Peter Gabriel – UP (2002)

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Peter Gabriel – UP
Label: Real World, 2002
Format: Doppelvinyl im Gatefold, Booklet
Links: Discogs, Künstler
Genre: Art-Pop, World

10 Jahre können eine sehr kurze Zeitspanne sein oder wie eine Ewigkeit wirken. In 10 Jahren verändert sich so manches, auch Musikstile und Techniken. Was ist also von einem Album von Peter Gabriel zu erwarten, wenn es die erste Veröffentlichung nach einer Dekade darstellt? Vieles, sehr vieles. Schnell ist die Verpackung offen, die Scheibe im Player. Doch was ist das? Leises Geklimper, eine Stimme? Die Hand greift zum Lautstärkeregler und dreht die Boxen auf; ein grosser Fehler. Denn der Opening-Track „Darkness“ offenbart sich als Monster mit zwei Seiten. Brachiale Soundwellen und leise Zwischenstellen, ein mehr als eindrücklicher Einstieg in das neue Werk.

Herr Gabriel ist mit „UP“ ein Kunstwerk gelungen welches sich schwer mit seinen alten Alben vergleichen lässt. Die gängigen Popmerkmale welche auf früheren Platten (insbesondere „SO“) zu finden waren sind nun komplett verschwunden. Ihren Platz haben ausgeklügelte Klangwelten und Tonfragmente eingenommen, getragen von der wunderbaren Stimme des Meisters. So mancher Song entpuppt sich nach mehrmaligem Genuss als wunderbar arrangiertes Flechtwerk aus einzelnen Melodiefetzen und Klängen. Töne formen sich zu Figuren, die Lieder gewinnen immer mehr an Tiefe. Dabei finden viele moderne Stilarten den Weg in die Lieder, krachende Gitarren und schneidende Synthies duellieren sich mit klassichen Drums und Piano. Der Hörer könnte aber besonders zu Beginn von der Vielfalt und Verstricktheit der Stücke abgeschreckt sein. Jeder einzelne Teil des über eine Stunde langen Albums braucht seine Momenten und eine gewisse Zeit, nebenbei lässt sich das Album fast nicht hören, es benötigt Aufmerksamkeit. Wer aber genau hinhört wird mit einer unfassbaren Tiefe belohnt.

Mir selber ging es zu Beginn ähnlich, mittlerweile ist „UP“ fast mein liebstes Album von diesem Ausnahmekünstler geworden, gerade wegen den vielen Schichten und intensiven Momenten. Obwohl die Stimmung meist sehr düster und traurig ist machen die Lieder süchtig. So habe ich bei jedem Hördurchgang ein neues liebstes Stück. Mal das elektronische „Growing Up“ mit kryptischem Text und pulsierendem Beat, dann wieder das melancholische und aufbäumende „More Than This“. Je nach aktueller Stimmung und Gemütslage scheint sich auch das Album dem Hörer anzupassen. Die Produktion ist perfekt und auf dem neusten Stand des Möglichen, die Musiker sind alle die Besten ihres Fachs und zeigen auch bei komplizierten Parts keine Schwächen. Auch die Stilvielfalt ist beeindruckend, nebst den düsteren Breitwandepen wie „Signal To Noise“ oder „Darkness“ finden auch beatlastige Stücke wie „Growing Up“ oder ruhige und besinnliche Momente („I Grieve“, „The Drop“) ihre Platz. Ein Strauss an schönen, traurigen und unvergesslichen Klänge, und wenn Melodien wie die von „Skyblue“ erklingen kann man nur ehrfürchtig lauschen, das Lied ist herzerwärmend und -zerreissend zugleich. Immer erwachsen und intensiv.

Anspieltipps:
Darkness, Skyblue, More Than This

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