, mir gefällt jedoch diese Sogwirkung durch mäandernde Strukturen. Da störten auch Schreie oder plötzlich ausbrechende Gitarren nicht. Und als am Schluss noch Flöte und Effektgeräte bearbeitet wurden, flog wohl so mancher Zuhörer spirituell auf eine neue Ebene. Eine Band die man sich merken muss, und dank Label und Produzent Jim Barr in direkter Verbindung zu Portishead stehen.

Nach so viel Wucht wollte man sich in der Pause kurz erholen, leider dürfen in das Auditorium keine Getränke reingenommen werden. Somit blieb uns nichts anderes übrig, als zwei Mal den Gang durch die Menschen zu wagen. Pünktlich zurück auf dem Parkett wurde die Stille mit dem wilden „Silence“ durchstossen. Wie schon vermuetet, spielte die Band auch an diesem Abend kein neues Material und begnügte sich mit Lieder von ihren ersten drei Alben, wobei die Hälfte von „Third“ stammte. Das ist einerseits kein Problem, ist die Musik dieser Gruppe schliesslich über alle Zweifel erhaben und angenehm fordernd, andererseits aber auch etwas ausgelutscht. Wer die Band – wie ich – bereits mehrmals in den letzten Jahren live erleben konnte, der weiss wie die Konzerte ablaufen und was gespielt wird. Dank der Perfektion und minutiösen Darbietung der Stücke fehlen Soli ebenso wie geänderte Strukturen. Ganz klar ist das Jammern auf höchstem Niveau, aber ich frage mich, wie lange sich Portishead so noch relevant halten können. Trotzdem, Lieder wie „Machine Gun“ mit den aktuellen politischen Bildern, „Wandering Star“ mit seinen betörenden Melodien oder „Glory Box“ mit seiner unzerstörbaren Schönheit strahlen auch heute noch genau so hell. Beth Gibbons ist zwar älter geworden, leidet stimmlich aber immer noch wie ein sterbender Schwan. Und was Geoff Barrow als Zeremonienmeister aus seiner Truppe herausholt ist immer wieder umwerfend.

Wer ohne Innovationen auskommt (diese folgen aber bestimmt mit dem vierten Album, ca. 2025) und gerne die alten Klassiker in lautem Gewand hört, der kommt auch heute nicht an Portishead und ihrem progressiven Trip-Hop vorbei. Falls ihr aber auch zu den Menschen gehört, die schon mehrmals in den Genuss einer Perfomance kamen, der kann auch getrost neue Talente entdecken und die Engländer für einmal auslassen. Dass sie grossartig sind, das wissen wir schliesslich alle.

Thought Forms_Montreux_MBohli

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