Róisín Murphy – Hairless Toys (2015)

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Róisín Murphy – Hairless Toys
Label: Play It Again Sam, 2015
Format: CD mit Booklet
Links: Discogs, Künstlerin
Genre: Electronica, Art-Pop, Blues

Ok, damit habe ich nicht gerechnet. Acht Jahre nach ihrem letzten Album veröffentlicht die ehemalige Sängerin von Moloko ihr drittes Soloalbum, und es ist eine Wundertüte von Klang und Einfall geworden. Hat sich die Frau bisher immer dem tanzbaren und oft etwas künstlichen Electronica gewidmet, geht sie nun einen neuen Weg. Wobei optisch die Platte wieder so kreativ und verrückt daher kommt, wie zuletzt „Overpowered“. Murphy kleidet sich weiterhin gerne ausgefallen und oft in theoretischer Mode. Doch beurteilen will ich nun die Musik, Kleider übersteigen meine Referenzbereiche.

Das Album beginnt mehr oder weniger in den Bahnen, die man von Roisin Murphy erwartet. Die Bässe grooven, die Synths und Keyboards spielen (teilweise süssliche) Melodien in mehreren Schichten und die Künstlerin singt witzig gereimte Texte. „Agi-magic-la-talagy / My spell on you“ – wie gerne die Frau doch die Sprache mit dem Brecheisen bearbeitet und das Englisch an seine Grenzen bringt. Somit umgeht sie geschickt die Fallen des Pop, billige Wortreihen zu kreieren, die man schon unzählige Male wahrgenommen hat. Doch auch schon mit den ersten Liedern auf dem Album hebt sie sich von älteren Werken ab, spitzt man doch erstaunt die Ohren ab all den versteckten und sehr kreativen Ideen. Die Lieder sind nicht immer eingängig, viele Bestandteile wollen zuerst nicht so recht ins Klangbild passen. In „Exploitation“ arbeitet sie mit vielen, gegeneinander antretenden Stilfarben, langsames Klavier gegen wildes Klangholz. Wunderbar ist dabei, dass den Liedern viel Zeit gegönnt wird. Die meisten bewegen sich im Bereich von sechs bis knapp zehn Minuten, eher eine Seltenheit in diesem Genre. Obwohl, was heisst hier Schublade? Murphy mischt Blues, Funk und Pop in ihr Downtempo, pflückt sich raus was Sinn macht. Und dann die Wende: Mit „House Of Glass“ transformiert sich das Album plötzlich zu einem Art-Pop / Minimal Wunderwerk, dass von Kate Bush stammen könnte, oder von Petra Gabriel. Die Lieder werden noch komplexer, noch bereichernder. Niemals hätte ich eine solche Dichte an Kreativität und Stimmung erwartet, die letzten drei Lieder hauen um!

Mit ihrem dritten Album hat Roisin Murphy ein beachtliches Stück Kunst erschaffen. Die Musik wird mit fortschreitender Spielzeit immer vielschichtiger und überlegter. Was zuerst wie ein Tanzalbum beginnt, schält sich aus seiner Haut und wird ein Feld voller surrenden Insekten. Gewagt, gewaltig, gekonnt.

Anspieltipps:
Evil Eyes, House Of Glass, Hairless Toys (Gotta Hurt)

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