Tocotronic – Das Rote Album (2015)

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Tocotronic – Das Rote Album
Label: Rock-O-Tronic Records, 2015
Format: CD in Kiste mit Booklet, Poster, Aufkleber
Links: Discogs, Band
Genre: Pop, Alternative

Tja, da ist es nun, das reine Pop-Album von Tocotronic, verpackt in hübschem Rot. Als ich zum ersten Mal davon gelesen habe, wurde ich sofort unsicher. Musikalisch reduziert, schmalzig und nur ein Thema – die Liebe. Tocotronic begleiten mich nun aber schon seit vielen Jahren und wussten immer wieder zu begeistern, als zögerte ich auch hier nicht lange, als ich das Album in Deutschland zum Verkauf auffand. Stilecht in der Deluxe Box, mit rotem Poster, roten Aufklebern und roter CD. Wenn das nur keinen Ärger mit den USA gibt.

Ehrlich gesagt: Die ersten paar Hördurchgänge schockten mich schon ein wenig. Vom vollen Klang der Band mit vielen Gitarrenspuren und ausufernden Arrangements bleibt nicht mehr viel übrig. Wenn die Entwicklung bei „Wie Wir Leben Wollen“ schon vom grossspurigen Rock wegführte, so ist die Band nun vollends im minimalen Klang angelangt. „Prolog“ gibt gleich den Ton an, mit minimalisierten Schlagzeug, zupfendem Bass und der nackten Stimme von Dirk von Lowtzow. Bis zum Refrain dauert es, dann ertönt ein wenig Gitarre und Stimmenlaute werden elektronisch verfremdet. Wäre nicht der markante und Deutsche Gesang, würde keiner die Band erkennen – auch wenn gegen Ende doch noch ein kleines Solo hinzukommt. Wer sich aber Zeit nimmt, die Musik setzen lässt und sich von Vorurteilen trennt, der merkt: Hoppla, die Gruppe hat sich doch etwas dabei gedacht. „Ich Öffne Mich“, ein erstes Highlight das mit sanftem Synth und einem Chor startet, die Saiten aufheulen lässt und den Gesang mit Keyboardflächen untermalt. Die Musiker schaffen hier mit wenig Ton sofort eine Atmosphäre und werden im Refrain wieder zu Maurern. Klar, die Wand ist nie so gross wie damals bei „Gift“, aber gerade diese introvertierte Präsentation gibt dem Album eine spannende Wirkung. Mehr Elektronik, mehr Fokus auf die Texte, weniger unnötiger Ballast. Lowtzows Texte waren schon immer so reichhaltig, dass sie auch schlechte Musik tragen könnten. Hier haben dies die Worte weiterhin nicht nötig, lassen sich aber noch klarer erfassen. Da fällt angenehm auf, dass hier keine Klischees bedient werden und das Thema Liebe ohne Schmalz und übermässige Gefühle portraitiert wird. Genau so wie man es von der Band kennt, auch ihr fokussierter Umgang mit der Musik. Und ob die Band nun eher mit The Cure kuschelt als mit dem Post-Rock, Geniestreiche findet man immer wieder.

Sicherlich, man fragt sich schon, was denn die gesamte Band während gewissen Songs nun macht. Aber eine solch radikale Abkehr von ihren Tugenden wie verschrien ist „das rote Album“ auch nicht geworden. Der Minimalismus steht den Herren gut und macht den alten Affen Liebe zum neuen Freund. Ausfälle oder Redundanzen gibt es selten. Und jetzt alle: „Ich hafte an dir / Wie Tinte / Auf Papier / Wie ein Sticker / An der Tür.“

Anspieltipps:
Ich Öffne Mich, Haft, Jungfernfahrt

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