Radio und der Anspruch

Dank meiner Pflicht Zivildienst zu leisten, kam ich in den letzten Tagen in den Genuss des Radioprogramms in der Schweiz. Bei uns im Kanton Aargau hören sich viele Leute den regionalen Sender „Argovia“ an, wohl wegen den Nachrichten und Meldungen aus den umliegenden Ortschaften. Das musikalische Programm ist dabei nicht wirklich von anderen Stationen zu unterscheiden, die geläufige Mischung aus Charts und Hits aus den vergangenen Jahrzehnten bestimmt den Tag. Da ich meinen Musikkonsum schon seit einigen Jahren vom Mainstream weggeführt habe, war auch die Berieselung durch ein vorgefertigtes Programm nicht mehr mein Wunsch. Bei der Arbeit oder zu Hause höre ich immer die Musik aus meiner Sammlung und wage mich nicht daran, den Radio anzuschalten. In der Werkstatt allerdings ist die Situation eine andere, dort habe ich kein Machtwort zu sprechen.

Nach vier Tagen Dauerbeschallung kann ich nun offiziell sagen: Musik aus dem Radio verlangt weder Aufmerksamkeit noch Anspruch, und ist meist scheisse. Die aktuellen Charts werden von Liedern bestimmt, die aus einem Baukasten zu stammen scheinen, und unterscheiden sich oft nur durch den Sänger. Elektro-Pop mit viel Melodie und Keyboard, eingängige Textzeilen und Schlagwörter. Kein Song weicht vom bekannten Strophe-Refrain-Strophe Schema ab und experimentiert beim Aufbau. Wenn die Phrasen des Refrains nicht nach 30 Sekunden zum ersten Mal erklingen, dann ist dies eine Ausnahme. Wenn ein Lied einen instrumental gehaltenen Einstieg besitzt, sprechen die Moderatoren schamlos darüber und zerstören die Spannung. Sowieso, die Radiosprecher scheinen jedes Mal fast vor Freude zu sterben, wenn sie ein Lied zum dritten Mal am Tag, und zum 100. Mal in der Woche abspielen dürfen. „Dieser neue Song ABC von der Band XYZ ist so grossartig, einer meiner Liebsten.“ Ja klar, das glaubt doch keiner oder?

Besonders verdreht habe ich meine Augen, als auf die wunderbar tiefsinnigen Texte eines neuen „Hits“ von The Script hingewiesen wurde: „Where’s The Good In Goodbye“. Auch wenn vielleicht nicht jeder Hörer sich 3.5 Minuten auf einen Song konzentrieren kann, wurde es doch empfohlen und ich tat es. Aber wo denn hier unter all dieser pseudo-aussagekräftigen Wortbastelei etwas Tiefsinniges sein soll, erschloss sich mir nicht. Bin ich wirklich so verwöhnt mit grossartigen Künstlern, die Gedanken in interessanter Form auf das Papier bringen, oder spielt das im Radio keine Rolle, da die Musik sowieso nur als Hintergrund dient? Wie auch immer, weder musikalisch noch textlich konnte mich ein Lied wirklich überzeugen. Selbst Künstler die ich mag, wie Ellie Goulding, begann ich zu hassen, da die gleichen Lieder immer und immer wieder gespielt werden. Mit der Zeit war es wie bei einer Hypnose, der Schall verformte sich zu einem gleichmässigen Tunnel und klopft das Gehirn weich. Das plötzliche Auftauchen von Klassiker (wie Simple Minds oder Bruce Springsteen) waren wie Wundwasser in meinen verletzten Ohren und liessen mich glücklich pfeifen.

Ich will nicht überheblich klingen, aber wieso ist die Massenmusik so anspruchslos und ohne Liebe erstellt? Wieso will sich der Mensch nicht mehr Zeit für eine wunderbare Kunst wie die Musik nehmen? Und wieso kann man mit diesem Müll am meisten Geld machen? Unfair ist das. Eine lustige Anekdote noch zum Schluss: Die Schweizer Mundart-Band Züri West prangerte vor Jahren die Musikpolitik des staatlichen Senders DRS3 an, und zwar auf dem Album „Radio zum Glück“. Doch genau mit dieser Scheibe verwandelte sich ihr Sound zu einem glatt geschliffenen Radiopop, genau dieser Musik, welche verurteilt wurde. Kalkül oder Aufgabe?

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Ein Kommentar

  1. Danke für den herrlichen Beitrag. Mit den Jahren wird das noch schlimmer, wenn selbst der Freundeskreis nur noch von den guten alten Zeiten (80er bei mir) erzählt. Sicher war da nicht alles schlecht, aber naja… Ich durfte mir schon sagen lassen, dass ich die ’nicht anhörbare Musik‘ insbesondere höre, um mich zu unterscheiden, nicht weil sie gut wäre. Da ich aber aus der musikpubertären Phase raus bin, zumindest ein wenig, gibt es da keine Diskussionen mehr. Es ist nur bedauerlich dass sich eine Vielzahl an Gleichaltrigen nicht mehr auf neues einlassen will und eben dem alten nachtrauert. Seit weit über 25 Jahren höre ich Musik abseits des Radios, teilweise aber sogar radiotauglich, nur keiner merkts, und ich konnte keinen real existierenden Menschen von einer neuen Band überzeugen.
    Klar, es verschieben sich die Lebensschwerpunkte, aber deshalb löst sich ja nicht alles gewesene auf.
    Naja, machen wir eben weiter und hoffen das Beste.
    Im übrigen finde ich das Schweizer Radio manches Mal geradezu erfrischend, habe ich dort doch
    zum ersten Mal auf einer nächtlichen Durchfahrt Caribou gehört und kennen gelernt und dann sogar noch als Support von Radiohead erlebt. Vielleicht sollte ich doch an meinem kleinen Musikblog weitermachen…

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