Peter Hammill – …all That Might Have Been… (2014)

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Peter Hammill – …all That Might Have Been…
Label: Fie! Records, 2014
Format: 3 CDs in Box, mit 2 Booklets
Links: Discogs, Künstler
Genre: Avantgarde, Art-Rock

Als Hörer ist es oft schwierig, den kreativen Schaffensprozess eines Musikers verstehen zu können. Wie entwickelt man aus einer Melodie oder einem Riff einen Song? Wie fügt man Bruchstücke zu einem Ganzen zusammen? Peter Hammill, seines Zeichens Gitarrist bei den Urgesteinen Van der Graaf Generator, lässt auf seinem neusten Soloalbum Einblicke in diesen Prozess zu. Und wie man es sich von ihm gewöhnt ist, macht er es dem Hörer dabei nicht leicht. „…all That Might Have Been…“ ist eine wundervolle Reise, die Kraft und Aufmerksamkeit verlangt, aber auch reichlich belohnt.

In der üppigen Deluxe-Edition wird das Album auf drei CDs präsentiert, begleitet von zwei Büchlein mit den Texten. Dem Hörer bieten sich nun diverse Herangehensweisen an das Werk. Startet man mit der 50 minütigen Klangcollage „Ciné“? Oder doch eher mit den konventionellen Liedern auf „Songs“? Herr Hammill hat das Album in einer langjährigen Arbeit aus Fragmenten und einzelnen Skizzen zusammengefügt. Die „Songs“ sind dabei das Destillat. Hier werden die einzelnen Teile zu entrückten und schleppenden Tracks vermengt. Das eigentliche Format Album wird hier dargeboten und erschliesst sich mit einer stringenten Struktur und Erzählweise. Die Musik driftet zwischen Avantgarde, Gitarrenlied und experimentellem Ambient – Hammill lässt dazu seine Stimme vervielfachen, als Chor aufbieten oder zerbrechlich schreien. Das verlangt Zeit und Hingabe, denn die Strukturen sind verschachtelt, die Lieder bieten keinen normalen Aufbau. Umso erfüllender ist das Erlebnis nach mehrmaligem Hören.

Auf „Ciné“ wird all diese Arbeit wieder ad absurdum geführt. Denn hier hat der Künstler seine Fragmente aus den Songs gelöst und als cineastische Reise komplett neu verbunden. Der Hörer taucht auf dieser CD komplett in die Welt von Hammill ein und muss sich allem hingeben. Oft treibt man wie im weiten Meer und sucht nach Anhaltspunkten, dann wieder erwischt man eine Boje und lässt sich hin und her schaukeln. Eine chronologische Erzählung sucht man vergebens und kann sich aus dem Klangkonstrukt selber eine Handlung formen. Das ist nie langweilig, aber auch nicht immer einfach. Am Ende ist man deswegen ein wenig erschöpft, aber auch umso bereicherter. „Ciné“ ist eine grossartige Erfahrung und der beste Weg, die Grösse dieses Albums zu erfassen.

Wer danach immer noch weiter forschen will, darf dies auf der dritten Scheibe mit dem Titel „Retro“. Hier geht man noch weiter zurück zum ursprünglichen Material, denn Hammill hat seine Demos rekonstruiert und veröffentlicht. Die Musik kommt hierbei ohne Gesang aus und präsentiert sich in viel längeren Stücken. Da wird man gerne zum Archäologen.

Anspieltipps:
Komplette Ciné-CD, Disrespect (In Kabuki-Cho), Passing Clouds

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