Torres – Sprinter (2015)

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Torres – Sprinter
Label: Partisan Records, 2015
Format: Vinyl mit Download
Links: Discogs, Künstlerin
Genre: Grunge, Singer-Songwriter

Laute Gitarren, kratzende Akkorde und harte Stimmen, wie schnell dies alles in bedächtig gehauchte Zeilen mit zitternden Melodien umschwenken kann. „Sprinter“, das zweite Album von Torres, ist ein Wechselbad der Gefühle und ein hart zu verdauender Brocken. Was die junge Amerikanerin mit dieser Platte geschaffen hat, wird einen langen Nachhall erzeugen und zeigt dem stocksteifen Singer-Songwriter, was mit dem Stil alles machbar ist. Erschreckend, wie alt die 24-jährige dabei zum Teil klingt.

Eröffnet wird das Album durch „Strange Hellos“, einem direkten und missmutigen Rocker. Zurück in den 90ern rumpeln Bass und Schlagzeug, die Gitarre erklingt mit rostigen Saiten und wird auch nach langem Üben nicht gespielt. Geradeaus rockend, erzählt uns Mackenzie Scott genervt von dem mühsamen und künstlichen Verhalten, das man Mitmenschen vorspielen muss. Wieso nicht einfach mal direkt sagen, ich mag dich nicht, hören wir mit diesem aufgesetzten Getue auf? Eine klare Ansage, dieser direkte Stil zieht sich komplett durch das Album. Was die Musik teilweise an Ruhe versprüht, das machen die Texte durch ihre beklemmenden Aussagen kaputt. In fast allen Stücken entsteht somit eine angespannte Stimmung, wirklich wohl wird es dem Hörer erst, wenn er das Album auseinander genommen und für sich neu zusammengebaut hat. Und diese Arbeit lohnt sich sehr, denn was Torres mit „Sprinter“ veröffentlicht hat, das sucht seinesgleichen. „Son, You Are No Island“ offenbart zum ersten Mal das wahre Genie. Dunkel wabernd und angriffslustig lauernd schleicht das Stück umher, immer bereit für den Angriff. Die Künstlerin weiss dabei auf geniale Weise Melodie, Stimmung und Instrumentierung zu einem grösseren Ganzen zu verbinden. Dass sich wilde und ruhige Lieder oft direkt abwechseln ist nicht störend, sondern verleiht den Einzelteilen umso grössere Wucht. Wenn am Schluss dann alles in „The Exchange“ zu einem minimalistischen Klagelied zusammengebrochen ist, hat man nicht nur eine Achterbahn der Gefühle durchlebt, sondern sieht Gitarrenmusik aus einem neuen Blickwinkel. Wütend und aggressiv, bedrohlich und drückend, einfach und verwoben, Torres zieht alle Register und macht aus ihrer Platte einen Albtraum voller Sehnsüchte. „A Proper Polish Welcome“ zeigt dabei sogar kurz Hoffnung und der Himmel lässt die Sonne durchscheinen. Der Rest ist wie eine Warnung, eindringlich.

Wer sich auf dieses Werk einlässt, der sollte weder labil noch ungeduldig sein. Das erforschen der Lieder ist nicht immer einfach, doch belohnt die Hörer auf unglaublich intensive Art. Es schälen sich wunderbare Melodien und Harmonien aus dem Moor, leise Passagen erhalten ungeahnte Wucht und dreckige Rockmomente dröhnen im Kopf. Wer von Singer-Songwriter bisher immer dachte, das sei etwas für Holzfällerhemd tragende Weichlinge, der wird hier eines besseren belehrt. „Sprinter“ ist ein schwarzes Meisterwerk.

Anspieltipps:
Son; You Are No Island, Sprinter, The Exchange

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