Insurgentes – Movie (2009)

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Insurgentes (2009)
Regie: Lasse Hoile
Label: Kscope, 2009
Format: 2 DVD in Mediabook
Links: IMDb, Homepage

Wie nähert man sich einem vielschichtigen und wandelfähigen Künstler, zeigt sein Leben auf und stellt gleichzeitig den allgemeinen Alltag eines Musikers im 21. Jahrhundert in den Vordergrund? Lasse Hoile geht mit „Insurgentes“ den Weg der Kunst-Dokumentation, um Steven Wilson und den aktuellen Umgang mit der Ware Musik zu belichten. Dabei gelingt es ihm auf spannende Weise, Erzählstrukturen und Narration logisch in das Chaos zu senden und alles miteinander auf den Zuschauer einprasseln zu lassen. Welcher Handlungsstrang als primär zu betrachten ist, bleibt einem selbst überlassen.

Wurde „Insurgentes“ als Satellitenprodukt zum ersten Steven Wilson Album vermarktet, ist es in sich viel mehr als nur eine filmische Annäherung an den Progmeister und Ausnahmekünstler. Sicherlich, die Handlung folgt dem sanften und introvertierten Menschen zurück in seine Kindheit, wir besuchen die Schule in der er Sport hassen gelernt hat, sehen uralte Aufnahmen seiner ersten Bands und plaudern mit den Eltern. Doch all dies ist nur ein Teil eines grösseren Zieles. Steven Wilson nimmt uns im Film an der Hand und führt uns durch farbenveränderte, grobkörnige und traumähnliche Bilder, durch verlassene Landschaften und Welten voller kostümierter Menschen. Das Ziel der Reise ist die Ergründung des aktuellen Zustands der Musikindustrie. Der Gesichtspunkt der Wirtschaft und Verkaufszahlen aussen vor gelassen, ist es ein Portrait der Gefühlslage als Musiker in der heutige Zivilisation. Was bedeutet es, in der modernen Welt als Band oder Solokünstler durch die Länder zu reisen und Konzerte zu geben? Wie viel Wertschätzung erfährt man als Erschaffer von Platten und Liedern? Und wie viel Schaden richtet der Musikkonsum über mindere Formate wie Handys und schlechte mp3 wirklich aus? Lasse Hoile und Steven Wilson bieten verständlicherweise keine abschliessenden Antworten, werfen aber viele spannende Fragen in den Raum und versuchen sich dem Thema auf mehrere Arten anzunähern. Für mich als Liebhaber der physischen Formate und der Haptik ist es natürlich Balsam auf der Seele, wenn Wilson zusammen mit Mikael Åkerfeldt von Opeth oder Jonas Renkse von Katatonia über Vinyl und Covergestaltung sinniert. Dagegen stellen sich die etwas plumpen Zerstörungsorgien der iPods, im Zusammenspiel vermengen sich die Aufnahmen aber zu einem runden Bild.

Dazwischen taucht man immer wieder in die kreativen Ergüsse von Hoile ab; sieht Wilson in einer Kirche ein Piano aufnehmen, lauscht dem Dröhnen einer Liveperformance von Bass Communion oder besucht die realen Orte der Burning Shed Bildsprache, fotografiert von Carl Glover. Dies kann bei der Erstsichtung überfordern, fasziniert aber konsequent in seiner Mannigfaltigkeit. Wie auch die Musik selber, kann ein solcher Film nicht gradlinig und klar ausformuliert sein. Das Endergebnis erschliesst sich erst beim direkten Kontakt mit dem Empfänger, wie auch bei allen grossartigen Alben. Für manche mag der Film – wie auch die Musik von Wilson – einfach nur „weird shit“ sein, für Interessierte, die gerne weiter blicken als nur in die Charts und auf den Startbildschirm ihrer Spotify-App, ist „Insurgentes“ eine mitreissende und intelligente Reise.

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