Faithless – Sunday 8PM (1998)

„Musik für die Ewigkeit“; unter diesem Label veröffentliche ich Reviews zu Platten und Alben die mein Leben am stärksten beeinflusst haben und mir für immer ans Herz gewachsen sind. Meine persönlichen Platten für die einsame Insel.

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Faithless – Sunday 8PM
Label: Cheeky Records, 1998
Format: CD
Links: Discogs, Band
Genre: Dance, Pop, Trip-Hop

Insomnia, der bekannteste Song von der leider nicht mehr existierenden Band Faithless kennt wohl jeder. Auch ich fand ihn immer sehr toll, wagte mich aber nie an die Alben der Band. Bis sich eine günstige Gelegenheit fand jedenfalls, danach veränderte sich alles. Das zweite Album Sunday 8PM wurde innert kurzer Zeit ein musikalisches Werk das den Status „allmächtiges Album für die Ewigkeit und einsame Inseln“ bei mir innehält und diesen auch nie mehr verlieren wird.

Dabei beginnt alles so unscheinbar mit einer gurrenden Taube, einem Glockenschlag und sanfter Gitarre. Das instrumentale Eröffnungsstück „The Garden“ dient wie als Einlaufmusik in die Welt vom Maxi Jazz, Rollo und Sister Bliss. Nebst dem Pop und Alternative werden auch hier schon böse knarzende Synthies aufgefahren und sanfte Beats von den Leinen gelassen. Doch schon bald geht all diese Zurückhaltung verloren und das Album macht Tanznummern, traurigen Popsongs, Hymnen und introvertierten Aussagen platz. Dabei erreichte mich die Musik nicht einmal zuerst, denn meist verhalten sich die Klangspuren wie das Album: Bei erster Betrachtung unscheinbar, nach genauer Studie aber raffiniert gelöst und perfekt funktionierend in der eigenen Reserviertheit. Was aber gleich wie ein Brandeisen in meinen Körper eingedrungen ist waren die Texte. Maxxi Jazz dichtete sich wohl unter Todesdrohung um sein Leben, anders kann ich nicht erklären wie solch grandiose Kurzgeschichten und Welten im Songformat entstehen konnten. „Bring My Family Back“ erzählt vom tieftraurigen und aussichtslosen Leben eines Mannes der seit Kindheit immer Problemsituationen durch machte und somit auf die falsche Bahn geriet, dabei seinen Eltern, Kindern und seiner Frau nachtraurert. Absolute Gänsehaut in den Refrains da immer wieder ein neuer Schicksalsschlag mit ähnlichen Bitten verknüpft wird, begleitet von Beats und Chorgesang. Wie grossartig der Aufbau des Albums gestaltet ist zeigt sich auch gleich beim folgenden Lied. „Hour Of Need“ holt mich mit seiner unterkühlten Fröhlichkeit aus dem Loch heraus und zeigt, dass das Leben auch schön sein kann, somit textlich zugleich das Gegenstück; eine perfekte Wende. Und Dido singt ihren ersten von vielen tollen Momenten auf diesem Album. Wie unglaublich gut durchdacht die Reihenfolge der Lieder ist, zeigt sich auch bei „Postcards“ / „Take The Long Way Home“. Auch hier ergänzen sich ruhiger Popsong und toller Clubtrack zu einer erfüllenden Gesamtstimmung. Der Übergang ist gar so formvollendet, dass diese zwei Lieder in meinen Augen nie voneinander losgelöst gespielt werden sollen. Im Herz entsteht sonst das Gefühl von Trennung.

Auch hier zeigt sich die Weisheit und das lyrische Können hinter den Texten. „Postcards“ ist ein einfühlsamer Dialog zwischen einem sich auf Tournee befindenden Musiker und seiner Freundin Zuhause. Er schreibt erklärende Postkarten, sie ist unglücklich alleine. Weiter geht es genau so gross mit „Why Go?“ und als Abschluss „Killer’s Lullaby“, die haarsträubende Geschichte eines Vampirs und seiner Betrachtung der Welt und ewigen Liebesbeziehung zu seiner Angebeteten. Gerade dieser Song haut mich immer wieder um. Der lange und teilweise kryptische Text, die Musik die sich den Emotionen anpasst und Wutausbrüche sowie Resigniertheit bestens ausformuliert, hier zeigt sich zum wiederholten Mal die Perfektion des Albums. Auch wie ausgeklügelt die Produktion ist, hier hat sich jeder Ton seine Richtigkeit und Geräusche fügen sich wohlgeformt in die Lieder ein. Und obwohl die Musik klar aus den Neuziger stammt wirkt sie nicht überholt oder veraltet. Dazu gesellt sich die tiefe Stimme und der Sprechgesang von Maxi, die großartigen Harmonien von Sister Bliss und die tollen Beats von Rollo. Das ganze Album ist ein formvollendetes Werk das mit seinem kompletten Torso die Stärke der einzelnen Teile um vieles überstrahlt. Es entsteht für somit die Wirkung eines Konzeptalbums ohne dies im eigentlichen Sinne zu sein, Schicksale treffen auf Clubmusik trifft auf intelligenten Pop. Dabei fallen auch die Songs nicht unangenehm auf, die eher alleinstehend sind und eher als Single fungieren. Bestes Beispiel das wohl als Nachfolgehit zu „Insomnia“ gedachten „God Is A DJ“.

Mit Sunday 8PM wollten Faithless nicht in den Club oder in die Disco, sie wollten nicht im Radio oder in Undergroundszenen gespielt werden, nein. Sie erschufen ihren eigenen Kosmos, ihre eigene Welt und mit dem Zweitwerk ihre beste Platte des gesamten Katalogs und landeten somit direkt im Herzen der Hörer. Ein Meisterwerk mit viel Gefühl, Introvertierheit, atemberaubenden Texten, perfekt aufeinander abgestimmten Songs und Momente für die Ewigkeit. Why go, if you can stay a while.

Anspieltipps:
Postcards, Take The Long Way Home, Killer’s Lullaby


(Als Kurzversion)

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